Dusel-Bayern: "Mei, spuin die schlecht!" - DER SPIEGEL
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Dusel-Bayern "Mei, spuin die schlecht!"

Der FC Bayern steht im Achtelfinale der Champions League und hat gegen Anderlecht doch eindrucksvoll demonstriert, wie weit die Mannschaft von der europäischen Spitze entfernt ist. Auf den Rängen herrschte Fassungslosigkeit und Ottmar Hitzfeld starb an der Seitenlinie "einige Tode".
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Düster sieht es aus beim FC Bayern. International nur Zuschauer, in der Bundesliga abgeschlagen und der Trainer hat seinen Abschied schon angekündigt. Nein, dieses Jahr läuft wirklich wenig zusammen bei der Damen-Fußballmannschaft des Münchner Clubs. Bei den Mannsbildern dagegen scheint die Welt seit Mittwochabend um 22.38 Uhr wieder in Ordnung zu sein.

Da pfiff zur unendlichen Erleichterung aller Bayern-Fans unter den 52.000 Zuschauern im Münchner Olympiastadion Schiedsrichter Kim Milton Nielsen aus Dänemark endlich das Match gegen den RSC Anderlecht ab. Der FC Bayern stand im Achtelfinale der Champions League, die größte anzunehmende Katastrophe, das Ausscheiden in der Vorrunde, war im Gegensatz zum Vorjahr noch einmal abgewendet worden. Doch richtig jubeln wollte auf dem Rasen und auf den Rängen kaum jemand.

Wenigstens Torwart Oliver Kahn trommelte mit seinen Fäusten auf den Rasen und damit wohl die ganze Anspannung vor allem der zweiten 45 Minuten heraus. Sonst aber blickte man vor allem in entsetzte, in fassungslose Gesichter. "Mei, spuin die schlecht", sagte ein Mittvierziger auf der Haupttribüne immer wieder zu sich selbst, "mei, san die schlecht! Schlecht!" So, als könnte er es einfach nicht fassen, dass die Chaostruppe in den roten Trikots da unten auf dem Rasen tatsächlich der FC Bayern sein soll. Die Herrenmannschaft, wohlgemerkt. Man konnte ihn verstehen.

Denn in Ordnung ist bei den Bayern so gut wie gar nichts. Nicht die unsichere Abwehr, nicht der schwache Sturm und schon gar nicht das Mittelfeld, das aus vorauseilender Solidarität mit Harald Schmidt schon einmal eine kreative Pause einlegte. Von Beginn an war zudem die Nervosität bei den Bayern spürbar. Hasan Salihamidzic, Bixente Lizarazu und Sammy Kuffour unterliefen peinliche technische Schnitzer. Selbst der Angriffsschwung, den die Bayern vor allem in der ersten Viertelstunde zeigten, wurde immer wieder durch leichte Fehler gebremst, die auf hohem europäischen Niveau einfach nicht so häufig vorkommen dürfen. Aber von Spitzenleistungen waren beide Teams ja weit entfernt.

So zeichnete sich bald das Grundmuster der ersten Halbzeit ab. Anderlecht tat nichts außer zu warten, und der FC Bayern spielte sich mühsam in Tornähe. Mitunter segelte der Ball kreuz und quer durch den Strafraum der Belgier, und ebenso regelmäßig flog ein Bayern-Spieler knapp an der Kugel vorbei. Das alles wirkte wenig zwingend und ziemlich zufällig. Sicher, Michael Ballack deutete mit ein paar ansatzlosen Pässen seine Klasse an, Ze Roberto und Lizarazu wechselten sich mitunter gut auf dem linken Flügel ab und Owen Hargreaves war während der gesamten Partie noch der agilste Bayern-Spieler. Dagegen gelang Salihamidzic auf der rechten Seite fast gar nichts - und als er in der zweiten Halbzeit nach links wechselte, knüpfte er nahtlos an seine bisherige Leistung an. Auch Hitzfelds offensive Variante mit den drei Stürmern Roque Santa Cruz, Claudio Pizarro und Roy Makaay, von denen sich einer stets hinter die Spitzen zurückfallen ließ, sorgte kaum für den erhofften Druck - das Zusammenspiel klappte zu selten.

Elfmetergeschenk für die Bayern

Es war nur konsequent, dass für die Führung kurz vor der Halbzeitpause ein Elfmeter her musste, der in die Glückskategorie "Kann-man-geben" fiel. Makaay nahm das Geschenk an. Immerhin wärmte man sich beim alkoholfreien Glühwein in der Pause an dem Gedanken, dass Anderlecht jetzt auch mitspielen musste. Die Ankündigung des belgischen Trainers Hugo Broos, man wolle sich keinesfalls nur ein 0:0 ermauern, hatte sich längst als großer Bluff entpuppt. Dumm war dann eigentlich nur, dass in der zweiten Hälfte der FC Bayern plötzlich nicht mehr mitspielte. Oder wie sollte man das phasenweise punkartige Gebolze mit reichlich Querschlägern am eigenen Strafraum nennen? Zeitweise kamen die Bayern im eigenen Stadion kaum über die Mittellinie - und das gegen einen Gegner, der mindestens genauso harmlos spielte wie sie selbst.

