Mittelfeldspieler Khedira: Bei Real auf der Bank, Ballack im Nacken
DFB-Sechser Khedira Neustart bei null
Als Anhänger der verbalen Zurückhaltung hat sich Sami Khedira bisher nicht hervorgetan, und daher erstaunte es niemanden, dass der Nationalspieler für den kommenden Dienstag ein "schönes Spiel mit vielen Toren" versprach. Aserbaidschan heißt der Gegner in Köln (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), da kann man sich schon mal aus dem Fenster lehnen. Für Khedira aber wird es nicht nur um Tore und Schönheit gehen.
Nach seiner mageren Leistung beim 1:0 gegen Belgien sollte der 23-Jährige sich erheblich steigern, um ein wenig Ruhe in die Michael-Ballack-Debatte hineinzubekommen, die Deutschland in den vergangenen Wochen ähnlich intensiv zu bewegen schien wie die Kontroverse um Laufzeiten von Atomkraftwerken. Denn seit der Ankündigung von Bundestrainer Joachim Löw, die Rückkehr Ballacks allein von sportlichen Überlegungen abhängig zu machen, spielt Khedira eine zentrale Rolle in dieser Geschichte.
Er befinde sich in einem "rein sportlichen Wettkampf" um den Platz neben dem gesetzten Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld, stellte Khedira in der Nacht von Brüssel noch einmal fest. Es ist ein Wettkampf, der sich zum Fernduell entwickelt. Während Ballack in einem Testspiel von Bayer Leverkusen 4:0 gegen Schalke 04 gewann und dabei den unauffälligen Ballverteiler gab, suchte Khedira in Brüssel vergeblich nach der Autorität, die er bei der WM ausstrahlte. Derzeit befinden sich beide Kandidaten auf Formsuche, beide müssen sich in einem neuen Club zurechtfinden, und vieles deutet darauf hin, dass der zu Real Madrid gewechselte Khedira nach der WM einen Vorsprung hat.
Integrationsvorteil für Ballack, Chance für Khedira
Es zeugt vom Selbstvertrauen Khediras, dass er diesen Vorteil eigentlich gar nicht haben will. Verdienste der Vergangenheit "dürfen keine Rolle mehr spielen", sagte Khedira, wohlwissend, dass eine solche Aussage auch seine tollen Leistungen in Südafrika impliziert.
Das Duell fängt also bei null an, und für Khedira ist das mit einem gewissen Risiko verbunden. Schließlich ist Real-Trainer José Mourinho ein unberechenbarer Zeitgenosse, am ersten Spieltag der spanischen Primera Divisón gehörte Khedira nicht zur Stammelf, und in einem Zeitungsinterview beschwerte Mourinho sich über mangelnden Integrationswillen und unzureichende Sprachkenntnisse des Deutschen.
EM-Qualifikation: Stotterstart gegen Belgien
Jenseits des Platzes wird Ballack es bei Leverkusen daher leichter haben, sich zu integrieren. Dafür hat sein Kontrahent die wunderbare Chance, als junger Spieler bei einem der besten Clubs der Welt zu reifen.
Dazu muss er aber erst mal richtig ankommen. Die Tatsache, dass ausgerechnet Khedira und Mesut Özil die größten Probleme hatten, in die Partie gegen Belgien hineinzufinden, könnte auch mit den Widrigkeiten zusammenhängen, die so ein Wechsel mit sich bringt. Er habe eben erst "ein Spiel über 90 Minuten" für seinen neuen Club absolviert, sagte Khedira, was einerseits eine Erklärung sein könnte, andererseits aber auch ein bedenkliches Signal.
Er wäre nicht der erste, der sich mit einem Wechsel zu einem internationalen Großclub übernimmt, und in Madrid hat er keine Zeit, sich über zwei, drei Jahre langsam an die neuen Begebenheiten zu gewöhnen. Zumal Real ganz dringend und sehr schnell viele Titel gewinnen muss. "Mourinho gibt sich mit nichts zufrieden", hat Khedira dieser Tage der "Stuttgarter Zeitung" erzählt, noch nie habe er bei einem Trainer "diese Akribie und diese Zielstrebigkeit" erlebt.
Leistet sich Khedira ein Krisenjahr?
Sollte Khedira sich in Madrid allerdings durchsetzen, dann hat er tatsächlich gute Chancen, zu einem echten Weltklassespieler zu reifen, und die ganze Ballack-Debatte wäre wahrscheinlich hinfällig. Andererseits würde es aber auch nicht verwundern, wenn sich so ein junger Fußballer irgendwann ein Krisenjahr leistet. Spieler, deren Leistungskurve permanent nach oben geht, gibt es nicht, und bei Khedira wäre nach der WM und seinem Wechsel ein logischer Zeitpunkt für eine schwächere Phase.
Aber bei dem ehemaligen Stuttgarter gehört es sozusagen zur Familiengeschichte, die Heimat zu verlassen und sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden. Der Vater ist vor 30 Jahren aus Tunesien nach Deutschland emigriert. "Es war damals eine sehr mutige Entscheidung meines Vaters, der über keine Ausbildung und keine Sprachkenntnisse verfügte, aber er hat eben auf sein Herz gehört, er ist einfach raus auf die Straße gegangen und hat sich durchgesetzt", hat Khedira einmal gesagt.