DFB-Talent Özil: Der Multikultikicker - DER SPIEGEL
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Mesut Özil: Leichtfüßig auf Weltniveau

Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

DFB-Talent Özil Der Multikultikicker

Er gilt als Jahrhunderttalent, als Hoffnungsträger für das deutsche Gruppenfinale gegen Ghana: Mesut Özil verkörpert den neuen Stil der DFB-Auswahl, ihre Jugend und spielerische Klasse. Nur eines ist ihm wichtiger als der Fußball - sein bunt gemischtes Umfeld.
Von Jörg Kramer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mesut Özil

Sobald er die Umkleidekabine verlassen hat, trägt seinen Muschelkopfhörer im Nacken. Er trägt ihn wie seine Brillantohrringe oder die strassbesetzte Baseballkappe, die er oft nach dem Spiel aufsetzt und die ihn aussehen lässt wie einen HipHop-Star.

Auch die Kopfhörer sind mehr Accessoires als Utensilien, dekorativ wie Freundinnen, die junge Fußballspieler haben. Özil, 21, wird in Südafrika von Anna Maria angefeuert, sie ist sieben Jahre älter als er und lebt getrennt von ihrem zweiten Ehemann, dem früheren Werder-Profi Pekka Lagerblom. Aus erster Ehe mit einem Tänzer ihrer Schwester, der Popsängerin Sarah Connor, hat sie einen acht Jahre alten Sohn.

Die Liaison passt zu dem schüchternen, schmächtigen Deutsch-Türken von Werder Bremen, zumindest zu der frechen Lässigkeit, die er ausstrahlen will. Deutsche Nationalspieler sind heute anders als zu Zeiten des Trainers Berti Vogts.

Sie sehen nicht mehr kantig aus wie Guido Buchwald, sie wollen keine lauten Leitwölfe sein wie einst Stefan Effenberg. Sie sind modisch interessiert, talentierter als viele ihrer Vorgänger und leistungsorientiert. Vor den WM-Spielen hängen sie in der Kabine Plakate auf mit Schlagwörtern, die sie "Bausteine für den Erfolg" nennen: "Leidenschaft", "Teamwork", "Disziplin". Und ihre teils südeuropäische oder afrikanische Herkunft bringe Leben in die Mannschaft, so sagt es Özils Teamkamerad Sami Khedira, 23, ein Deutsch-Tunesier.

"Bewegungsabläufe auf höchstem Niveau"

Das neue Deutschland bei der Fußball-WM ist offensiv, sehr jung und multiethnisch, elf von 23 sind "Mix-Spieler", wie Khedira diejenigen mit ausländischen Wurzeln nennt. Besonders der Gelsenkirchener Özil, dessen Großvater vor rund 40 Jahren aus dem türkischen Dorf Hisiroglu bei Devrek auf Arbeitssuche ins Ruhrgebiet kam, verkörpert die spielerische Klasse. Trainer Joachim Löw ist von der "besonderen Leichtigkeit" seines Spiels begeistert und erkennt an ihm "Bewegungsabläufe auf höchstem Niveau" und dazu "ein überragendes Orientierungsvermögen auf dem Platz". Özil nehme gleichzeitig Mitspieler, freie Räume und den Ball wahr und sehe auch noch, wo ihn der Gegner als nächstes attackiere.

Er prägt den frischeren Stil, Löw verwendet in Südafrika Vokabeln wie Spielkultur und Kombinationsfußball, das sind nicht mehr die Begriffe aus Vogts' Zeiten. Damals hörte man im Teamquartier Wörter wie Manndecker, Durchschlagskraft oder Feuerwehr.

Özils überraschende Pässe, seine Sprints und Tempodribblings führten zum gelungenen WM-Auftakt Deutschlands gegen Australien. Auch beim 0:1 gegen Serbien war er zunächst Ausgangspunkt der wenigen erfolgsträchtigen Spielsituationen, nach Miroslav Kloses Platzverweis musste er sich als eine Art Ein-Mann-Offensive aufreiben, irgendwie gleichzeitig Absender und Adressat der Pässe sein. In seiner stärksten Phase wurde er ausgewechselt.