Hitzfeld stand minutenlang vor der Trainerbank, sah sich das Ganze an und schüttelte nur noch den Kopf. Nach dem Spiel bekannte er ungewohnt offen, "heute einige Tode gestorben zu sein". Auch das war verständlich. Hätte Lizarazu nicht einmal auf der Linie gerettet, hätte Kahn einen Volleyschuss aus gut 20 Metern nicht in letzter Minute entschärft, dann wären Hitzfelds Tage in München wohl gezählt gewesen. "Da bleibt einem das Herz stehen", gestand Abwehrspieler Thomas Linke.

Angesichts der Leistung vom Mittwoch scheint der Abschied aber nur vertagt. Klar, möglicherweise besiegt man am Samstag noch Bundesliga-Spitzenreiter Stuttgart, der gerade etwas aus dem Tritt kommt, und ist dann trotz einer sehr durchwachsenen Vorrunde noch im Meisterschaftsrennen, im Pokal und in der Champions League dabei. Doch die Ansprüche in München sind höher. Zwischen 1998 und 2002 hat man konstant an der europäischen Spitze mitgespielt und sich mit den Top-Teams aus Madrid und Manchester packende Duelle geliefert.

Jetzt muss man bereits vor der Auslosung zum Achtelfinale zittern, dass es hoffentlich nur der AS Monaco oder vielleicht der FC Chelsea als Gegner wird, gegen alle anderen Mannschaften wären die Chancen minimal. "Nach einem solchen Spiel sollte man nicht darüber reden, was man erreichen kann", umschrieb es Hitzfeld galant. "Egal, auf wen wir treffen, wir werden Außenseiter sein", ergänzte Linke.

Sich blind darauf zu verlassen, dass im Frühjahr auf wundersame Weise alles besser wird, wäre mehr als trügerisch. Es ist offensichtlich, dass der Umbruch nach der Ära Effenberg nicht gelungen ist. Makaay ("Wir hatten Glück") mag zwar der perfekteste Vollstrecker beim FC Bayern seit den Zeiten von Gerd Müller sein, das Problem ist nur: Es gibt im Moment mangels brauchbaren Anspielen so wenig zu vollstrecken. Denn die Organisation des Mittelfeldes bleibt unklar. Michael Ballack als zentrale Figur in Hitzfelds System kann in seiner defensiven Rolle zu wenig für den Spielaufbau tun, kreative Köpfe wie Mehmet Scholl oder Sebastian Deisler werden auf absehbare Zeit nicht spielen können.

Pfiffe für die planlosen Münchner

Es fragt sich ohnehin, warum Ballack so zurückgezogen agieren muss, obwohl der FC Bayern mit Jens Jeremies, Owen Hargreaves und Martin Demichelis im defensiven Mittelfeld eher überbesetzt ist. Die Innenverteidigung stellt allenfalls Durchschnitt dar, lediglich auf den Außenbahnen können Lizarazu und Willy Sagnol gelegentlich überzeugen. "Mit Fußball hatte das nichts zu tun. So kommen wir nicht weiter, das hat keinen Sinn", kritisierte Vereinschef Franz Beckenbauer.

Das Münchner Publikum reagierte am Mittwoch verblüffend gelassen auf die unterirdische Vorstellung der zweiten Hälfte gegen Anderlecht. Erst in der 74. Minute entlud sich das Entsetzen in einem Pfeifkonzert, als zum x-ten Male ein Konter planlos am Mittelkreis verstolpert wurde. Und kurz darauf wurde plötzlich sogar Lizarazu aus der Südkurve mit minutenlangen Sprechchören gefeiert: Er hatte in Höhe der Mittellinie seinen Gegenspieler kompromisslos über den Haufen gerannt. Es gab wirklich nicht viel, worüber man sich an diesem Abend freuen konnte.


Bayern München - RSC Anderlecht 1:0 (1:0)
1:0 Makaay (42., Foulelfmeter)
Bayern München: Kahn - Kuffour, Linke - Salihamidzic (79. Schweinsteiger), Lizarazu, Hargreaves, Ballack, Zé Roberto (67. Sagnol) - Santa Cruz, Makaay, Pizarro
RSC Anderlecht: Zitka - Zewlakow (63. Wilhelmsson), Kompany, Tihinen, Deschacht - Hasi (79. Jachtschuk), Zetterberg, Baseggio, Hendrikx (86. Kolar) - Mornar, Dindane
Schiedsrichter: Nielsen (Dänemark)
Zuschauer: 52.000
Gelbe Karte: Makaay / Tihinen, Zetterberg

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