Ein Land dreht durch: Südkorea im Siegeswahn - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ein Land dreht durch Südkorea im Siegeswahn

Nach dem historischen Einzug ins WM-Halbfinale hat sich die Ekstase in Südkorea noch einmal gesteigert. Kreischend und weinend vor Freude wurde im ganzen Land der Sieg über die Spanier gefeiert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seoul/Gwangju - Unüberschaubare Menschenmassen in roten T-Shirts und mit roten Stirnbändern und Kopftüchern bejubelten auf den großen Plätzen in der Metropole Seoul und weiteren Städten. Der Sieg im Elfmeterschießen über Spanien löste die wohl größte Party in der Landesgeschichte aus.

Staatspräsident Kim Dae-Jung sprach aus, was wohl alle Südkoreaner dachten. "Das ist der glücklichste Tag seit 'Dangung'. Ein neuer Pfad zu nationalem Wohlstand ist eröffnet worden", sagte der Friedensnobelpreisträger. Dangung war jener König, der vor 5000 Jahren die koreanische Nation begründet haben soll. "Gratulation an die Bürger, Dank an die Spieler und Trainer Guus Hiddink. Nun lasst uns auch ins Finale einziehen und den Wettbewerb in Yokohama gewinnen. Macht die Weltmeisterschaft zu unserer WM", sagte Kim Dae-Jung.

In Seoul ging kurz nach Hong Myung-Bos entscheidendem Elfmeter nichts mehr: Auf den Straßen bejubelten die Fans, von denen die meisten ihre Gesichter mit Südkoreas Nationalflagge, Fußbällen oder den Namen von den nahezu schon vergötterten Spielern bemalt hatten, mit Autokorsos sowie Hupkonzerten und Fahnenmeeren den ersten WM-Halbfinalisten aus Asien. Überall riefen Zig- und Hunderttausende von Menschen immer und immer wieder den schon legendären Schlachtruf "Dae Ha Min Guk" ("Republik Korea"). Die Ein- und Ausgänge zu den Stationen der völlig überfüllten U-Bahn waren stundenlang von Menschenmassen verstopft.

Hunderttausende vor TV-Großleinwänden

Auf den elf Plätzen vor den Großleinwänden schossen die bei Temperaturen von rund 30 Grad zu Hunderttausenden versammelten Fans Feuerwerkskörper in den Sommerhimmel. Über die kreischenden Menschenmassen am Rathaus der Olympiastadt von 1988, wo ein TV-Sender eine Bühne aufgestellt hatte und live über das Programm mit zahlreichen prominenten Unterhaltungskünstlern berichtete, zogen Anhänger Südkoreas ein riesige Nationalflagge. An einem Büro-Wolkenkratzer entrollte ein Sponsor ein überdimensionales Bild von Südkoreas niederländischem Nationaltrainer Hiddink.

Die vermutlich mehr als fünf Millionen Menschen, die sich an der landesweiten Siegesfete beteiligten, bedeuteten einmal mehr eine neue Dimension in Südkoreas Geschichte. "Wir waren auf Terroristen und auf Hooligans vorbereitet, aber nicht auf so etwas", kommentierte ein Polizist in der Metropole die unüberschaubaren Menschenmassen.

Den rund 2,5 Millionen Fans in Seoul standen nach den friedlichen Feiern bei Südkoreas vorherigen WM-Spielen gerade einmal 7000 Sicherheitskräfte gegenüber. Bei den großen Demonstrationen in Seoul 1987 für die Einführung der Demokratie hatte sich nur eine Million Menschen zusammengefunden.

Propaganda-Boxen an der Grenze zu Nordkorea

Am 38. Breitengrad an der Grenze zum kommunistischen Bruderstaat Nordkorea nutzten die Südkoreaner das Match auch zur Propaganda: Die Radioreportage wurde auch über zahlreiche Boxen entlang der 240 km langen Grenze übertragen. Somit drang die Nachricht von Südkoreas WM-Erfolg auch in den ansonsten hermetisch abgeschotteten Norden. "Das ist auch ein Teil unserer psychologischen Kriegsführung", erklärte Major Yoon Won-Shik als Sprecher des Generalstabs.

Für Tausende von Fans war das bevorstehende Halbfinale am Dienstag in Seoul gegen die deutsche Nationalmannschaft schon am Samstag nur eine weitere Zwischenstation. Lautstark träumten die Anhänger von "Asiens Stolz" bereits vom Endspiel am 30. Juni in Japan: "Let's go to Yokohama", skandierten die Fans immer wieder.

Mehr lesen über