Dinamo Tiflis "Die Gefühle von 1981 zurückholen"
Es ist wohl nicht viel, was einem Deutschen zu Georgien einfällt. Vielleicht noch Eduard Schewardnadse, ehemaliger Staatspräsident des Landes und früherer Außenminister der Sowjetunion. Fußballfans haben es etwas leichter, denken sie doch sofort an die Klassekicker Levan Kobiaschwili (Schalke 04), Alexander Iaschwili (SC Freiburg) oder Shota Arweladze (AZ Alkmaar).
5,4 Millionen Einwohner leben in diesem eigenwilligen Land zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer - und sie suchen ihre Identität. Dem Ende des Riesenreiches UdSSR und der Unabhängigkeitserklärung Georgiens 1991 folgten über zwei Jahre Bürgerkrieg, hervorgerufen durch regionale, ethnische Konflikte. Der Demokratisierungsprozess hält an. Der frühere Regierungschef Eduard Schewardnadse wurde mittlerweile ins Exil verjagt, doch sein Nachfolger Micheil Saakaschwili macht es in den Augen der Georgier nicht viel besser.
Selbst moldawische Teams sind besser
Trotz politischer Wirren und verbreiteter Korruption hat sich das Land vom wirtschaftlichen Niedergang nach dem Ende der Sowjetära inzwischen erholt. Der Überlebenswille ist überall spürbar, so auch bei Dinamo Tiflis, dem fußballerischen Aushängeschild des Landes. National ist Dinamo fast konkurrenzlos. Der Club wurde kürzlich zum zwölften Mal Landesmeister und gewann achtmal den georgischen Pokal. International ist Tiflis allerdings drittklassig. Egal, ob Uefa-Pokal oder Champions League - in den vergangenen Jahren schied Dinamo regelmäßig in der Qualifikation oder in der ersten Runde gegen No-Name-Gegner aus Moldawien, Weißrussland oder Tschechien aus.
Der Club kommt nicht voran, denn in Tiflis fehlt ein Sponsor. Von den erfolgreichen Vereinen der ehemaligen Sowjetrepubliken bildet Dinamo damit neben dem armenischen Renommierclub Ararat Eriwan eine Ausnahme. Anderswo pumpen Oligarchen zweistellige Millionenbeträge in die Vereinskassen und kaufen namhafte Spieler aus Portugal, Brasilien und Griechenland: Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch bei ZSKA Moskau, Milliardär Alexej Fedoritschew bei Dynamo Moskau, die Gebrüder Surkis bei Dynamo Kiew und Industriemagnat Rinat Achmetow bei Schachtjor Donezk.
Während diese Vereine auf dem Transfermarkt mittlerweile um Weltstars mitbieten, muss Dinamo schon Klimmzüge machen, um seine besten Jugendlichen zu halten. Auch für die anderen Vereine aus den Städten Batumi, Zestafoni oder Poti sieht es düster aus. "Fußball ist in Georgien ein Zuschussgeschäft, die Vereine sind chronisch klamm", stöhnt Dinamo-Manager Petriaschwili. Hohe Eintrittspreise in den Stadien könne man nicht verlangen, sagt er. Und die anderen Einnahmequellen fließen eher spärlich: Das Merchandising steckt noch in den Kinderschuhen, Unternehmen reagieren auf die Möglichkeiten der Trikot- und Bandenwerbung verhalten. Kein Wunder, denn die Spiele werden nur selten im Fernsehen übertragen. Die früheren sozialistischen Großbetriebe des Landes finanzieren die Fußballclubs Georgiens nur noch unwillig. Oftmals haben sie selber große finanzielle Sorgen.
Kein Wunder, dass die ehrgeizigsten Fußballer irgendwann "Nachwamamdis" (Auf Wiedersehen) sagen. Die Liste der Spieler, die Dinamo ausgebildet hat und die ihr Glück in Europa fanden, ist lang. Neben genannten Bundesliga-Legionären sind Temur Ketsbaia, Georgi Kinkladse und Kaka Kaladse die Bekanntesten.
Hoffen auf den Nachwuchs
Heute ruhen die Hoffnungen beim georgischen Renommierclub auf dem eigenen Nachwuchs. Das Durchschnittsalter liegt folglich bei 23 Jahren, Dinamos Spieler bilden das Gerüst der georgischen U-21-Nationalmannschaft. "Auch diese Youngster haben alle ihren eigenen Manager. Die versuchen sie spätestens nach zwei Jahren bei einem guten Club in Europa unterzubringen", berichtet Trainer Kachaber Zchadadse.
