Dynamo Dresden Fortschritt an der Fanfront
"Es wird Jahrzehnte dauern, bis der Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt durchbrochen ist", glaubt Torsten Rudolph, der Leiter des Fanprojekts von Dynamo Dresden. Bevor er 2002 den Posten übernahm, beschränkte sich die Projektarbeit auf Service-Elemente, auf die Organisation der Auswärtsfahrten oder den Verkauf von Fanartikeln. Dynamos überarbeitete Vereinschefs hatten an allen Seiten Löcher zu stopfen, für pädagogische Betreuung von Jugendlichen fehlte Geld und Interesse. Dieser kurzsichtige Kurs sollte sich nach dem 1. September 2002 ändern.
Im Rudolf-Harbig-Stadion traf Dynamo im Stadtderby auf den Dresdner SC. Nach dem Spiel eskalierte die Lage. Ein aufgebrachter Mob, mehr als 1500 Dynamo-Fans, stürzten sich mit hasserfüllten Blicken auf etwa 120 Polizisten. 43 Polizisten wurden verletzt, drei schwer. Tage später richtete die Polizeidirektion Dresden die Sonderkommission Randale ein. Allmählich wuchs auch bei Dynamo das Bewusstsein für Prävention, das in Dortmund, Bochum oder Hamburg bereits mehr als ein Jahrzehnt zuvor stark ausgeprägt war. Die Politik sah das anders. Das Innenministerium Sachsen verweigerte noch immer die Unterstützung an der Drittelfinanzierung. Demnach würde der DFB für Fanprojekte einen fünfstelligen Betrag zahlen, wenn die Kommune und das Land jeweils den gleichen Beitrag leisten.
Unter dieser Ignoranz hatte nicht nur Dynamo zu leiden, sondern auch der FC Erzgebirge Aue, der Chemnitzer FC oder der FSV Zwickau. Die Fanprojekte wurden geduldet, nicht gefördert. In Leipzig musste sich der Sozialarbeiter Udo Überschär lange um die rivalisierenden Fangruppen des FC Sachsen und des 1. FC Lokomotive kümmern eine nahezu unmögliche Mission. Sogar DFB-Präsident Zwanziger warb im Dresdner Parlament für mehr Verständnis der Landespolitiker. Das Innenministerium wachte erst im Februar 2007. Auslöser war das Landespokalspiel zwischen dem Bezirksligisten Lok Leipzig und Erzgebirge Aue II.
800 Gewaltbereite hatten sich nach der Partie in der Nähe des baufälligen Bruno-Plache-Stadions auf 300 Polizisten gestürzt. 39 Polizisten wurden verletzt. Der Sächsische Fußball-Verband sagte für das folgende Wochenende mehr als 60 Amateurspiele ab. Der Traditionsclub Lok aber stürzte in eine Existenz bedrohende Krise. "Was können wir schon gegen die Schläger machen?", fragt Frank Müller, der ehrenamtlich tätige Aufsichtsratschef von Lokomotive Leipzig. "Wir sind doch keine Pädagogen, wir sind ganz normale Menschen." Lange hatte Lok-Clubchef Steffen Kubald, ein ehemaliger Hooligan, sich von den Schlägern nicht distanziert.
Dynamo Dresden bildet inzwischen eine positive Ausnahme in Sachen Fanarbeit, ein sechsstelliger Etat steht dem Projekt selbst in der Regionalliga zur Verfügung. Torsten Rudolph und seine Kollegen richten sich vor allem an die 12- bis 16-Jährigen. Viele Fans kommen aus den Dresdner Plattenbauvierteln oder aus dem Umland, wo Neonazis gern ihre Demonstrationen veranstalten. Die Sozialarbeiter gehen in die Schulen und bieten ein Anti-Aggressions-Training ein. Ältere Fans sind kaum noch zu erreichen, ihre Distanz zu Sozialarbeitern ist groß. Die Hardliner pflegen den Mythos der gefährlichsten Fangruppe.
Obwohl auch die meisten Spiele der Dresdner heutzutage ohne gewaltsame Vorfälle über die Bühne gehen, wird jede Partie als brisant eingestuft. Ein Radiosender aus Sachsen-Anhalt forderte seine Hörer einmal auf: "Bitte stellen Sie ihre Mülltonnen in die Häuser, laufen Sie nicht mit Fanschal in die Innenstadt. Die Anhänger von Dynamo Dresden kommen." Nach dem Spiel bei 1860 München im September 2005 wurde von Ausschreitungen an einer Raststätte berichtet. Tatsächlich blieb es harmlos. Die meisten Fans fühlen sich seit Jahren vorverurteilt. NOFV-Funktionär Moldenhauer sagt: "Diese Aversionen werden über Generationen vererbt."
In anderer Form artikulierte sich Gewalt im Februar 2006 auf dem Bahnhof in Stendal. Fans des FC Hansa Rostock, die sich auf dem Weg nach Braunschweig befanden, hörten von der kurzfristigen Absage der Begegnung, bewarfen Polizisten anschließend mit Steinen und zündeten deren Autos an. Sieben Monate später zwangen randalierende Fans des FSV Zwickau ihren Präsidenten zur Aufgabe. Knallkörper und Leuchtraketen landeten auf dem Spielfeld und auf den Tribünen. Unter Tränen trat Clubchef Volker Seifert zurück. Am 25. Februar 2007 bedrohten dann rund 50 Dresdner Fans ihre eigenen Spieler.
Auch die Fremdenfeindlichkeit wird in Ostdeutschland offener ausgelebt. Das belegen nicht nur die Ergebnisse der Wahlen in Sachsen 2004 und Mecklenburg-Vorpommern 2006, wo die rechtsextreme NPD jeweils in den Landtag einzog. Auch die Stadien dienen in diesem Fall als Seismograph für Rassismus: Gerald Asamoah, Spieler des FC Schalke 04, wurde des Öfteren im Osten beschimpft, zum letzten Mal beim Pokalspiel im Rostocker Ostseestadion im September 2006. Dem Nigerianer Adebowale Ogungbure erging es schlimmer. Im Trikot des Oberligisten FC Sachsen Leipzig wurde er von Fans des Halleschen FC erst beleidigt und dann am Rande des Spielfeldes tätlich angegriffen. Dunkles Deutschland.