DFB-Remis gegen England Bis zum Strafraum und nicht weiter
So schwanken die Spiele und die Gefühle. So schnell wandert der Fokus vom Lob der Offensive zum Preisen der Defensive. So schnell ist auch ein Titelverteidiger auf einmal nur wieder einer von dreien in seiner Gruppe, die um das Viertelfinale kämpfen. Und dabei ausscheiden können. Der unerwartete Dämpfer für die Weltmeisterinnen aus Deutschland resultierte aus einem torlosen Spiel gegen England, ein 0:0 jener Sorte, die genau das ist, was dieses Ergebnis andeutet: Hier wie da so gut wie keine zwingenden Torchancen, hier wie da Mühsal im Mittelfeld. Es war taktisch nicht uninteressant, aber es gibt schönere Spiele.
Nach dem Torfest gegen Argentinien gelang den Deutschen gegen England kaum einmal ein Angriff, der bis in den Strafraum lief. Nach dem sicherlich mangels Gegenwehr einfachen, aber doch auch konsequent angelegten Flügelspiel vom Montag gegen Argentinien lief heute so gut wie nichts Produktives über die Außen.
Melanie Behringer, auf dem linken Flügel selbst betroffen und nach einer Stunde ausgewechselt, bekannte trocken: "Wer den Ball hatte, hatte die Arschkarte, es hat sich keiner angeboten." Birgit Prinz, die vergeblich versucht hatte, am Ende wenigstens über schieren Willen zum Torerfolg zu kommen, wie es ihr sonst oft gelingt, nölte mit herabgezogenen Mundwinkeln: "Wir waren nicht die Kreativsten."
Das war offensichtlich - auch im zentralen Mittelfeld. Dort wirkte Simone Laudehr in etwas angriffsfreudiger angelegtem Spiel zwar sicherer als gegen Argentinien, trat zwischendurch aber zu leichtgewichtig auf. Weiterüben kann sie ihre Rolle vorerst nicht. Gegen Japan am kommenden Montag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist Laudehr nach ihrer zweiten Gelben Karte gesperrt.
Das spielgestalterische Unvermögen der Deutschen hatte aber auch etwas mit der Leistung der Gegnerinnen zu tun. Eine Kopie des weltmeisterlichen Originals im engeren Sinne, wie von Bundestrainerin Silvia Neid prognostiziert, war deren Spielanlage nicht unbedingt. Trainerin Hope Powell hatte im Vergleich zum Spiel gegen Japan Personal getauscht und Positionen umbesetzt. Dass sie ihre Gründe auch nach dem Spiel nicht darlegen mochte, begründete sie so: "Ich werde das nicht sagen, falls wir die Deutschen im Finale wiedertreffen sollten." Natürlich war das als launiger Lacher angelegt. Aber es war auch das Statement einer Trainerin, die sich sehr freute, dem Weltmeister Paroli geboten zu haben.
Unter anderem rückte gegen Deutschland Kelly Smith weiter nach vorn, hinter ihr im Mittelfeldzentrum arbeitete ein Dreiergespann zusammen, das munter rotierte. Mit anderen Worten: Während sich die Deutschen an die von Trainerin Silvia Neid so geliebte Grundordnung rund um die Doppelsechs hielten, ließ Hope Powell ihre Spielerinnen gerade im Zentrum variabel auftreten. Der Versuch der Deutschen, im Positionsspiel variabel zu sein, indem die Außen Kerstin Garefrekes und Behringer die Positionen tauschten, dauerte nur ein paar Minuten. Und nützte nichts. "Wenn wir unsere Topform abrufen, hat auch England keine Chance gegen uns", hatte Ariane Hingst vor dem Spiel gesagt. Da war die Topform wohl auf dem Weg ins Stadion verloren gegangen.
Prinz relativierte nach Spielschluss, das Hauptziel der Engländerinnen sei doch wohl Destruktion gewesen: "Ich denke, grundsätzlich wollten sie unsere Offensive ausschalten." Und tatsächlich war Kelly Smith hin oder her auch das Angriffsspiel der Engländerinnen eher bescheiden, vor allem in der zweiten Halbzeit. Um zum Positiven bei der deutschen Mannschaft zu kommen: Die Defensive war im seltenen Notfall gut positioniert.
Annike Krahn, die die verletzte Sandra Minnert in der Innenverteidigung ersetzte, stellte im direkten Duell gegen Smith von Anfang an kaltschnäuzig klar, dass sie keine Hemmungen vor konsequentem Körpereinsatz befallen würden. Gegen die gefüchrtete Kelly Smith zu spielen, sagte sie später, sei "auch nicht anders als gegen andere". Dass Krahns eigener Kopfball nach einer Ecke von Renate Lingor in der fünften Minute schon einer der wenigen Höhepunkte des Spiels sein würde, konnte da noch niemand wissen.
Zwei Minuten später klärte Torhüterin Nadine Angerer einen weiten Ball von Faye White kurios zur Ecke. Sie habe gedacht, sagte Angerer, "ich sei außerhalb des Strafraums". Was nicht der Fall war. Vielleicht wäre es ein schöneres Spiel geworden, wenn hier wie da die Tore gefallen wären. Was nun allseits unerwartet der Fall ist: Deutschland ist noch nicht fürs Viertelfinale qualifiziert. Es muss gegen Japan einen Punkt holen.
England hat derweil den Weltmeister insoweit erfolgreich kopiert, dass es nach diesem Remis ebenfalls aus eigener Kraft die Gruppenphase überstehen kann: Powells Team muss nur mit zwei Toren Unterschied gegen Argentinien gewinnen.