DFB-Sieg Zum Glück gezwungen
Manchmal sind es Minuten, die über Schicksale entscheiden, im Falle des deutschen Fußballs waren es sogar nur 21 Sekunden. Gerade erst war die zweite Halbzeit des Länderspiels gegen die USA angepfiffen worden, als sich Bastian Schweinsteiger den Ball auf der linken Seite zum Freistoß zurechtlegte, wenig später lag der Ball im Tor der Gäste.
Es war die glückliche Führung der deutschen Mannschaft doch was Schweinsteiger da mit ins Netz befördert hatte, war auch der ganze psychische Ballast des Teams. "Dieses Tor war sehr wichtig für uns", sagt Jürgen Klinsmann später, und auch, dass der 4:1 (0:0)-Erfolg gegen die USA ein schönes Resultat sei. Erleichtert wirkt er nicht, eher kämpferisch nach den Wochen der Kritik, die durch das 1:4 in Italien entstanden war. "Wäre das so weitergegangen, hätten wir die WM riskiert. Nun können wir in Ruhe weiterarbeiten und uns auf die WM vorbereiten." Aus einem 1:4 war ein 4:1 geworden, durch "guten Teamgeist in der zweiten Hälfte", wie Klinsmann betont. "Wir wollten es zwingen."
Die Ansprache des Coaches in der Kabine muss deutlich gewesen sein, denn in der ersten Halbzeit hatte es lange nicht so ausgesehen, als würde die Wiedergutmachung für die Blamage von Florenz gelingen können. Zwar begann die Elf des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), im ungewohnten System mit drei Stürmern und drei Mittelfeldspielern, druckvoll und spielte sich durch Lukas Podolski und Kapitän Michael Ballack schnell zwei gute Chancen heraus, doch schon nach 15 Minuten war der Sturmlauf wieder vorbei.
"Man hat danach gemerkt, dass unsere Mannschaft sehr wohl durch die Kritik der vergangenen Wochen belastet war", sagte Verteidiger Christoph Metzelder. Wie ein schweres Tuch hatte sich die Nervosität wieder über das Team gelegt, nachdem selbst gegen die zunächst noch desorganisiert wirkenden Amerikaner kein Treffer gelingen wollte.
Ein Pass von Sebastian Kehl, der kurz zuvor noch beim Mitspieler gelandet wäre, rollt ins Aus, ein Lauf von Arne Friedrich auf der rechten Seite, der kurz zuvor noch mit einer Flanke abgeschlossen worden wäre, endet an einem amerikanischen Abwehrbein. Nichts lief mehr zusammen im Aufbau, die Körpersprache von Bernd Schneider zur Mitte der ersten Hälfte sprach für sich: er hob die Schultern und schüttelte den Kopf. "Wir konnten das Tor einfach nicht machen, deshalb haben wir nachgelassen", erklärte Klinsmann.
Kein Verschieben war mehr zu sehen bei gegnerischem Ballbesitz in Richtung der amerikanischen Außen, stattdessen Fehlpässe en masse und ein desorientiertes Stürmertrio, das sich "falsch bewegt" und "gegenseitig auf den Füßen herumgestanden" habe, wie Miroslav Klose es nannte. Im Falle des Bremers, hieß das, dass er Flanken schlug, obwohl er eigentlich in der Mitte stehen und die Hereingaben von Podolski und dem dritten Stürmer Gerald Asamoah verwerten sollte.
Neuville macht auf sich aufmerksam
Es war deshalb bezeichnend für das einfalls- und ziellose Spiel der Deutschen, dass Schweinsteigers Treffer, der erste und entscheidende der Partie, nach einem ruhenden Ball fiel. "Wir haben durch diesen dummen Fehler die Partie verloren", erklärte Gästetrainer Bruce Arena. Er hatte in Dortmund nicht mal eine B-Elf aufbieten können, der ehemalige Leverkusener Landon Donovan, eigentlich gesetzt, zum Beispiel ist verletzt. Trotzdem hielt das Team mit den Bundesliga-Profis Kasey Keller (Borussia Mönchengladbach) und Steven Cherundolo (Hannover) in den ersten 45 Minuten mit, dann fiel es auseinander. "Nach 70 Minuten waren die Jungs, die zu Hause in den USA spielen und dort gerade erst die Saisonvorbereitung machen, kaputt", sagte Arena.
So kam es, dass die einen abbauten und die anderen durch einen Treffer Sicherheit und Selbstvertrauen bekamen. Klinsmanns Systemumstellung in der Halbzeit auf das bewährte 4-4-2 (Schweinsteiger war für Podolski gekommen) sorgte zudem dafür, dass das Spiel in die Breite gezogen wurde und die Spitzen mehr Freiheiten hatten. Dort wurde neben Klose ein Mann zum Gewinner des letzten Tests vor der Nominierungsfrist für den WM-Kader, der nur durch die Verletzung des Wolfsburgers Mike Hanke wieder ins Team gerückt war: Oliver Neuville.
Der 32-jährige Gladbacher, in der 67. Minute für Asamoah eingewechselt, traf nach Kloses Vorarbeit aus 20 Metern erst zum 2:0 (73.) und legte dem Bremer zwei Minuten später per Hackentrick das 3:0 auf. In der 78. Minute trat dann auch noch mal Ballack in Erscheinung, der per Kopf das 4:0 erzielte. Der hatte noch am Vortag gefordert, dass man die "Suppe, die wir uns in Italien einbrockt haben", auch "selbst auslöffeln" müsse. Und er hatte sich für Oliver Kahn als Nummer eins im deutschen Tor ausgesprochen.
Aber ausgerechnet der Mann, dessen Lieblingswort "Druck" ist und der den des Gewinnenmüssens nach eigenen Aussagen seit jeher gewohnt ist, leistete sich einen Aussetzer, als er unter einem aufsetzenden Pass durchtauchte und der Ball hinter ihm zum 4:1 im Netz landete.
Der entscheidende Rückschlag im Kampf gegen seinen Rivalen Jens Lehmann? Wohl nicht. Der Bayern-Keeper habe "sehr gut gehalten", lobte Klinsmann. Vielleicht ist ja in diesem Moment sogar auch ein bisschen Druck von Kahn abgefallen.