Nationaltorhüter Neuer: Stärke in der Spieleröffnung, Schwächen in der Luft
DFB-Torwart Neuer Endlich eine Parade
Manuel Neuer weiß, wie man England schlagen kann. 1:1 und 4:0 endeten die vergangenen beiden Aufeinandertreffen der ewigen Rivalen mit der Beteiligung des Torhüters, gerade letzteres Ergebnis hat sich tief ins Gedächtnis des Gegners eingebrannt. "Wir waren hochkonzentriert", sagt Neuer über das Spiel, in dem die DFB-Auswahl England auseinandernahm, "und natürlich hatten wir einen sehr guten Tag."
2009 war das, Neuer stand damals im Tor der deutschen U21-Nationalmannschaft und diese im Finale der Europameisterschaft in Schweden. Der Gegner: England. Einer der Torschützen: Mesut Özil. "Ja, der hat auch damals getroffen", sagt Neuer. Özils Treffer gegen Ghana ist gerade 15 Stunden her, Neuer sitzt im Pressezentrum in Pretoria und lächelt in Richtung der englischen Journalisten, die an diesem Tag sehr viele Fragen über England stellen.
Es kommt erneut zu diesem Klassiker, diesmal im Achtelfinale der WM. Wieder mit Manuel Neuer im Tor und mit Mesut Özil im Mittelfeld, "und auch am Sonntag müssen wir hochkonzentriert sein und einen guten Tag haben", sagt der Schalker. Die Gegner heißen diesmal zwar nicht Lee Cattermole oder Theo Walcott, sondern Frank Lampard, Steven Gerrard und Wayne Rooney - doch das Erfolgsrezept aus dem U21-EM-Finale soll auch 2010 wirken.
Ein Gegentor hat Manuel Neuer 2009 kassiert, und wenn man so will, ist das ein gutes Zeichen. Denn auch bei der WM musste er bisher nur einmal hinter sich greifen, im zweiten Vorrundenspiel gegen Serbien. Und doch ist in diesen Wochen vieles anders: Neuer, 24, drohte gegen Ghana mit der deutschen Mannschaft das Turnieraus - ohne dabei auch nur eine einzige Parade gezeigt zu haben. Der Schalker musste bis zum entscheidenden Gruppenspiel noch keinen einzigen Ball halten.
Rückstand gegen Ghana mit links verhindert
Dann stand in der 51. Minute Kwadwo Asamoah vor Neuer, der Ghanaer zielte mit dem linken Fuß in die rechte Ecke, es wäre das 1:0 gewesen. Bei allem, was man vom DFB-Team an diesem Abend gesehen hatte, wäre das wohl zu viel gewesen für das Nervenkostüm, das Gegentor, das sie unbedingt vermeiden wollten. Der "Worst Case", wie Arne Friedrich das mögliche Aus in der Gruppenphase nannte. Doch Asamoah traf nicht, weil Neuer blitzschnell seine linke Hand ausstreckte und den Ball zur Ecke klärte.
"Ich konnte der Mannschaft zeigen, dass sie sich auf mich verlassen und ich ihr Sicherheit geben kann", sagt Neuer. Er klingt selbst überhaupt nicht verwundert darüber, dabei ist es für den Torhüter die schwierigste Herausforderung, in diesem einen Moment da zu sein. Gerade wenn man mehr als 200 Turnierminuten zuvor in der Beschäftigungslosigkeit zugebracht hat.
Aber vielleicht ist es mit Neuer auch etwas anderes, seinen rasanten Aufstieg zum ersten Tormann der Republik nimmt er verblüffend gelassen hin, er hat sich nach eigener Aussage "schnell daran gewöhnt, die Nummer eins zu sein." Ihn kann offenbar nichts überraschen, kein Schuss mit links oder der WM-Titel. "Bodo Illgner wurde mit 23 Jahren Weltmeister. Vielleicht klappt es für mich mit 24 Jahren", sagt Neuer.
Hans-Dieter Flick lobte Neuer am Donnerstag als großen Rückhalt und auch Bundestrainer Joachim Löw attestierte dem Torhüter gegen Ghana "große Paraden". Assistent und Chef schwiegen sich aber gleichermaßen aus über Unsicherheiten, die der 1,91 Meter große Neuer in der Strafraumbeherrschung zeigte: Er unterlief zwei Ecken - was zum Glück folgenlos blieb. Doch wie für einen Stürmer ein Tor alles entschuldigt, hat der Torhüter am Ende alles richtig gemacht, wenn die Null steht. Auch wenn die Frage noch unbeantwortet ist, ob Neuer als Nummer eins die richtige Wahl war - die falsche war er nicht.
"Eine Leistung wie gegen Ghana reicht gegen England nicht aus", hat Arne Friedrich am Tag nach dem Weiterkommen ungewöhnlich offen betont. Und in gewisser Weise trifft das auch auf Neuer zu. Eine Parade, die ihn gegen Ghana zum Matchwinner machte, wird aller Voraussicht nach nicht ausreichen. Und weil der Gegner England heißt, könnten nach 120 Minuten auch noch Schützen elf Meter entfernt stehen. "Wenn es so weit kommt, dann bin ich bereit. Ich glaube an mich, auch bei einem möglichen Elfmeterschießen."
Das Gute ist: "Als Torwart kann man nur gewinnen", sagt Neuer, er muss die Elfmeter nur halten. England aber muss sie schießen.