Die Analyse: Angst essen Seele auf - DER SPIEGEL
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Die Analyse Angst essen Seele auf

Mit einer beschämenden Leistung ist die deutsche Mannschaft bei der EM ausgeschieden. Doch statt Trübsal zu blasen, sollten wir uns auf den nun hoffentlich beginnenden Neuanfang freuen.
Von Herbert Neumann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Portugiesen begannen die Partie gegen Deutschland mit lediglich zwei Spielern ihrer Stammformation. Trainer Humberto Cuelho schickte einen zusammengewürfelten Haufen von guten, motivierten Spielern aufs Feld, die zeigen wollten, was sie wert sind.

Bei der Aufstellung der deutschen Mannschaft schien die Körperlänge ein nicht unwichtiges Kriterium gewesen zu sein. Mit Jancker, Nowotny, Linke, Hamann, Ballack, Rehmer und Bode präsentierte man sieben großgewachsene Spieler auf dem Platz, zumindest in diesem Punkt sind wir führend. Von diesen Spielern allerdings filigrane, fußtechnische Lösungen zu erwarten, wäre schlichtweg unfair. So war dann auch die Chance von Marco Bode nach 30 Minuten die einzige herausgespielte Situation der deutschen Mannschaft in der ersten Halbzeit.

Portugal zog sich weit in die eigene Hälfte zurück, überließ uns die Initiative und kam nur sporadisch nach vorne, blieb dabei aber stets gefährlich. Nach dem 0:1-Rückstand schalteten sich fast alle Spieler unserer Mannschaft im Wechsel in den Spielaufbau mit ein. Dabei wurde noch deutlicher, wie ungeordnet das neuformierte portugiesische Mittelfeld ist. Doch statt sich diese Schwäche zunutze zu machen, blieb das deutsche Kombinationsspiel, inszeniert von den vielen defensiven Spielern, träge, vorhersehbar und stimmte schwermütig. Die erste Halbzeit erinnerte an Sommerfußball.

Es war nicht zu erkennen, dass die eine der beiden Mannschaften gewinnen und die andere sich große Sorgen um diese Tatsache machen musste. An die Chance, sich doch noch qualifizieren zu können, schien niemand in der deutschen Mannschaft wirklich zu glauben. Sich anständig zu verabschieden, ist wohl ein "undeutscher" Gedanke.

"Angst essen Seele auf", dieser Titel eines Films von Rainer-Werner Faßbinder hätte in großen Lettern auch über dem Auftreten der deutschen Mannschaft stehen können. Zumal im zweiten Spielabschnitt das taktische Chaos zusehends größer wurde und die Hilflosigkeit eine nicht vorstellbare Dimension erreichte.

Portugal spielte unspektakulär und nüchtern. War aber besser organisiert, raffinierter und viel ballsicherer als Deutschland. Dennoch war die Effizienz im Ausnutzen der wenigen Torchancen verblüffend.

Die letzte Vorstellung der deutschen Mannschaft war noch beschämender als alles, was wir zuvor von ihr gesehen haben. Dadurch wird dem Ausscheiden etwas die Bitterkeit dieser "nationalen Tragödie" genommen. Wir sind endlich befreit und können nun beginnen, diese Europameisterschaft zu genießen. Schließen wir uns den feiernden Türken, Portugiesen und Italienern auf unseren Straßen an und zeigen ihnen auf diese Weise unsere Anerkennung für die Leistung ihrer Mannschaften. Die Freude auf einen Neuanfang sollte auch uns glücklich machen.