Die Analyse Das frustrierende Gefühl
Der Sieg der Engländer war nicht unverdient. Ihr Spiel ist allerdings genauso unspektakulär wie das der deutschen Elf. Eine gute Organisation, eine durchschaubare, simple Art Fußball zu spielen und einige talentierte Spieler wie Owen, Beckham und Scholes - die Chance, die Engländer bei diesem Turnier noch bis zum Ende zu sehen, halte ich für gering. Deutschland spielte gehemmt und verängstigt. Der Versuch, mit körperlichen und kämpferischen Mitteln den Erfolg zu erringen, scheiterte. Der Mangel an Mut wird nun höchstwahrscheinlich mit dem vorzeitigen Ausscheiden teuer bezahlt.
In der ersten Phase war die Partie in Charleroi ohne genaue Physiognomie. Beide Mannschaften spielten ohne jegliches Risiko, lange Bälle wurden bevorzugt. Vor allem die Torhüter suchten den direkten Weg zu den Angreifern. Die Bereitschaft der Abwehrspieler, sich frei zu laufen, den Ball zu fordern, war nicht zu sehen. Jeder zaghafte Versuch des Aufbauspiels endete meistens mit einem Rückpass bei Kahn oder Seaman, die den Ball dann ihrerseits lang abschlugen.
Der kalkulierte Ballverlust
Über das Aufbauspiel von deutschen Mannschaften im Allgemeinen ist zu sagen, dass es seit jeher von der Angst dominiert wird, Ballverlust zu erleiden, der dem Gegner einen Vorteil bringen könnte. Um dies zu verhindern, nimmt man lieber den langen, planlosen Pass und den kalkulierten Verlust des Balles weit weg vom eigenen Tor in Kauf. Einen konstruktiven, kreativen Gedanken kann ich darin nicht erkennen.
Die Engländer beherrschen die Art des Kick-and-rush-Gedankens besser als deutsche Mannschaften. Vor allen Dingen deshalb, weil ihre Spielfeldbesetzung viel effektiver ist. Sie spielen den langen Ball bewusst, um in der Hälfte des Gegners in Ballbesitz zu kommen. Es wird mit vielen Spielern aufgerückt, um sich dann besonders auf den zweiten, abfallenden Ball zu konzentrieren. Dies mag vielleicht der risikoloseste Weg sein, in der Hälfte des Gegners in Ballbesitz zu kommen und auch zu bleiben, sehr spektakulär oder gar mit hohem fußballerischen Anspruch aber hat das nichts zu tun; wenngleich es effektiv sein kann.
Gegen England war klar zu erkennen, dass die deutsche Mannschaft Bälle auf isolierte Angreifer spielte, ohne dass Mittelfeldspieler in der Nähe waren. Diese Bälle sind für Stürmer sehr schwer zu kontrollieren, und sie haben weder die Chance, das zweite Anspiel direkt weiter zu leiten, noch die Option, den aus dem Zweikampf kommenden Ball zu sichern. In den wenigen Momenten, in denen Jancker - meistens nach Ballverlusten der Engländer - flach in den Fuß angespielt werden konnte, wurde es ansatzweise gefährlich.
Das Tempo des Spiels war jederzeit hoch, die Zweikämpfe wurden sehr verbissen geführt. Von fußballerischer Delikatesse war man allerdings weit entfernt. Nur wenn Deisler, Scholes und Owen an den Ball kamen, passierte etwas. Von Scholl und Beckham war leider wenig zu sehen.
Matthäus spielte besser, profitierte allerdings von disziplinierten Abwehrleistungen seiner Vorderleute. Fehler, die es den gegnerischen Stürmern erlaubt hätten in eine gute Position zu kommen, blieben aus. Ein Korrigieren seitens Matthäus war nicht notwendig. Öffnende, überraschende, spielentscheidende Pässe oder Ideen kamen vom ihm nicht.
Das 1:0 zu Beginn der zweiten Hälfte veränderte das Spielbild. Plötzlich sah man unsere Abwehrspieler bei eigenem Ballbesitz in der Hälfte des Gegners: Babbel und Nowotny schalteten sich mit in die Angriffe ein. Überhaupt verlagerte sich das Geschehen zusehends in die Hälfte der Engländer. Die beste Chance des Spiels bis dahin war die logische Konsequenz, allerdings verzog Scholl bei seinem flachen Diagonalschuss leicht. Unmittelbar danach wurden andere gute Einschussmöglichkeiten vergeben.
Während der Betrachtung des Spiels entstand ein immer stärker werdendes Gefühl von Frustration. Warum spielt man erst dann mutigen Fußball, wenn der Gegner in Führung liegt?
Die anfänglich abwartende Haltung lässt eine Taktik des Reagierens vermuten. Ein Vorsprung des Gegners verlangt jedoch nach einer Spielweise des Agierens. Dieses Umschalten innerhalb des Spiels ist für die meisten Spieler oftmals sehr schwierig. Echte Torchancen der deutschen Mannschaft sahen wir tatsächlich erst dann, als sie nichts mehr zu verlieren hatte. Ein Beweis dafür, dass das Potenzial für eine gewagtere Spielauffassung durchaus vorhanden ist.
Nach der Auswechslung von Owen in der 72. Minute für einen Mittelfeldspieler (Gerrard) war spätestens ein deutscher Abwehrspieler zu viel auf dem Feld. Shearer war der einzig verbliebene Stürmer der Engländer. Ein spielstarker Mittelfeldspieler (Ballack) an Stelle eines unserer überflüssig gewordenen Manndecker hätte für mehr Dominanz im Mittelfeld gesorgt. Der Wechsel eines Stürmers für einen anderen Stürmer (Rink für Kirsten) bringt taktisch keine Veränderung, der von Ballck für Deisler konnte keine Signalwirkung für ein offensiveres Spiel der deutschen Mannschaft haben. Mit Hamann, Babbel, Nowotny und einem anonymen, auf zumeist in die Breite gespielte Sicherheitspässe bedachten Matthäus hatte die deutsche Mannschaft zu viele defensive Spieler um wirklich zu versuchen, den Spielstand noch zu verändern.