Mario Götze: Jungstar sucht Anschluss
BVB-Star Götze Das große Versprechen
Es waren Götze-Festspiele. Mal wieder. Es ist der erste Spieltag der Bundesliga-Saison 2011/2012. Titelverteidiger Borussia Dortmund empfängt den Hamburger SV. Es entwickelt sich ein Spiel auf ein Tor, es entwickelt sich ein Spiel, in dem Mario Götze zum Mann des Abends wird. Das 1:0 durch Kevin Großkreutz legt der BVB-Jungstar auf, das zweite Tor macht er selbst. Beim 3:0 gibt der damals 19-Jährige erneut die Vorlage. Am Ende gewinnt Dortmund 3:1. Die Foto-Agenturen des Landes verschickten anschließend dutzendfach Bilder eines verschwitzten, aber strahlenden Götzes im Kreise seiner Kollegen.
Ein Jahr später, vor dem ersten Spieltag der Bundesliga-Saison 2012/2013, gibt es wieder viele Bilder von Götze. Einige zeigten ihn während seines Urlaubs, lachend auf einem Boot. Auf anderen ist ein Götze zu sehen, der wegen einer Bindehautentzündung nur gequält für das offizielle Mannschaftsfoto lächeln kann. Oder während Fußballspielen ausdruckslos auf der Einwechselbank sitzt. Es sind Aufnahmen, die nichts mehr gemein haben mit dem einst als Wunderkind gefeierten Jungstar.
Götze kämpft, seit langer, langer Zeit schon. Und hin und wieder kann man ihm ansehen, wie sehr ihn dieser Kampf anstrengt. Nach der 1:3-Niederlage der deutschen Nationalelf gegen Argentinien Mitte August stapfte Götze, der erneut nur eingewechselt worden war, in kurzer Sporthose, T-Shirt und Cap grußlos an den Journalisten vorbei.
Spaß am Fußballspielen solle er haben, sagt Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc, dann sei Götze am besten. Doch so richtig Spaß hatte Götze schon lange nicht mehr. Da war die Schambeinentzündung im Januar, mit der er monatelang ausfiel. Dann kam die Bindehautentzündung. Und immer noch ist der Kampf um die alte Form nicht gewonnen. Es ist ein beschwerlicher Comeback-Versuch, ein eigentlich normaler Fall in der Bundesliga. Doch bei Mario Götze ist es nicht normal. Götze ist wie ein Versprechen, das noch nicht ganz eingelöst ist.
Einlösen, was er angedeutet hat
Im August 2011 katapultiert sich der Jungstar binnen weniger Tage vom hochveranlagten BVB-Talent zur größten Hoffnung des deutschen Fußballs. Nach dem Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV spielte Götze in der Nationalmannschaft zum ersten Mal von Anfang an. Spätestens als er gegen Brasilien (3:2) nicht nur überragend dribbelte und passte, sondern auch das Tor zum 2:0 erzielte, nannte ihn der Boulevard "Götzinho".
In der Liga rauschte Götze mit dem BVB nach Startschwierigkeiten von Sieg zu Sieg, erreichte mit sechs Toren und fünf Vorlagen absolute Spitzenwerte. Dann kam die Verletzung - und die bittere Erkenntnis, dass auch ein Götze nicht unersetzlich ist. Mit Jakub "Kuba" Blaszczykowski auf der rechten Mittelfeldposition, Götzes Position, spielte der BVB eine überragende Rückrunde, wurde mit der Rekordausbeute von 81 Punkten erneut Meister - und kurz darauf auch Pokalsieger. Götze, inzwischen genesen, saß beim Endspiel im Mai in Berlin 90 Minuten lang nur auf der Bank. Bei der Europameisterschaft in Polen und Ukraine kam er insgesamt auf lediglich elf Einsatzminuten.
"Es war keine ganz einfache Zeit für ihn", sagt sein Trainer Jürgen Klopp. Wenn der BVB nun am Freitag gegen Werder Bremen (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) spielt, beginnt die 50. Bundesligasaison. Es ist Götzes vierte bei den Profis, seit er von Klopp am 21. November 2009 als 17-Jähriger gegen Mainz 05 erstmals eingewechselt worden war. Es wird seine bisher wichtigste. Götze muss einlösen, was er angedeutet hat. Leicht wird das nicht.
Zum Start wohl wieder auf die Bank
Fast zeitgleich mit Götzes Augenbeschwerden Ende Juli verkündete der BVB im Trainingslager im schweizerischen Bad Ragaz die Vertragsverlängerung von Blaszczykowski. Während Götze im Mannschaftshotel behandelt wurde, saß Kuba im Pressekonferenzraum im Erdgeschoss eines edlen Hotels und sagte, er wolle "weiter Erfolge mit dem BVB" feiern. Sein neuer Vertrag läuft bis 2016. Genau so lange wie Götzes Kontrakt.
Der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft galt bis zur vergangenen Winterpause als Götze-Backup. Inzwischen hat er einen Vorsprung. Gegen Bremen dürfte Kuba in der Startelf stehen. Götze fehlt Spielpraxis und Wettkampfhärte, sein Konkurrent ist in guter Frühform. In der ersten DFB-Pokalrunde beim Regionalligisten FC Oberneuland (3:0) schoss Kuba das 2:0. Götze wurde in der 65. Minute für Marco Reus, den Torschützen zum 1:0, den 17-Millionen-Euro-Zugang und frisch gekürten Fußballer des Jahres, eingewechselt.
Doch Götzes Ansätze sind viel versprechend. Bei seinem Kurzeinsatz im Supercup in München bewies der dribbelstarke Künstler, dass er der Mann für die besonderen Momente sein kann. Götze zeigte einige gelungene Sololäufe, kam sogar einmal gefährlich zum Abschluss. Beim Länderspiel gegen Argentinien schaffte er in knapp 20 Minuten Einsatzzeit eine Torvorlage. Wie sehr es Götze nach neun Monaten ohne Spielrhythmus an Konstanz fehlt, zeigte sich aber auch.
Hibbelig und nervös wirkte er, selbst bei einfachen Aktionen. In der Spieleröffnung leistete er sich Fehlpässe, die ihm in Normalform nicht passieren würden. Ganz anders als früher, ganz anders als bei seinem letzten Bundesliga-Spiel über die volle Distanz. Am 19. November 2011 war der BVB beim FC Bayern München zu Gast. Dortmund gewann 1:0, den Siegtreffer erzielte Götze.