DFB-Präsentation Das ist der Gipfel
Es ist noch nicht lange her, da war der Bodensee der Favorit von Oliver Bierhoff. Das Dreiländereck, Österreich und die Schweiz um die Ecke, das versprach gute Bilder. Viele Kameras hätten die EM-Kaderpräsentation in die Welt versendet, das Boot mitten auf dem See, vielleicht Michael Ballack mit Kapitänsmütze und Joachim Löw am Steuer.
Doch daraus wurde dann nichts. Es war kein Platz für die Kameras auf dem Boot.
Flick, Löw, Köpke, Bierhoff (oben, v.l.n.r.): Keine Gipfel-Garantie
Foto: DPAAuf 2962 Meter Höhe, vor der Panoramalounge auf der Zugspitze, haben sich Wolken wie Decken auf den Berg gelegt. Aber sie wärmen nicht, sie stören. Zwanzig Fotografen sind da, sieben Fernsehsender übertragen die Bekanntgabe des EM-Kaders. Es ist jede Menge Platz für Kameras hier oben. Aber statt Bildern von Bergpanoramen gibt es Nebel.
Es ist ein ganz kleiner Rückschlag für die DFB-Verantwortlichen, die die Veranstaltung bis ins kleinste Detail geplant haben. Schwere Ausrüstung wurde in Kisten über Lastgondeln auf den Gipfel gebracht, mediale Hochtechnologie, Aufsteller. Es gibt einen Zeitplan für alles, den Transfer der Journalisten nach oben, die Werbeaktion von Mercedes, die Präsentation des Kaders, die Abfahrt. Perfektion ist der Maßstab, an dem sich der Verband misst. Aber die Wolken sind ein Gegner, den man nicht kontrollieren kann. Die Wolken machen, was sie wollen.
Zwei Stunden zuvor steht Oliver Bierhoff im Führerwagen der Zugspitzbahn und macht eine Lautsprecherdurchsage. "Ich hoffe, dass es für uns von heute an auch bergauf geht", sagt der Teammanager, der in einem Werbespot auch schon mal den DFB-Bus lenkte. Es ist die erste Metapher des Tages, hinauf auf den Gipfel soll der Weg führen, fußballerisch wie auch transporttechnisch. Vorerst schleicht die Bahn und wackelt manchmal. Ein Fotograf rollt mit den Augen.
"Bergtour" hat der Teampsychologe Hans-Dieter Herrmann den Kampf um den EM-Titel genannt, es ist der Slogan, mit dem alles begann. Er ist zur Corporate Identity der DFB-Elf geworden, ein verschworener Haufen von Bergsteigern, der es nach ganz oben schaffen will. Mercedes hat mit den Spielern einen Werbespot gedreht, in dem erst Bernd Schneider an einem Hang ausrutscht und von Jens Lehmann per Seil gerettet wird. Und am Ende stehen Ballack, Kuranyi, Schweinsteiger und all die anderen oben auf dem Berg und schauen in die Ferne.
Auf 2600 Metern Höhe, der Sonn Alpin, macht die Zugspitzbahn eine kurze Pause. Eine Überraschung ist vom DFB angekündigt worden, und man fragt sich, ob jetzt vielleicht Reinhold Messner mit Eispickel und Seil auftaucht und dem Team viel Glück wünscht. Stattdessen kommt ein Mercedes durch den Schnee gefahren, und es steigen aus: Thomas Helmer, Markus Babbel, Hansi Müller und Herbert Wimmer. Die Symbolik erschließt sich mit ein bisschen Verspätung: Alle vier waren mal Europameister.
Müller hat ein Seil, einen Eispickel und einen Hut mit Sonnenbrille dabei. Er überreicht das alles an Bierhoff, dann werden die Hände geschüttelt. Die fünf lächeln in die Kamera. Auch die fünf Europameister sind jetzt Darsteller auf der "Bergtour", der ein mitreißender Abenteuerfilm sein soll aber langsam zu nerven beginnt, weil die ganze Bergsteiger-Metaphorik einfach nicht mehr auszuhalten ist.
"Wir wollen eine Symbolik schaffen, wir wollen auf den Gipfel", sagt Bierhoff auf der Zugspitze. Er will das nicht hochnäsig verstanden wissen, "im Gegenteil, wir haben noch einen langen Weg vor uns". Es wird nicht leicht bei der EM, das will er sagen. Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft. Draußen kann man das Gipfelkreuz sehen, 2962 Meter, weiter nach oben geht es in Deutschland nicht. Neben dem Nebel scheinen die österreichischen Alpen durch. Die sind noch höher.
Bergsteigen ist ein schmaler Grat. Es gibt keine Gipfel-Garantie. Nur eines ist sicher: Irgendwann geht es wieder bergab.