DFB-Problem Standards Wundermittel gegen Portugal
Dieser Schuss war so gut, dass selbst der Reporter der ehrwürdigen BBC in Freudenschreie ausbrach. Der "first direct free kick", der erste direkt verwandelte Freistoß dieser Europameisterschaft sei es gewesen, den Michael Ballack da aus 25 Metern ins Tor gehauen hatte.
Mit weit über 100 Stundenkilometern sauste die Kugel kometengleich an der Mauer vorbei ins rechte obere Eck. Das Spiel war entschieden, die restlichen Rumpelfussball-Minuten vergessen und man hätte fast meinen können: Freistöße, ja, die können sie, die Deutschen. Wenigstens etwas.
Doch auf diese Qualität sollte man sich im DFB-Lager vor dem Viertelfinale am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) lieber nicht verlassen. "Gegen Portugal muss eindeutig mehr kommen", warnt Franz Beckenbauer. Bloß was?
Trotz des Freistoßtreffers von Ballack sind es vor allem die Standardsituationen, wie zum Beispiel Eckstöße, bei denen der deutschen Nationalmannschaft das Feingefühl, die Präzision und vor allem die nötige Kreativität fehlt. Dieses Problem ist nicht neu. Löw gestand bereits am Anfang der EM-Vorbereitung ein, dass das Training von Standardsituationen innerhalb der letzten beiden Jahre zu kurz gekommen sei. Er versprach, dies im Trainingslager in Tenero nachzuholen.
Doch um erfolgversprechende Variationen einzustudieren, benötigt man viel Zeit. Genau die hatte Löw aber nicht. Gerade einmal drei Trainingstage blieben vor dem ersten EM-Spiel gegen Polen. Nach der Niederlage gegen Kroatien (1:2) musste der Bundestrainer sich schon wieder grundlegenden Dingen wie der Abstimmung innerhalb der Abwehr und des immer noch nicht harmonierenden Mittelfelds widmen. Die mangelnde Übung der Standardsituationen könnte sich jetzt rächen.
"Es sind genau die Standards, mit denen man die Portugiesen schlagen kann", sagt der zukünftige Trainer von Borussia Dortmund, Jürgen Klopp, zu SPIEGEL ONLINE. Wer die Mannschaft von Luiz Felipe Scolari bei dieser Europameisterschaft beobachtet, weiß, dass seine Spieler am Boden kaum zu überwinden sind. "Aber die Strafraum-Beherrschung des portugiesischen Torwarts Ricardo entspricht nicht gerade Weltniveau und außerdem fehlt ihnen das Verteidiger-Gen", sagt Klopp.
Zwei Tage bleiben dem deutschen Trainerstab noch, um an der Ausführung der Standards zu feilen. Und auch wenn der DFB laut Klopp "keine ausgewiesenen Standardspieler" im Team hat, ist das Spiel gegen Portugal noch lange nicht verloren. Bisher war es vor allem Torsten Frings, der die Eckbälle ausführte und bis auf zwei Schüsse nicht in der Lage war, den Ball in der Nähe seiner kopfballstarken Mitspieler wie Ballack oder Miroslav Klose zu plazieren. Vergleicht man die Freistöße von Frings mit denen des Kroaten Dario Srna, liegen dazwischen in Sachen Schusshärte und Timing Welten.
Klopp rät: "Ich sehe nicht nur Frings als möglichen Schützen. Thomas Hitzlsperger könnte diese Lücke füllen. Oder Lukas Podolski, der hat einen sensationellen Schuss und warum sollte nicht auch Philipp Lahm öfter eine Flanke zum Tor hin schlagen?".
Klopp, der bei der EM als Experte für das ZDF Spiele analysiert, sieht noch eine andere Schwachstelle bei den Portugiesen. Es sei jetzt an der Zeit, an die extreme Stärke der WM 2006 anzuknüpfen und das Spiel gegen den Ball, das mannschaftliche Verteidigen, zu optimieren. "Das schmeckt den Portugiesen gar nicht, weil sie sehr zentriert spielen." Doch von jener Form, in der man selbst Gegnern wie Argentinien, Italien oder Portugal Druck machen kann, sind die Deutschen weit entfernt. Ein Freistoß könnte da viel helfen.