DFB-Sieg gegen Ecuador Hungrige Helden
Berlin - Manchmal sehen Menschen Dinge, die sie nicht begreifen können, und dann schauen sie wie Luiz Suarez. Sein Blick ist dunkel und der Anzug schwarz, der Trainer Ecuadors könnte auch auf einer Beerdigung sitzen - und nicht tief unten in den Katakomben des Olympiastadions. Suarez spricht von den Fehlern seiner Mannschaft, von "eklatanten Schwächen" in der Abwehr, am Fehlen der fünf geschonten Stammkräfte habe es nicht gelegen, ganz sicher nicht. "Ich bin traurig", sagt er dann noch und geht.
Wie schlecht sich Suarez fühlen muss, begreift man erst, als das Kontrastprogramm die Bühne betritt: Jürgen Klinsmann lächelt wie ein Verliebter in der Fotokabine, der Bundestrainer ist "sehr zufrieden", er spricht von einem "positiven Sieg". Das 3:0 (2:0) in der letzten Vorrundenpartie gegen Ecuador bedeute "Selbstbewusstsein, das jetzt noch weiter gewachsen ist", so Klinsmann. Und Ecuador? "Meine Aufgabe ist es nicht, die Leistung von Ecuador zu beurteilen", sagt Klinsmann. "Wir haben ihnen schon ein Riesenkompliment gemacht." Das hat er auch nach den Erfolgen gegen Polen (1:0) und Costa Rica (4:2) fast wortgleich so gesagt.
So sind sie, diese Deutschen bei ihrer WM, unersättlich, aber immer fair. Der Gegner bekommt Komplimente - nachdem er den Platz als Verlierer verlassen hat. Dreimal war das jetzt schon so. Gegen Ecuador hatte die DFB-Elf zwar nicht das emotionalste Spiel abgeliefert, aber das bisher souveränste. "Wir haben sicher gestanden und so gut wie nichts zugelassen", lobte Michael Ballack. Gegen die deutsche Abwehr, vor der Ballack zusammen mit Torsten Frings verteidigte, kamen die Südamerikaner zu keiner einzigen ernsthaften Torchance. Langsam müssen sich die Gegner deshalb wirklich Sorgen machen, denn die Deutschen scheinen mittlerweile auch ihre Defensive in den Griff bekommen zu haben. "Wir haben die Fehler minimiert, und das in ziemlich kurzer Zeit", sagte Ballack.
Tatsächlich trägt die Taktikarbeit von Assistenztrainer Joachim Löw Früchte. Gegen Polen hatte sich das schon angedeutet, diesmal - wenn auch gegen einen schwachen Gegner - wurde es noch deutlicher. Die Organisation in der deutschen Hintermannschaft stimmt, seit Ballack wieder dabei ist und sich dessen defensives Denken durchgesetzt hat. "Es ist wichtig, dass wir erkannt haben, sicher stehen zu müssen", erklärte der 29-Jährige. Zwei Mittelfeldspieler vor der Abwehr, dazu gelungenes Pressing an den Außenbahnen - so musste auch Robert Huth nicht fürchten, sich in seinem ersten Spiel bei diesem Turnier immer wieder gegnerischen Stürmern allein gegenüber zu sehen, wie das noch im Vorbereitungsspiel gegen Japan (2:2) den Kollegen ergangen war.
Ballack wirkte deshalb sichtlich zufrieden, zumal man aus dieser defensiven Grundhaltung ja auch dominieren und "Tore machen" könne. So geschehen gegen Polen in der allerletzten und heute gegen Ecuador schon in der vierten Minute, einem herrlichen Treffer, an dem alle Mannschaftsteile beteiligt waren.
Bernd Schneider spielte einen halbhohen Ball in den Strafraum, der aufgerückte Verteidiger Per Mertesacker hob ihn quer über Torwart Cristian Mora auf Bastian Schweinsteiger. Der Mittelfeldspieler passte in den Rücken der ecuadorianischen Abwehr auf Miroslav Klose. Und der traf ins lange Eck zum 1:0. Kurz vor der Pause erzielte der Bremer dann noch sein viertes Turniertor, Ballack hatte den Ball in den gegnerischen Strafraum genau in Kloses Lauf gelupft. "Man hat gemerkt, dass die Mannschaft hungrig ist", sagte Klinsmann später.
Der Hunger - Klinsmanns Lieblingswort - hat seit WM-Beginn fast beängstigende Ausmaße angenommen. Klose habe sogar einen "Riesenhunger" auf Tore entwickelt, sagt der Bundestrainer. Mittlerweile hat sich der Bremer zu einem Torjäger von Weltniveau entwickett, "ausgeglichen, erfahren und im besten Fußballeralter", sagt Klinsmann. "Miro hat bei dieser WM die Möglichkeit, herauszuragen, den nächsten Level zu erreichen."
So weit ist der Sturmpartner des 28-Jährigen noch nicht - aber auch Lukas Podolski nutzte das Spiel gegen Ecuador zur Werbung in eigener Sache. Sein 3:0 nach schöner Flanke von Schneider bedeutete das erlösende erste WM-Tor für den Linksfuß.
"Wir wussten, irgendwann wird er treffen", sagt Klinsmann. Für Stürmer seien Tore die "beste Medizin, und wir mussten das jetzt auch üben". Schließlich seien Treffer immer schwerer zu erzielen, je weiter man komme.
Schon im Achtelfinale gegen Schweden wird es alles andere als einfach, weshalb Klinsmann den Erfolg gegen Ecuador am Ende auch noch einmal relativierte. "In den K.o-Runden warten andere Kaliber. Deshalb war es auch so wichtig, dass wir heute zu null gespielt und gewonnen haben. Das bringt uns wieder ein bisschen mehr Respekt von den Gegnern, daran arbeiten wir ja schon seit zwei Jahren."
Zur Einstimmung auf die nächste Aufgabe setzte sich die deutsche Elf am Abend gemeinsam vor den Fernseher. Nach dem Abendessen.