Doping im Fußball "Wir hinken ständig hinterher"
Der europäische Verband Uefa hat im Fußball die bisher überzeugendste Antidopingkampagne aufgelegt. Der Anteil der Trainingskontrollen (20 Prozent) ist höher als in Deutschland, bei der EM 2004 wurden schon im Vorfeld alle Teams auf das Blutdopingmittel Erythropoetin (Epo) untersucht. Seit der laufenden Saison finden auch in der Champions League bei allen 32 Teams unangekündigte Trainingskontrollen statt, und zwar gleich bei zehn Spielern pro Mannschaft. Alle Proben werden auch auf Epo überprüft. 1,6 Millionen Euro lässt sich die Uefa dieses Programm pro Jahr kosten, inklusive einer groß angelegten Aufklärungskampagne, während die deutsche Antidopingagentur Nada in Bonn und Labore hier zu Lande unter notorischer Geldnot leiden. Das macht die Antidoping-Bemühungen des reichen Fußballs nicht gerade glaubwürdiger.
Probenflaschen in Dopinglabor: "Häufiger Missbrauch"
Foto: REUTERS"Im Fußball ist eine Menge Geld im Spiel, der Druck ist hoch deshalb gibt es ein Risiko", sagt Marc Vouillamoz, Leiter der Antidoping-Einheit der Uefa, der eher wie ein Manager als ein Fußballfunktionär aussieht. "Wir sollten nicht naiv sein. Warum sollte der Fußball nichts mit dem Dopingproblem zu tun haben?" Doch die Auffassungen der Verbände, Institutionen und Experten divergieren auffällig. Thomas Pfeifer, Mannschaftsarzt von Bayer Leverkusen und Vertreter der DFL in der Antidopingkommission des DFB, glaubt, Doping ergebe im Fußball überhaupt keinen Sinn. Nada-Chef Roland Augustin vermutet, dass Anabolika Fußballern nicht weiter helfen, weil sie nicht direkt an den Muskeln des zu stärkenden Gelenks ansetzen, während Toni Graf-Baumann, Vorsitzender des Dopingkontrollausschusses der Fifa, erklärt: "Anabole Steroide wie Nandrolon oder Testosteron werden offenbar häufiger zu Dopingzwecken im Fußball missbraucht, als wir es angenommen haben."
Unterschiedliche Strafen bei Vergehen
Gleichzeitig hält Graf-Baumann den Epo-Einsatz im Fußball für nutzlos, was wiederum Augustin anders sieht. Manche Stoffe sind verboten, wenn sie oral eingenommen werden, als Salbe jedoch erlaubt nur lässt sich nachträglich nicht nachprüfen, wie das Medikament angewendet wurde. Und ob Kreatin, das gegenwärtig noch genommen werden darf, auf die Liste verbotener Substanzen gehört, ist ebenfalls umstritten. Das Thema ist hochkomplex und selbst für Kenner in vielen Winkeln neblig und unklar.
Das zeigt sich auch in den unterschiedlichen Sanktionen, die ausgesprochen werden, wenn ein Dopingsünder überführt ist. Mal wird ein Spiel wiederholt, mal wird es als verloren gewertet, mal erhält nur der Spieler eine persönliche Strafe, oder es wird eine Geldstrafe verhängt. Jahrelang stritten Fifa und die Weltantidoping-Agentur Wada mit bisweilen heftigen Wortgefechten, weil der Weltfußballverband sich weigerte, den Wada-Code wegen einer juristisch in der Tat zweifelhaften zweijährigen Mindeststrafe für Ersttäter anzuerkennen. Man drohte schon damit, den Fußball aus dem Kanon der Olympischen Sportarten zu entfernen. Es handelt sich um einen Kampf der Weltregierungen des Sports um Autonomie und Einfluss, der bei der vergangenen WM in Südkorea und Japan darin gipfelte, dass die Fifa Wada-Beobachtern eine Teilnahme an dem Turnier verweigerte. Inzwischen schlichtet der Internationale Sportgerichtshof Cas.
