Ebbe Sand "Wir sind die Underdogs"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Sand, was bedeutet Ihnen die Teilnahme an der EM?
Ebbe Sand: Es ist eine wunderbare Sache, eine EM oder auch eine WM zu spielen. Ich kenne dieses tolle Gefühl schließlich schon von der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, als sich Dänemark durchaus gut präsentiert hat. Nicht viele Fußballer bekommen so eine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Nun aber, kurz vor der EM, gibt Ihr Trainer, Bo Johansson, Miklos Molnar von den Kansas City Wizards den Vorzug. Wer wird denn jetzt in Holland und Belgien für Dänemark stürmen?
Sand: Zuletzt war ich verletzt, so dass ich nur eine Halbzeit spielen konnte. Ich denke trotzdem, dass ich gute Chancen habe, in der Stammelf aufzulaufen, so wie in fast allen der letzten zehn, fünfzehn Spiele auch. Aber natürlich gibt es Konkurrenz mit Molnar oder auch mit Mikkel Beck von Derby County.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch scheint es, als befände sich "Danish Dynamite" rechtzeitig zum Turnierbeginn in einer mittelschweren Krise.
Sand: Wir haben die letzten beiden Freundschaftsspiele zwar verloren, ich denke aber nicht, dass es deshalb angebracht ist gleich von "Krise" zu sprechen. Auch vor der WM 1998 haben wir schlechte Leistungen in den Vorbereitungsspielen gezeigt und dann doch ein gutes Turnier gespielt. Wenn es um etwas geht, dann sind wir da, dass haben wir schließlich auch in den Qualifikationsspielen zu dieser EM-Endrunde bewiesen, als wir beispielsweise in Italien gewonnen haben.
SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen hat "Danish Dynamite" in der unerhört starken Vorrundengruppe mit den Niederlande, mit Tschechien und Frankreich?
Sand: Wir sind zweifellos Außenseiter in dieser Gruppe. Aber die Underdog-Rolle entspricht unserer Mentalität. Mit dieser Rolle haben wir immer den meisten Erfolg verbuchen können. So zum Beispiel auch bei der letzten WM, wo wir nur sehr unglücklich gegen Brasilien ausgeschieden sind. Wenn keine großen Erwartungen auf uns lasten, sind wir am stärksten.
SPIEGEL ONLINE: Wie auch bei der EM 1992, als Dänemark als Nachrücker für Jugoslawien unerwartet Europameister wurde. Damals hieß es, das Team sei direkt aus einem McDonalds-Restaurant zur EM angereist...
Sand: Diese Geschichte ist natürlich ungemein aufgebauscht worden. Die Mannschaft war damals vielleicht einmal bei McDonalds und sofort hieß es, dass sich dänische Fußballer nur von Fastfood ernähren würden. Aber wir arbeiten genauso professionell, wie alle anderen Teams auch...
SPIEGEL ONLINE:...dennoch scheinen Dänen die etwas "anderen Fußballer" zu sein. Sie zum Beispiel sind gelernter Bauingenieur, ein nicht gerade typischer Beruf für einen Fußballprofi.
Sand: Na ja, vielleicht stimmt es schon, dass der Däne insgesamt etwas lockerer ist als der Deutsche. Wir werden etwa während der EM unsere Familien ganz in der Nähe des Mannschaftsquartiers, in einem benachbarten Hotel untergebracht wissen, so dass die Chance besteht, sich öfter einmal zu sehen; das war auch schon bei der letzten WM so. Die Mannschaft selbst wird in einem Golfhotel wohnen, so dass man bei einer Partie Golf auch mal an etwas anderes denken kann als nur an Fußball.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren an Hodenkrebs erkrankt. Nehmen Sie das Leben und den Fußball seitdem nun anders wahr?
Sand: Ich bin schon immer ein positiv denkender und fühlender Mensch gewesen, auch vor meiner Erkrankung. Dass ich dies beibehalten und noch verstärkt habe, war sicherlich wichtig auch während meiner Krankheit und für meine Genesung. Ich blicke immer nach vorne, anders geht es nicht.
SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen räumen Sie der deutschen Elf ein?
Sand: Mein EM-Favorit ist Holland, aber auch Deutschland hat nach wie vor eine gute Mannschaft. Mit ein wenig Glück wird man die erste Runde überstehen und nach den Gruppenspielen ist alles möglich, auch für das deutsche Team.