DFB-Sieg in Wales Das System ist der Star
Cardiff - Man kennt sie ja, diese Schauergeschichten über britische Fußballer. Sie handeln von Haudegen, groß wie Einbauschränke und auch so breit, mit Zahnlücken und Tattoos. Es heißt, dass sie ihre Gegner erst brutal treten und ihnen danach auch noch die Hand schütteln wollen. Man musste deshalb durchaus Angst haben um Miroslav Klose, als dieser Mitte der ersten Halbzeit sogar von drei Walisern umzingelt war. Gleich würden die Männer mit der Trage auf den Platz hetzen und den sich am Boden wälzenden deutschen Stürmer abtransportieren. Aber es passierte - nichts.
Diese Szene und das, was folgte (Klose drehte sich mit dem Ball am Fuß und ließ die drei Verteidiger entnervt zurück) standen in vieler Hinsicht symbolisch für das, was sich während des 2:0 (1:0)-Erfolgs in Cardiff abspielte. Leichtfüßige Deutsche trafen auf fast körperlos agierende Waliser - deren Hosen nach dem Spiel immer noch so weiß waren wie beim Anpfiff. Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger ("Ich hatte ein Kampfspiel erwartet") war davon überrascht, hatte aber in den muffigen Katakomben des Millenium Stadiums gleich die passende Erklärung bereit: "Das hat unsere Mannschaft gar nicht zugelassen."
So haben sich die Zeiten geändert. Mit Schaudern in der Stimme erinnerte Zwanziger an frühere Tage ("Was haben wir uns da gegen solche Gegner schwer getan"), als deutsche Nationalmannschaften vor Duellen auf der Insel vorsichtshalber noch eine Auslandskrankenversicherung abschlossen, und auch Verteidiger Christoph Metzelder verspürte einen Phantomschmerz, als er auf das letzte Duell in Wales 2001 angesprochen wurde. Damals verlor das DFB-Team 0:1, und Metzelder lieferte sich ein hartes Duell mit dem Möbelpacker John Hartson. "Es tat beiden weh", sagte Metzelder. Er lächelte dabei.
Sechs Jahre später hieß der Gegenspieler des Innenverteidigers Freddy Eastwood, ein eher schmächtiger Stürmertyp, der nach einem Kopfballduell mit Metzelder unsanft auf dem Boden landete. Wales ist nicht mehr das Wales von damals, und Deutschland auch nicht. Trainer John Toshack ("Über das Ergebnis kann ich mich nicht beschweren") musste neben der spielerischen Überlegenheit des Gegners nachher auch die physische Unterlegenheit seiner eigenen Mannschaft einräumen. Metzelder jedenfalls war eine gewisse Freude darüber anzusehen, dass die Waliser im Angriff verzweifelten - "weil wir die Bälle hinten rausgespielt, nicht rausgehauen haben". Die Zeiten haben sich wirklich geändert.
So klingen keine devoten Gäste, aus Metzelders Worten spricht das über mehr als zwei Jahre gewachsene Selbstbewusstsein einer Mannschaft, die ihre EM-Qualifikationsgruppe mit nicht weniger als acht Punkten Vorsprung auf den Dritten Irland anführt. Und die mittlerweile in der äußerst kommoden Situation ist, jeden Spieler ersetzen zu können. Schon beim 2:1-Sieg in England hatte ein mit dem Zusatz "B" bezeichnetes Team die Gastgeber beherrscht, und auch in Cardiff zerschlug sich schnell die Hoffnung der Waliser, die DFB-Elf könne durch die vielen Ausfälle aus dem Konzept geraten. Immerhin lief der eigentliche Linksaußen Bastian Schweinsteiger im zentralen Mittelfeld auf, erstmals neben Thomas Hitzlsperger, der wiederum Philipp Lahm ersetzte. Schweinsteigers Rolle übernahm Marcell Jansen, der links hinten von Christian Pander vertreten wurde.
Die Frage, ob so viele Spieler auf ungewohnten Positionen den Spielfluss brechen könnten, beantwortete die Mannschaft mit einem Nein plus Ausrufezeichen. Sie lieferte vielmehr den letzten Beweis dafür, dass das deutsche Spielsystem mit den Schlagworten "schnelles Umschalten nach Ballgewinn", "Direktspiel" und "Vertikal- statt Querpässe" von allen verinnerlicht ist. "Das System steht vor dem Spieler", nennt Metzelder das.
Wer das alles schon ahnte, den konnte auch nicht überraschen, dass insbesondere das Mittelfeld-Duo in Wales systematisch funktionierte. Hitzlsperger gewann wichtige Zweikämpfe wie den vor dem 1:0, passte dann auf Kevin Kuranyi, der wiederum Klose zur Führung assistierte (8.). Gäbe es ein Begleitbuch zum Löwschen Spielsystem, der Spielzug zum ersten Treffer wäre unter dem Kapitel "Gesamtzusammenfassung des Erlernten" zu finden. Roberto Hilberts Flanke auf Klose zum 2:0 (60.) fiele unter die Rubrik "Nachsetzen nach verlorenem Zweikampf".
Oder Schweinsteiger: Der Münchner, den Ex-Bayern-Trainer Felix Magath in der vergangenen Saison als Ballack-Ersatz aufbauen wollte, das Experiment dann aber frühzeitig abbrach, forderte den Ball, dribbelte sich durch die Fünfer-Mittelfeldreihe des Gegners, passte, grätschte und traf in der zweiten Halbzeit die Querlatte. "Schweinsteiger und Hitzlsperger haben sehr gut harmoniert, sich immer wieder abgewechselt in der Offensive" lobte Klose. DFB-Präsident Zwanziger ("Schweinsteiger ist ein Spaßfußballer, auf den wir lange gewartet haben") berichtete aber auch von Panikattacken: "Manchmal treibt er mich mit seinen Tricks in den Wahnsinn." Schweinsteiger selbst lächelte bei der Frage, ob er die zentrale Rolle gerne behalten würde.
All das wirft eine andere Frage auf, diese: Braucht es überhaupt noch Konstanten in einem Team, in dem Jens Lehmann womöglich auch als Rechtsverteidiger funktionieren würde und Bernd Schneider als Torwart? Endgültig beantwortet werden kann sie im Fall der Innenverteidigung noch nicht, zu lange spielen Metzelder und Per Mertesacker jetzt so gut zusammen. Klose ist ganz sicher nicht zu ersetzen. In seinem ersten Spiel als DFB-Kapitän schoss er gleich zwei Tore. Joachim Löw sollte ihn unbedingt im Sturm lassen. Auch wenn Klose ganz sicher auch in der Abwehr eine gute Figur abgeben würde.
Wales - Deutschland 0:2 (0:1)
0:1 Klose (5.)
0:2 Klose (60.)
Wales: Hennessey - Bale, Gabbidon, Collins, Nyatanga - Ricketts, Koumas ab 67. Fletcher, Davies ab 79. Crofts, Ledley ab 46. Earnshaw - Robinson, Eastwood. - Trainer: Toshack
Deutschland: Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Pander ab 46. Trochowski - Hilbert, Hitzlsperger, Jansen - Schweinsteiger - Klose ab 87. Helmes, Kuranyi ab 73. Podolski. - Trainer: Löw
Schiedsrichter: Mejuto Gonzalez (Spanien)
Zuschauer in Cardiff: 31.000
Gelbe Karten: Gabbidon, Collins / -