DFB-Triumph Weltmeister im Teamgeist
Diese Minuten nach dem Schlusspfiff wären eine perfekte Gelegenheit gewesen, über seine Bedeutung für das deutsche Spiel zu sprechen oder die erneut herausragende Vorstellung gegen Polen. Philipp Lahm hätte auch das angebliche Interesse des FC Chelsea an seiner Verpflichtung kommentieren können. Aber bei dieser WM heißt der beste Akteur eines Spiels "Bud Man of the Match", wird von einer Bierfirma präsentiert - und darf nur genau zwei Fragen beantworten.
1.: Was haben Sie nach dem Siegtor gefühlt?
"Man hat gesehen, was da alles raus gekommen ist", sagt Lahm auf dem Podium des Dortmunder Pressesaals, und die erste Frage ist schon beantwortet.
2.: Wie sehen Sie dieses Spiel?
"Wir haben uns viele Chancen herausgearbeitet, es war ein sehr gutes Spiel. Es war super, dass wir hier in Dortmund gespielt haben. Die Fitness ist sehr wichtig, das Tempo war sehr hoch. Wir haben immer an uns geglaubt", antwortet der 22-Jährige. "Thank you very much", sagt der Moderator, und Lahm tritt ab.
Es geht alles sehr schnell derzeit für den Linksverteidiger, das ist auf dem Platz so und auch daneben. Vor Wochen galt er wegen seiner Ellenbogen-Verletzung noch als Wackelkandidat, nach seinen Vorstellungen gegen Costa Rica (4:2, ein Tor) und Polen ist der zerbrechlich wirkende Lahm plötzlich ein Stützpfeiler des Teams. Leider können die ausländischen Journalisten seinen Namen immer noch nicht aussprechen, sie nennen ihn Lamm.
Nach diesem Spiel, dem 1:0-Erfolg gegen Polen in allerletzter Minute, dürfte sich das ändern. Man muss sich die Namen dieser Deutschen merken, der späte Triumph, so interpretiert ihn Jürgen Klinsmann, soll auch ein Zeichen sein, das der WM-Gastgeber ein gewichtiges Wort mitreden kann bei der Vergabe des Titels. Aber kann es das DFB-Team wirklich?
"Wir haben sehr gut gestanden und körperliche Überlegenheit bewiesen", sagte Michael Ballack und Oliver Neuville sprach von einem verdienten Sieg dank "konditioneller Fitness". Kein anderer Begriff fiel häufiger nach diesem Erfolg in Dortmund als "Fitness", und tatsächlich scheint die Mannschaft wie vom Bundestrainer geplant pünktlich zur WM Kraft für 90 Minuten und mehr zu besitzen. Gegen Polen wirkte das Team auch in der Schlussphase spritzig und lief Angriff auf Angriff. "Wir können ein sehr hohes Tempo gehen", bestätigte Klinsmann, dessen akribische Vorbereitung sich jetzt auszahlt.
Man müsse in diesem Turnier spielerische Mängel durch die beste Physis aller Teams ausgleichen, hatte Verteidiger Christoph Metzelder im SPIEGEL ONLINE-Interview erklärt. Doch das Spiel gegen Polen hat auch gezeigt, dass das deutsche Team über eine weitere Stärke verfügt: die Unberechenbarkeit.
Stand nach der Partie gegen Costa Rica noch Doppeltorschütze Miroslav Klose oder Bastian Schweinsteiger im Fokus, sorgten nun plötzlich zwei Männer für die Entscheidung, mit denen niemand gerechnet hatte: Neuville und David Odonkor.
Der eine, Odonkor, war überraschend schon nach 64. Minuten für Rechtsverteidiger Arne Friedrich eingewechselt worden, "einen Schuss mehr Schnelligkeit" erhoffte sich Klinsmann von dem Dortmunder. Ein bisschen übermotiviert wirkte der 21-Jährige, aber den polnischen Verteidigern war die Verblüffung anzumerken, mit welcher Energie Odonkor im heimischen Stadion die rechte Seite beackerte. Er holte Eckbälle heraus, lief auf der linken Seite einen polnischen Stürmer ab und brachte gefährliche Flanken herein - die entscheidende in der 91. Minute. "Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben", sagte er hinterher. Der Bundestrainer bezeichnet Odonkor mittlerweile als "eine Option, wenn wir noch offensiver spielen wollen".
Auch Neuville ist eine Option, allerdings schon länger. Seit den drei Testspielen vor WM-Start ist der Gladbacher Angreifer erster Ersatz für Lukas Podolski, nicht wenige können sich nach dem Auftritt gegen Polen sogar vorstellen, dass Neuville im abschließenden Gruppenspiel gegen Ecuador von Anfang an spielt. Die Schnelligkeit des Angreifers ist neben seiner Erfahrung dessen größte Stärke, er kann eine Abwehr überlaufen oder einfach richtig stehen - wie beim 1:0.
Fitness, Unberechenbarkeit, dazu die dieser Mannschaft eigene Spielfreude - das macht sie zu einem gefährlichen Gegner für jedes Team. Die Stimmung in Dortmund ließ zudem erahnen, welchen Faktor der Heimvorteil spielen kann. Sorgen muss man sich zurzeit nicht mal über die Abwehr, die Innenverteidiger Christoph Metzelder und Per Mertesacker "rücken immer näher zusammen", wie Klinsmann das nennt. Deren wirkliche Bewährungsprobe folgt aber erst ab dem Achtelfinale, wo Gegner vom Kaliber Schweden, Paraguay oder England drohen.
"Die Mannschaft hat wahnsinnig viel Leidenschaft und Emotionen gezeigt, es war ein Sieg der Gemeinschaft", betonte Klinsmann später immer wieder. Man hat das oft gehört in den vergangenen zwei Jahren und oft konnte man es nicht mehr hören. Zu platt klang diese Beschwörung des Teamgeistes. Aber wer die DFB-Kicker gegen Polen gesehen hat, wie sie sich auf dem Platz anfeuerten und nach dem Spiel in kollektive Ekstase ausbrachen, der kann sich vorstellen, wie weit dieser Geist tragen kann.