Özil trug es mit Fassung, wie er überhaupt immer höflich bleibt und auf jede noch so irritierende Frage antwortet. Gleich nach dem letzten WM-Test gegen Bosnien, Özil trug noch das schweißnasse Trikot, erkundigte sich ein Radiomann überraschenderweise nach seiner Meinung zum A380, der die Mannschaft nach Südafrika fliegen sollte. Özil atmete kurz durch und antwortete trocken: "Wir wissen natürlich, dass wir ein gutes Flugzeug haben."

Sozialisierung auf Bolzplätzen in Gelsenkirchen-Bismarck

Spieler wie er haben den internationalen Fußball aus einer Starre befreit. Weltweit bemühten sich die Mannschaften in den vergangenen Jahren, ihren Gegnern den Raum zur Entfaltung zu rauben, die Räume "zuzustellen", wie die Trainer sagen.

Kreative Offensivkräfte wie Özil oder auch der Niederländer Wesley Sneijder von Inter Mailand, halb Stürmer und halb Mittelfeldspieler, stellen die Spielverderber nun vor ungekannte Probleme. Sie könnten "die Schlüsselspieler" im modernen Fußball werden, sagt Löw, da sie zwischen den defensiven Reihen der Gegner pendeln und dann auf ratlose Abwehrketten zurennen. Das Angriffsspiel ist wieder im Vorteil.

Mesut Özil sagt, es sei "ein Kindheitstraum" gewesen, überhaupt eine Weltmeisterschaft zu spielen. In seinem immer gleichen Tonfall spricht er auf dem Gelände des Hotels Velmore Grande in Erasmia über den Erfolgshunger des Teams und darüber, dass alle auf dem Spielfeld in Bewegung sein müssten - "das erwartet auch ganz Deutschland und der Trainer natürlich."

Manchmal hört man noch heraus, dass Mesut Özil auf Bolzplätzen in Gelsenkirchen-Bismarck sozialisiert wurde, wo er mit Libanesen, Türken, Deutschen kickte, und dass er zu Hause bei den Eltern, den zwei Schwestern und dem älteren Bruder meistens türkisch sprach, weil die Mutter nicht so gut deutsch kann. "Manchmal kommen dann Sätze raus, die sind halb türkisch, halb deutsch", sagt er. Meistens spricht er eine SMS-Sprache ohne Artikel: "Mannschaft hat mich toll unterstützt", das ist einer seiner typischen Sätze, mit denen er seine eigene Leistung herunterspielt.

Wenn ihm etwas misslingt auf dem Platz, ein Torschuss zum Beispiel, dann kann er das schnell verdrängen, abhaken. "Ich hab' mich gehakt", so sagte er das nach einem Spiel, und es hörte sich an, als könnte er da im Kopf einen Hebel betätigen, um unbesorgt weiterzudribbeln - einen Gegner "ausfummeln", so heißt das in Özils Ruhrpott-Slang.

Diese Konzentrationsfähigkeit ist seine vielleicht erstaunlichste Qualität. "Manchmal klappt's, manchmal klappt's nicht so gut", bemerkte er häufig nach manchen durchwachsenen Auftritten für Bremen zu Beginn der vergangenen Bundesliga-Rückrunde, "ich bin ja erst 21."