Der heute 38-Jährige ist selbst diesen Weg gegangen. Von 1993 bis 1997 spielte der Manndecker bei Eintracht Frankfurt und hat dort nach eigener Aussage viel von den Trainern Charly Körbel und Dragoslav Stepanovic gelernt. Später zog es ihn zu Manchester City und Spartak Moskau. Erfahrungen, die für seine Spieler heute viel bedeuten. Laut Zchadadse seien seine Jungs stolz, für Dinamo zu spielen, und das, obwohl sie in der georgischen Liga, die aus zehn Teams besteht, nur wenige gleichwertige Gegner hätten.
Hängen die Spieler doch einmal durch, deutet Zchadadse beim Mannschaftsessen im Vereinsheim stets auf ein Gruppenbild aus alten Zeiten. Darauf zu sehen sind elf Helden mit stolzgeschwellter Brust in reklamefreien blauen Adidas-Hemden. Sie tragen ein großes D für Dinamo über dem Herzen. Aufgenommen wurde das Foto am 13. Mai 1981, dem größten Tag der Vereinsgeschichte. Damals schlug Dinamo im Finale des Europapokals der Pokalsieger in Düsseldorf den FC Carl Zeiss Jena 2:1.
Die Tore für den Sieger erzielten Wladimir Gusajew und der 1982 bei einem Autounfall verstorbene Witali Daraselia. In den vorangegangenen Runden hatte Dinamo unter anderem West Ham United und Feyenoord Rotterdam ausgeschaltet. Alexander Schiwadse, Ramaz Schengelia und David Kipiani waren die herausragenden Persönlichkeiten der Elf. Auf der Bank des Gegners aus der damaligen DDR saß Hans Meyer ("Über diese Niederlage bin ich bis heute noch nicht hinweg"), später Coach in Mönchengladbach und bei Hertha BSC. Leider wollte dieses Ostblockduell kaum jemand sehen. Ganze 9000 Zuschauer verloren sich im Rheinstadion, wobei die Stadtverwaltung noch einige tausend Freikarten verschenkt hatte.
Erstmals einen Namen machte sich Dinamo 1964 mit dem ersten sowjetischen Meistertitel. Das Team galt als Mannschaft der Zukunft. "Dinamo ist am ehesten in der Lage, die Dominanz von AC Mailand, Inter und Real Madrid im Europapokal zu brechen", schrieb sogar die französische Fachzeitschrift "France Football".
Doch daraus wurde nichts. Aus politischen Gründen waren sowjetische Teams in den folgenden Jahren nicht für die europäischen Wettbewerbe zugelassen. Es dauerte anderthalb Jahrzehnte, bis das Team wieder von sich reden machte. 1978 holte Dinamo zum zweiten Mal die Meisterschaft der UdSSR. Im Europapokal der Landesmeister trafen die Georgier im Jahr darauf in der ersten Runde auf den FC Liverpool. Nach einem 1:2 an der Anfield Road zwängten sich beim Rückspiel 110.000 Menschen ins Boris-Paichadse-Nationalstadion, in dem eigentlich nur 78.000 Zuschauer Platz finden. Die georgischen Fans peitschten ihr Team zu einem glorreichen 3:0-Sieg, im Achtelfinale aber scheiterte Dinamo am späteren Endspielteilnehmer Hamburger SV.
"Umwege machen das Leben schöner"
Seit den späten achtziger Jahren gibt es kein internationales Aufhorchen mehr, wenn der Name Dinamo Tiflis fällt. Auch die Liebe der eigenen Anhänger zum Vorzeigeclub ist mit der Zeit merklich abgekühlt. Es gäbe immer weniger richtige Fans in Georgien, die Stadien sind meist halbleer, sagt Manager Petriaschwili. Außerdem konkurrieren in der Hauptstadt immerhin drei Großclubs (Dinamo, FC und Lokomotive) um Zuschauer. "Wer heute eine Familie ernähren muss, hat weder Zeit noch Geld für Fußball", glaubt Petriaschwili. Neuen Enthusiasmus im Volk verbreiten könnte allenfalls ein Überraschungscoup wie vor 24 Jahren. So bleibt die erfolgreiche Vergangenheit für Dinamo weiterhin ein Ansporn. Trainer Zchadadse baut auf die Leidenschaft seiner Jungs: "Wir wollen die Gefühle von 1981 zurückholen." Bis dahin müssen seine Schüler wohl noch viele Sondereinheiten einlegen. Aber wie lautet ein georgisches Sprichwort: "Umwege machen das Leben schöner."