Die Analyse Blamable Vorstellung Jugoslawiens
Das Festhalten der Jugoslawen an ihrem bisher praktizierten 4-4-2-System war die anfänglich größte Überraschung im Viertelfinalspiel gegen Holland. Der sehr erfahrene Trainer Boskov hatte sich offensichtlich trotz der bereits gesehenen eklatanten Unsicherheiten in der Abwehr (sieben Gegentore in drei Spielen) für diese "Suizid-Strategie" entschieden.
Nach der ersten, 15-minütigen "Aufwärmphase" und Chancen auf beiden Seiten übernahmen die Holländer die Initiative und blieben fortan die dominierende Mannschaft.
Schon sehr früh war zu erkennen, dass Dennis Bergkamp aktiver als in allen bisherigen Spielen dieser Endrunde war. Edgar Davids assistierte ihm dabei in vortrefflicher Manier. Über seine Rolle gibt es verschiedene Meinungen. Johan Cruyff hat ihn zuletzt leicht kritisiert: Davids sei kein Spielmacher, weil er andere Eigenschaften habe. Ich schließe mich dieser Meinung an. Davids ist auffallend oft am Ball, sehr aktiv bei Ballbesitz der eigenen Mannschaft, aber auch im Umschalten und in der Balleroberung. Die sehr vereinfachte Konsequenz aus dieser Beobachtung, er sei der Spielmacher Hollands, ist tatsächlich mehr als banal.
Es ist keine Bedingung für gute Mannschaften über einen klassischen Spielmacher verfügen zu müssen. Davids ist eher der Prototyp des modernen Mittelfeldspielers, der die beiden wesentlichen Eigenschaften auf dieser Position beherrscht, nämlich die des Angreifens und des Verteidigens. Mit diesen Allroundfähigkeiten ist er eine Art "Formgeber" seiner Mannschaft, indem er sie durch sein leidenschaftliches Agieren auffordert, ihm zu folgen. In dieser Hinsicht ist Davids mit dem Noch-Leverkusener Emerson zu vergleichen. Wenn überhaupt sehe ich die Rolle des klassischen Spielmachers in der holländischen Mannschaft durch Dennis Bergkamp mit seinem positionellen Gefühl und seiner subtilen Passtechnik verkörpert. Wenngleich: Bergkamps bescheidene, zurückhaltende Persönlichkeit steht ihm dabei im Wege.
Hilflose Jugoslawen - Holländische Überlegenheit
Je länger das Viertelfinale in Rotterdam andauerte, umso größer wurde die Hilflosigkeit Jugoslawiens. Die Mannschaft war mit dem hohen Tempo des holländischen Positionsspiels, der schnellen Ballzirkulation bei bestmöglicher Spielfeldbesetzung, sichtlich überfordert.
Bergkamp bewegte sich geschickt im Rücken der gegnerischen Mittelfeldspieler Govedarica und Jugovic, die ihrerseits größte Mühe hatten, Cocu und vor allen Dingen Davids zu kontrollieren. Da weder Saveljic noch Mihaijlovic in der Lage waren, sich ohne gegenseitige Hilfe um den agilen Kluivert zu kümmern, war Bergkamp oft der "freie" Spieler der Holländer. Die daraus entstehende nummerische Überlegenheit im offensiven Mittelfeld machte sich das Team von Frank Rijkaard eindrucksvoll zu Nutzen.
Viele der jugoslawischen "Altstars" waren offensichtlich zu langsam, sowohl im Laufen als auch im Denken. Mijatovic und Stojkovic wurden auf brutalste Weise die Grenzen aufgezeigt. Bis zum Schluss gingen von beiden keine nennenswerte Impulse für ihr Team aus.
Der "Einbahnstraßenfußball" der zweiten Hälfte riss niemanden mehr wirklich vom (Fernseh-)Hocker. Die Vorstellung der Auswahl Jugoslawiens war blamabel. Ein echtes Fußballspektakel blieb aus, weil es dazu zweier guter Mannschaften bedarf. Der falschen taktischen Interpretation Boskovs konnte nur eine verkehrte Analyse des Oranje-Teams oder eine Fehleinschätzung des Vermögens der eigenen Spieler zugrunde liegen.
Die Holländer zeigten eine überzeugende Leistung, die jedoch von der Nichtanwesenheit eines starken Gegners relativiert wurde. Ich habe Bedenken, dass sie sich im Halbfinale gegen die cleveren Italiener durchsetzen werden können. Eine leichte Tendenz zugunsten der "Squadra Azurra" ist nach den Eindrücken des deutlichen Sieges über Jugoslawien sicherlich etwas gewagt, entspricht aber mehr meinem aktuellen Gefühl.