Welcher prominente Erfolgstrainer Özil für ein Jahrhunderttalent hält und warum die türkische Nationalmannschaft nie ein Thema für ihn war

Gemessen an seinem Potential zeigt er noch zu wenige überragende Spiele. Ein Jahrhunderttalent nennt ihn Horst Hrubesch, der Trainer, mit dem er im vorigen Jahr den Europameistertitel der U-21-Juniorenauswahl gewann, gemeinsam mit fünf anderen aus Löws aktuellem WM-Kader. Dass es nun deutsche WM-Spieler wie Özil und Khedira gibt, liegt sicher an der verbesserten Nachwuchsförderung, es sind die Resultate eines DFB-Konzepts, das deutschen Proficlubs auch noch die kleinsten Details für ihre Jugendleistungszentren diktiert.

Aber es ist auch das Ergebnis der seit 2000 veränderten Einbürgerungsregelungen. Die Nationalmannschaft spiegelt nun die kulturelle Wirklichkeit des Landes; zum Auftakt der U-21-Europameisterschaft standen sogar nur zwei Spieler ohne Migrationshintergrund im deutschen Team.

Özil gelangte erst mit 16 Jahren zu einem Club der Bundesliga, in die Jugend des FC Schalke in seiner Heimatstadt, und dann in die deutschen Jugendnationalteams. Und er hatte schon seinen türkischen Pass zurückgegeben, als ihm der damalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim trotzdem Avancen machte. Es ging darum, für welche A-Nationalmannschaft er ein Pflichtspiel bestreiten würde, danach erst ist die Fußballnationalität eines Spielers mit zwei Staatsbürgerschaften für immer festgelegt. Auch das in Köln ansässige Europabüro des türkischen Verbands, das Talente türkischer Herkunft auf dem ganzen Kontinent sichtet, schaltete sich ein.

"Für mich war das nie ein Thema", sagt Özil, "ich bin hier aufgewachsen und habe ja auch im Juniorenbereich immer für Deutschland gespielt." Dennoch gab es wüste Beleidigungen im Forum seiner Internetseite, als er im Februar 2009 erstmals für Löws Mannschaft auflief. Terim und der damalige Geschäftsführer des Europabüros schimpften: Mit dem türkischen Trikot treibe man keine Spielchen.

Özil ignorierte die Vorhaltungen. Auch als ihn der NPD-Sprecher Klaus Beier als "Plastedeutschen" beschimpfte, als reinen Ausweis-Landsmann also, klagte er nicht, obwohl der DFB juristische Unterstützung anbot.

Bei Schalke als Abzocker abgestempelt

Bei seinem Heimatclub Schalke wurde Özil einst als Abzocker gegeißelt, "Gierig-Profi" nannte ihn die Boulevardpresse, weil er ein Angebot zur Vertragsverlängerung nicht akzeptierte. Dabei ging es ihm nicht um mehr Geld, sondern um die Frage, ob der Trainer künftig auf ihn setzen würde - das ist nicht unwichtig in der Frühphase einer Karriere. Özil zögerte, eine Zeitung veröffentlichte darauf Gehaltszahlen aus seinem Vertrag. Er ging im Streit für rund sechs Millionen Euro Ablöse Anfang 2008 zu Werder Bremen.

Vor zwei Monaten saß Mesut Özil in einem Bremer Café mit Blick auf die Weser. Er trug eine orangefarbene Trainingsjacke seines Ausrüsters Nike und hatte den Deutsch-Iraner Shahin Shayesteh mitgebracht, einen Mitarbeiter der Beratungsagentur, die ihn unter Vertrag hat. Als bald der Zwist mit Schalke zur Sprache kam, antworte nicht Özil, sondern Shayesteh, ein 30 Jahre alter Mann mit einem großen Ring am Finger und viel Pomade im Haar. Das Thema sei erledigt.

Auch als es um den Ärger mit dem türkischen Verband ging, schaltete sich der Agenturmann ein. Er ist Özils Freund, und in den ersten Monaten in Bremen, den ersten überhaupt ohne die Geschwister und das türkische Essen der Mama, wohnte er bei ihm. Die beiden fuhren auch gemeinsam in den Urlaub.

