DFB-Sieg gegen Aserbaidschan Mutmacher mit Makel
Nationalstürmer Klose: Erfolgreich gegen Aserbaidschan
Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty ImagesErgebnisse im Fußball können ehrlich sein und die ganze Wahrheit über ein Spiel verraten. Aber sie können auch lügen. Deutschland hat in Hannover gegen Aserbaidschan vier Tore geschossen und keins kassiert. Deutschland hat vorne dominiert und hinten gut gestanden, erzählt das Ergebnis. Und auch, dass das eine Vorführung gewesen sein muss für den armen Gegner.
Aber ist das die Wahrheit?
Man muss nur Joachim Löw fragen und schon erfährt man, dass dieses Spiel viele Wahrheiten hat. Mindestens eine davon ist sehr unangenehm. Löw sitzt auf dem Podium und er spitzt die Lippen ein bisschen, wie der Bundestrainer das nur selten macht. Dann nämlich, wenn er sauer ist. "Mit dem Spiel bis zur Halbzeit war ich absolut unzufrieden", erzählt Löw, "und das habe ich der Mannschaft auch deutlich gesagt."
Wie eine schwere Filzdecke hatten sich eklatante Einfallslosigkeit und Passivität über das deutsche Spiel gelegt - und das, obwohl das DFB-Team gegen Aserbaidschan doch so dynamisch begonnen hatte und schnell durch Michael Ballacks Foulelfmeter in Führung gegangen war. Oder vielleicht genau deshalb?
Divenhafte Form von Arbeitsverweigerung
Aus Löws Analyse stach später das Wort "Kernproblem" heraus. Probleme als solche sind ja vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Russland am 10. Oktober unerwünscht - umso größere Sorgen bereiten dann möglicherweise tiefer gehende Unzulänglichkeiten. Fehlende Laufbereitschaft und laxe Zweikampfführung machte der Bundestrainer gegen Aserbaidschan aus, Miroslav Klose sah in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit sogar eine divenhafte Form von Arbeitsverweigerung: "Wir wussten, dass sich die Aserbaidschaner hinten reinstellen würden. Und da muss dann eben jeder Einzelne noch mehr laufen - aber dafür waren wir uns wohl zu schade."
Die schonungslose Analyse der beiden lässt erahnen, dass sie den 4:0-Erfolg als das sehen, was er aufgrund der Höhe des Ergebnisses eigentlich nicht sein kann: ein Dämpfer zur richtigen Zeit. 25 Minuten wie die bis zur Pause in Hannover könnten in Moskau den Traum von der WM-Qualifikation schnell beenden. "Wir müssen die 25 Minuten in der ersten Halbzeit aufarbeiten", sagte Philipp Lahm. So dürfe man sich nicht präsentieren.
Der Rest hingegen machte durchaus Mut.
Da beeindruckte der eingewechselte Andreas Beck als Rechtsverteidiger, der immer wieder unbekümmert an die gegnerische Grundlinie zog und das 3:0 von Klose vorbereitete. Mit ebenjenem Klose, ebenfalls eingewechselt, hatte das träge deutsche Angriffsspiel plötzlich eine bewegliche Spitze und mit ihr Torchancen, die nicht nur Weitschüsse waren - sondern herausgespielt. Und ja: Alle rannten auch wieder mehr. "Die Mannschaft hat eine Reaktion gezeigt", nannte das Löw später. Und Ballack stellte lakonisch fest, die zweite Halbzeit sei "wieder okay" gelaufen.
Mutmacher für die Partie in Moskau
Natürlich bleibt es Spekulation, ob das DFB-Team die "Kombinationsmaschine" (Aserbaidschan-Trainer Berti Vogts) auch hätte anwerfen können, hätte der gegnerische Kapitän Samir Abbasow nicht schon nach 50 Minuten Gelb-Rot gesehen.
Aber für Konjunktive ist kein Platz in den Wochen vor dem "wichtigsten Spiel der ganzen WM-Qualifikation" (Ballack). Das Spiel gegen Aserbaidschan soll - ungeachtet der zwischenzeitlichen Probleme - auch ein Mutmacher sein für die Partie in Moskau. Und so ging Löw nach der Kritik an der eigenen Leistung auch gleich in die verbale Offensive. "Wir haben 22 von 24 möglichen Punkten geholt. Russland muss gewinnen - und wir haben keine Angst."
Was den Bundestrainer optimistisch macht: Seit dem Länderspiel in Baku, das Schlimmes befürchten ließ, hat die Mannschaft zuletzt die These belegt, dass sie vor allem Zeit braucht, um wieder zu ihrem dominanten Spiel zurückfinden zu können. Dass sie von Automatismen getragen werden kann und von der Klasse einiger Einzelspieler.
Die deutsche Verteidigung lässt dem Gegner nicht mehr so viel Raum, das 4-2-3-1 stärkt die defensive Zentrale.
Mit Beck ist eine Alternative gefunden, das deutsche Spiel auch über die Lahm-abgewandte Seite gefährlich zu machen.
Mesut Özil macht das Team in der Offensive ballsicherer. Lukas Podolski scheint im linken Mittelfeld seine Form zu finden.
Den größten Optimismus verbreitet aber ausgerechnet ein ehemaliger Bundestrainer. Schon seit Tagen gibt Berti Vogts den Motivationsguru für das DFB-Team und erklärt, warum Deutschland sich auf jeden Fall gegen Russland durchsetzen werde. Sein Hauptargument, das er auch in Hannover zum Besten gibt: Der russische Fußball habe einen "riesigen Respekt vor dem deutschen".
Auch das ist, wenn man so will, eine der Wahrheiten des Abends. Und das wird auch bis zum 10. Oktober so bleiben. Mindestens.