Doping im Fußball: Ein blutiges Geschäft - DER SPIEGEL
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Doping im Fußball Ein blutiges Geschäft

Fußballer werden selten des Dopings überführt. Und wenn, dann sind die Sperren relativ gering. Vor allem der Weltfußballverband hat ganz eigene Vorstellungen, wie Sanktionen auszusehen haben.
Von Malte Oberschelp und Daniel Theweleit
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Testverfahren, mit denen moderne Dopingmittel identifiziert werden können, existieren nicht. Das gilt für Designersteroide wie für Wachstumshormone, für Doping mit eigenem, speziell behandeltem Blut oder für Varianten des Peptidhormons Erythropoetin (Epo), das die Bildung der roten Blutkörperchen fördert und somit für eine erhöhte Sauerstoffaufnahme sorgt. "Diejenigen, die ihre Leistung steigern, machen das inzwischen auf eine Weise, die nur schwer nachzuweisen ist", sagt Roland Augustin, Chef der deutschen Antidopingagentur Nada in Bonn. Dennoch glaubt er nicht daran, dass derart kriminelle Energien im Fußballsport verbreitet sind. Zu dicht sei der Terminkalender, zu sehr sei die Öffentlichkeit auf das Spiel fokussiert.

Zudem war Fußball 2004 mit über 800 Kontrollen jene Sportart, die in Deutschland nach der Leichtathletik die meisten Tests durchführte. Auch das ist ein gerne vorgebrachtes Argument für die Unschuld des Fußballs. Doch berücksichtigt man die Zahl der Spieler in den 72 Mannschaften der ersten drei Ligen und dass auch U23, U21 und Frauenteams getestet werden, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Spieler gering, regelmäßig überprüft zu werden. Zumal für einige verbotene Stoffe gilt: Ihr leistungssteigernder Effekt ist nachhaltiger als die Nachweisbarkeit im Urin.

Grauzonen sind auch Aufbauphasen nach Verletzungen. Hier ist die Versuchung besonders groß, mit verbotenen Substanzen den Genesungsprozess des wertvollen Spielermaterials zu beschleunigen. Doch das Gros der Dopingkontrollen findet nach dem Abpfiff statt, wenn zwei Spieler pro Mannschaft zur Urinprobe ausgelost werden. 2004 waren in Deutschland lediglich zwölf Prozent der Prüfungen unangemeldete Out-of-Competition-Kontrollen. "Da versuchen wir, jedes Team jede Saison mindestens einmal zu besuchen", so Augustin. Dadurch ist die Anzahl der Kontrollen pro Team relativ niedrig und in der Abgeschiedenheit der Reha-Zentren noch einmal geringer.

Endgültig löchrig wirkt das Kontrollsystem, wenn man den Umgang mit Epo genauer betrachtet. Im Turiner Prozess spielte der Stoff eine zentrale Rolle, in erster Instanz war Juves Teamarzt Riccardo Aricola unter anderem deshalb zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Arsène Wenger, Coach des FC Arsenal, äußerte noch vor gut einem Jahr die Vermutung, es werde in Europa weiterhin mit Epo gedopt, nachdem einige seiner Neuverpflichtungen mit auffälligen Blutwerten nach London gekommen waren.

Trotzdem wird kaum eine der Proben im deutschen Fußball auf Epo überprüft. "Wir werden uns auf die Sportarten konzentrieren, in denen es mehr Sinn ergibt, Epo zu nehmen", sagt Augustin. Beim Triathlon etwa wurden 2005 alle Proben auf Epo getestet. Für den Fußball bleiben kaum Kapazitäten übrig, die Möglichkeiten der beiden Dopinglabore in Köln und Kreischa bei Dresden sind beschränkt.

Zudem dauert das Epo-Testverfahren mit drei Tagen wesentlich länger als das normale Screening und verdoppelt die Kosten auf bis zu 300 Euro pro Probe. Selbst das französische Labor in Châtenay-Malabry, das im Jahr 2000 das Verfahren zum direkten Epo-Nachweis im Urin entwickelte und darauf spezialisiert ist, testet jährlich nur 500 von 9000 Proben auf die Substanz. Dabei fände Nada-Chef Augustin es sinnvoll, die Proben der Kicker schärfer unter die Lupe zu nehmen. "Es droht sicherlich die Gefahr, dass Epo verwendet werden könnte, weil der Fußball athletischer und ausdauerintensiver geworden ist", sagt er.

Der gleichen Meinung ist Klaus Müller. Der 68-Jährige ist Mitglied jener elfköpfigen Kommission der Weltantidoping-Agentur Wada, die jährlich die Liste der Dopingmittel aktualisiert, und leitet seit 1992 das Dopinglabor in Kreischa. Zuvor war Müller Toxikologe in der Gerichtsmedizin und strahlt das gesunde Misstrauen eines Mannes aus, dem nichts Menschliches fremd ist. "Unterbliebene Kontrollen können nie positiv sein", sagt er. Aber "wenn einige hundert Epo-Proben pro Jahr zusätzlich gemacht werden, geht das nicht ohne Personalaufstockung und Investitionen in zusätzliche Geräte".

"Null Sinn" im Fußball?

Das liegt auch daran, dass ein positiver Epo-Befund nicht abgelesen werden kann wie ein Lackmustest. Das Verfahren ist zu kompliziert, das Ergebnis muss interpretiert werden. Seit in einigen Fällen A- und B-Probe nicht übereinstimmten, verlangt die Wada gar, dass jeder positive Epo-Test von zwei Laboren begutachtet wird. Die Zweifel am Testverfahren, von den Anwälten positiver Athleten hocherfreut ausgeschlachtet, haben im Fußball zu einem unterschiedlichen Umgang der internationalen Verbände mit dem Thema geführt. Toni Graf-Baumann, Vorsitzender des Dopingkontrollausschusses der Fifa, geht ohnehin davon aus, dass der Epo-Einsatz im Fußball "null Sinn" ergibt.

Der Anästhesist, Jurist und Vereinsvorsitzende des Oberligisten FC Emmendingen lebt im südbadischen Teningen, in seinem voll gestopften Büro klingelt ständig das Telefon. Wenger hat Graf-Baumann nach seinen Epo-Vorwürfen angerufen und bekam zu hören, was er denn "für einen Scheiß" erzähle, so ganz ohne wissenschaftlichen Beleg. Seit der WM 2002 lässt der Weltverband auch auf Epo testen, aber nach Fifa-Auffassung lässt sich ein überführter Fußballer derzeit gar nicht bestrafen.

"Wenn nicht über einen längeren Zeitraum wiederholt Blut abgenommen wird, reicht der Urintest auf Epo allein im Moment nicht aus", sagt Graf-Baumann. Damit bezieht die Fifa einmal mehr eine andere Position als die Wada, die den Epo-Test – ebenso wie das IOC – nach wie vor für zuverlässig hält. Auch Marc Vouillamoz, Leiter der Antidoping-Einheit der Uefa im schweizerischen Nyon, widerspricht Graf-Baumanns Interpretation. "Für uns ist der Epo-Test gültig, der Internationale Sportgerichtshof Cas hat das bestätigt – selbstverständlich würden wir Spieler nach einem positiven Test sperren."

Lesen Sie morgen in der letzten Folge der dreiteilgen Serie, warum die Uefa am meisten im Kampf gegen Doping im Fußball tut.