In der Branche gilt solche Überversorgung auch als Zeichen von Angst, einen Spieler zu verlieren. Özils Marktwert ist seit dem WM-Start noch einmal gestiegen, daran bemisst sich bei Verträgen und Transfers die Vermittlungsprovision. Schon einmal hat eine Agentur versucht, Özil abzuwerben, seinem Vater wurden angeblich 50.000 Euro geboten.

Derzeit geht es wieder um seine Zukunft. Özils Vertrag in Bremen läuft 2011 aus, und der Club ist dem Vernehmen nach bereit, sein Gehalt von derzeit rund 1,8 Millionen Euro zu verdoppeln - so könnte Werder verhindern, dass er in einem Jahr ablösefrei verschwindet. Özil macht aber weder Anstalten, den Vertrag zu verlängern, noch den Club zu wechseln, er wartet ab. Das rät ihm sein Manager.

Der Iraner Reza Fazeli, Mutter Schauspielerin, Vater Ingenieur, mit 14 Jahren aufs Internat nach Deutschland gekommen, ist der Chef der Beratungsagentur. Er fragt: "Warum ist es so schlimm, wenn man seinen Vertrag einfach erfüllen will?"

"Wir haben jetzt Internet im Dorf"

Er weiß, was für einen Fisch er an der Angel hat. Fazeli kennt eine Studie, aus der hervorgeht, dass Mesut Özil schon jetzt mit Barcelonas Superstars Xavi und Iniesta vergleichbar sei: Bei zehn Versuchen, den Ball unter Druck zu behaupten, verliere er ihn statistisch gesehen nur einmal. In der Scorer-Wertung, die Tore und Torvorlagen zählt, liege er an Position zwei aller Mittelfeldspieler in Europa, hinter dem Spanier Cesc Fàbregas vom FC Arsenal.

Der Sitz der Agentur ist Düsseldorfs Königsallee, der Eingang in einer Einkaufsgalerie. An der Klingel steht "Soccer International" und "Özil GmbH", das ist die Firma, in die alle Marketingerträge des Spielers fließen. Demnächst wird es eine Özil-Stiftung geben, der Profi setzt sich dann auch für einen Schüleraustausch zwischen deutschen und Migrantenfamilien ein. Schon jetzt loben ihn deutsche Politiker als ein Musterbeispiel für vorbildhafte Integration.

Alle mögen ihn nun, im entscheidenden WM-Gruppenspiel gegen Ghana hängt alles an ihm. Vor ein paar Monaten galt er noch als "Problemfall", als er in ein Formtief gefallen war. Die Unsicherheit in Vertragsfragen lähme ihn; er sei abgelenkt, hieß es vorwurfsvoll, "ein Celebrity" geworden wegen der Connor-Connection. Eine Nachrichtenagentur verglich seinen sogenannten Fall ernsthaft mit dem eines Spielers von Twente Enschede, der einen Verkehrsunfall mit Verletzungsfolgen verursacht hatte.

Was hatte Özil verbrochen? Sein Agent Fazeli blieb gelassen, er hat Medizin studiert. Er wusste, dass seinem Klienten nur vorübergehend die Kraft fehlte. Wegen des EM-Turniers mit der U21 hatte er fast zwei Jahre ohne Pause durchgespielt. Der menschliche Körper sei dafür nicht konstruiert.

"So ist das halt", sagt Özil. Er lässt sich nie unter Druck setzen.

Vor dem Serbien-Spiel kam der Agent nach Südafrika und brachte Özils Vater Mustafa mit. Deutschlands Schlüsselspieler braucht sein Umfeld. Auch der Onkel in Hisiroglu schreibt vor jedem Spiel. "Wir haben jetzt Internet im Dorf", sagt Mesut Özil.

Hinweis der Redaktion: In einer ursprünglichen Version dieses Artikels war zu lesen, Ana Maria habe einen fünf Jahre alten Sohn mit einem anderen Fußballprofi. Das ist falsch. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.