Die Analyse: Am Ende war egal, wer gewinnt - DER SPIEGEL
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Die Analyse Am Ende war egal, wer gewinnt

Weil die einen nicht besser konnten und die anderen sich dem Spiel konsequent zu verweigern wussten, erlitt der Fußball im Halbfinale zwischen Italien und Holland eine bittere Niederlage.
Von Herbert Neumann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Beginn an wurden die Erwartungen, die man im Vorfeld an dieses EM-Halbfinale gestellt hatte, vollauf bestätigt. Die Holländer mühten sich mit großem Aufwand und bei ihren mit viel Geduld vorgetragenen Angriffen die Lücke in der massierten italienischen Abwehr zu finden. Erschreckend passiv verhielt sich dahingegen die Mannschaft von Trainer Dino Zoff: Jeder Einzelne übertraf sich im Nichtstun. Von Mittelfeldpressing oder aktivem Vorwärtsverteidigen konnte keine Rede sein. "Oranje" hatte jederzeit die Kontrolle über das Geschehen.

Eine zynische Haltung der Verweigerung trat den verspielten Holländern entgegen. Eine bisher wunderbare Europameisterschaft schien innerhalb von 30 Minuten einfach zu zerbröckeln. "Hoffentlich wird das nicht belohnt", werden viele wohl angesichts des Spiel der Italiener gedacht haben. Das dilettantische und völlig unnötige Foul des bereits mit Gelb belasteten Zambrotta in der 34. Minute war der Höhepunkt einer bis dahin beschämenden Vorstellung Italiens.

Nach Zambrottas verdienter Herausstellung folgte wenige Minuten später eine ähnlich dumme Aktion: Das Festhalten Nestas am schlecht postierten Kluivert war genauso überflüssig wie sein unschuldiger Blick nach dem Elfmeterpfiff des deutschen Schiedsrichters Merk.

Opfer der eigenen Unzulänglichkeiten

Doch auch nach diesen Vorkommnissen blieb die Grundhaltung der Italiener dieselbe. Was sich änderte, war die Bewertung dessen, was sie dezimiert von nun an tun würden. Sie wurden zu Opfern ihrer eigenen Unzulänglichkeiten und bekamen dafür im Tausch die Berechtigung, sich zurückzuziehen und sich gegen eine Übermacht zu verteidigen. Das, was sie ohnehin tun wollten, durften sie jetzt offen praktizieren, ohne dass jemand ihnen dies vorhalten konnte. In der Folgezeit waren die ersten Anzeichen eines altbekannten Fußball-Phänomens zu erkennen: Die vorher völlig überlegenen Holländer taten sich gegen zehn Italiener schwerer als zuvor.

Zur Halbzeit mussten die Karten neu gemischt werden. Die Trainer waren gefragt, ihre Strategien zu modifizieren. Zoff musste seine Abwehrreihe neu formieren, seinen Spielern Besonnenheit, Vertrauen und die Aussicht auf ein Fußballwunder einimpfen. Die Aufgabe seines Gegenübers Frank Rijkaard bestand darin, seine Spieler scharf und aggressiv zu halten, denn die neue Konstellation barg in sich Gefahr, nachzulassen und sich im Gefühl der Sicherheit zu wiegen. Die Angst gegen "zehn Mann" verlieren zu können, wirkt oft hemmend und macht träge.

So wie der Wille der Italiener, an die Grenzen der eigenen Leistungsbereitschaft zu gehen, zunehmend wuchs, verringerte er sich bei ihrem Gegner. Die mentale Verwundbarkeit der Holländer offenbarte sich. Der Beweis ihrer spielerischen Überlegenheit schien ihnen zu genügen. Den schlussendlichen "Killerinstinkt" blieben sie schuldig, dabei waren die Italiener reif, "geschlachtet" zu werden. Schließlich bedurfte es einer erneuten "verspäteten" Intervention (Foul von Iuliano an Davids), um die Holländer aus ihrer Lethargie zu reißen - aber Kluivert vergab auch den zweiten Elfmeter. Die Entscheidung wurde vertagt.

Holländische Lässigkeit

Der psychologische Effekt der "Unverwundbarkeit" half der Squadra Azzurra in ihrer Bemühung, die immer druckloser werdenden Angriffe der Holländer zu kontrollieren. Jetzt bewiesen die Italiener endlich ihre vorher vermisste Leidenschaft, die allerdings durch die durchschaubaren und schematischen Angriffsbemühungen der "Elftal" erheblich gefördert wurde.

Dies kann nur damit erklärt werden, dass sich unter den holländischen Spielern das Gefühl breit machte, die verbleibende Zeit - 30 Minuten Verlängerung - müsse automatisch zur Ermüdung des Gegners und damit schließlich zum eigenen Torerfolg führen - doch da brachte die Nachspielzeit nichts Neues.

Die Taktik des Müdespielens seitens der Holländer ging nicht auf. Sie liefen gegen eine "blaue" Wand an und blieben einfallslos. Überraschend war dabei vor allem die Monotonie ihrer Angriffe. Die vielgepriesenen Automatismen kehrten sich gegen sie. Überraschungsmomente, die das Bollwerk des Gegners hätten knacken können, blieben aus. Die Italiener ihrerseits begnügten sich weiterhin mit der Rolle des Spielverderbers. Zuerst als Bösewicht, später waren sie dann das "Opfer".

Am Ende war egal, wer dieses Halbfinale gewinnen würde. Der Fußball war es jedenfalls nicht. Zumindest für all diejenigen, die von diesem Halbfinale mehr als "nur" Spannung erwartet hatten. Die Italiener waren bewundernswert in ihrer totalen Aufgabe, ein "Traumergebnis" zu erreichen. Dahingegen war die typisch holländische Lässigkeit erschreckend. Die Mannschaft von Frank Rijkaard hat dem Fußball keinen Dienst erwiesen, denn ein Finale Holland gegen Frankreich hätte diese gute Europameisterschaft gekrönt.