Die Fifa ist dabei offenkundig darauf bedacht, den Fußball vor weit reichenden Beschädigungen zu schützen. Die beiden Mexikaner Aarón Galindo und Salvador Carmona, die im vergangenen Sommer beim Konföderationen-Cup gespielt haben, obwohl sie in einem verbandsinternen Test des Nandrolon-Dopings überführt worden waren, erhielten eine einjährige Sperre. Die gewonnenen Spiele gegen Japan und Brasilien, in denen beide mitgewirkt hatten, blieben unangetastet.
Ähnlich agierte der Weltverband im Falle des entscheidenden WM-Qualifikationsspiels, in dem sich Angola durch ein 1:0 in Ruanda die Teilnahme sicherte. Nach der Partie war Verteidiger Yamba Asha positiv getestet worden, auch er erhielt eine Strafe von einem Jahr der Sieg seiner Mannschaft zählt. Anderenfalls hätte Nigeria die Angolaner als WM-Teilnehmer ersetzt eine Nachricht, die für wesentlich mehr Wirbel gesorgt hätte.
Der DFB geht da anders vor. Der Emder Falk Schindler wurde im Regionalligaspiel bei Fortuna Düsseldorf positiv getestet und die Partie als verloren gewertet. Die Zweitliga-Begegnung von 1860 München und Wacker Burghausen wurde hingegen wiederholt, nachdem Nemanja Vucicevic in einem Test auffiel. Beide Spieler hatten ein Haarwuchsmittel mit dem verbotenen Stoff Finasterid verwendet. Grundsätzlich sanktioniere der Weltverband mit "Individualstrafen", sagt Fifa-Sprecher Andreas Herren zum Fall des Angolaners Asha. Die einzige Ausnahme besteht darin, einem nationalen Verband Mitwisserschaft oder systematisches Doping nachzuweisen.
Wir genug im Kampf gegen Doping getan?
Das aber ist allein mit Wettkampf- und Trainingskontrollen kaum zu leisten. In Italien wäre der Prozess gegen Juventus Turin, das polizeiliche Vorgehen beim Giro d'Italia 2001 oder die Razzia bei den österreichischen Skilangläufern während der Olympischen Spiele von Turin ohne das einzigartige italienische Antidoping-Gesetz nicht möglich gewesen. "Durchsuchungen und abgehörte Telefonate sind sehr effektiv", sagt Raffaele Guariniello, Staatsanwalt in Turin, "denn was die Analytik angeht, hinken wir ständig hinterher." Folglich müsse man auch andere, staatlich legitimierte Methoden zur Anwendung bringen was wiederum bisher nur in Italien möglich sei.
In Deutschland gibt es die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen nicht. Hier zählt allein die positive Probe des Athleten. Ein Trainer, der im Besitz verbotener Substanzen ist, lässt sich nur belangen, wenn die Stoffe unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Nach Recherchen der Tageszeitung "Il Giornale" werden in Italien mit Dopingmitteln jährlich etwa 650 Millionen Euro erwirtschaftet, rund die Hälfte im professionellen Sportbereich. Wenn das stimmt, ist die Anzahl der überführten Sportler lächerlich klein.
Der Fußball hat das Problem erkannt und tut viel mehr als noch vor zehn Jahren. Ob das reicht, steht auf einem anderen Blatt. Als Nationalsport, milliardenschwere Unterhaltungsindustrie und Welt der Träume für Kinder liegt es nahe, dass er mehr tut als weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehende Sportarten. Denn nicht alle glauben, dass ein systematisches Doping à la Olympique Marseille oder Juventus Turin hier und jetzt unmöglich sei. Klaus Müller, Mitglied einer Wada-Kommission: "Man soll nie nie sagen." Gut möglich, dass der Fußball gerade erst die ersten Kapitel eines großen Dopingepos geschrieben hat.