Eintracht Frankfurt: Start-up der Diva - DER SPIEGEL
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Eintracht Frankfurt Start-up der Diva

Mit der Machtübernahme durch den amerikanischen Vermarktungskonzern Octagon sollte alles besser werden beim notorischen Abstiegskandidaten Eintracht Frankfurt. Bei der Suche nach einem Trainer geben die neuen Manager ein eher blamables Bild ab. Unter den Fans wächst der Unmut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Aufgabe schien reizvoll. Ein großer Verein, eine große Stadt, eine große Fangemeinde. Hans-Peter Briegel, 45, in den Achtzigern als "Walz von der Pfalz" auf deutschen Fußballplätzen gefürchtet und mit der Nationalelf zweimal Vize-Weltmeister, hatte mit dem Gedanken Freundschaft geschlossen: Ja, er wollte Trainer von Eintracht Frankfurt werden.

Die letzten fünf Spiele hatte die Mannschaft, seit drei Jahren notorisch abstiegsgefährdet, nicht gewinnen können. Doch die beiden WM-Qualifikationsmatches der Nationalelf boten eine Bundesligapause von zwei Wochen. Briegel, so hatte er es sich ausgemalt, wäre mit seinem neuen Team acht Tage ins Trainingslager gefahren, um die Profis in Ruhe kennen zu lernen: "Der Zeitpunkt passte."

Via Fernseher erhielt Briegel die wichtigen Infos

Vergangenen Montag schaltete Briegel indes zu Hause sein Fernsehgerät ein und erfuhr, dass die Frankfurter Eintracht den Vertrag mit Assistenztrainer Armin Kraaz bis 2003 verlängert habe. Das war der Moment, in dem der ehemalige Kaiserslauterer wusste, dass es mit dem hessischen Traditionsclub doch keinen Sinn hat. Erst den Stellvertreter zu bestätigen und dann den Chefcoach zu suchen, das hielt Briegel für einen problematischen Modus von Personalpolitik. Offiziell ließ er verlauten, "unterschiedliche sportliche Konzepte" hätten die Gespräche von Vorstand und Trainerkandidat zum Scheitern gebracht.

Eine vornehme Umschreibung. Es war wohl eher Dummheit, die dazu geführt hat, dass die Eintracht jetzt wohl bis Saisonende mit ihrer Verlegenheitslösung auskommen muss: mit Club-Manager Rolf Dohmen auf der Trainerbank. Denn vor Briegel hatten schon andere Fußballlehrer auf den Job verzichtet.

Das mag überraschen, weil doch alles besser werden sollte mit der Umwandlung des Traditionsvereins zur "Eintracht Frankfurt Fußball AG". "Drastische Veränderungen", hatte Steven Jedlicki, der Vorstandsvorsitzende der neuen Aktiengesellschaft angekündigt. Ob dazu gehört, ohne lizenzierten Chefcoach dem Abstieg entkommen zu wollen?

Jedlicki winkt ab. Zur Trainersuche sage er nichts mehr. Sein Thema sind die brachliegenden Ressourcen des Vereins. "Das Vermarktungspotenzial der Marke Eintracht Frankfurt ist groß", sagt der hemdsärmelige Marketingprofi, und es klingt, als spräche er über Coca-Cola oder Persil, und so ist es wohl auch gemeint. "Die Eintracht ist einm Wirtschaftsunternehmen und muss wie ein Großkonzern geführt werden."

Ende der Vereinsmeierei

So zu reden ist zwar inzwischen Usus im Bundesliga-Geschäft. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Hoeneß und Assauer dieses Landes im Herzen immer noch Vereinsmeier sind ­ und ihrem Club verpflichtet. Steven Jedlicki, 49, arbeitet hingegen für den amerikanischen Vermarktungskonzern Octagon, eine Tochtergesellschaft der Interpublic Group, die durch Zukäufe dieser Tage zur weltgrößten Werbe-Holding expandiert ist.

Octagon besitzt inzwischen 49,9 Prozent der Anteile der "Eintracht Frankfurt Fußball AG", wie die vom Restverein abgetrennte Profiabteilung nun heißt ­ ein Novum in der deutschen Fußballhistorie, das die Beteiligten aus Verein und AG "strategische Partnerschaft" nennen.

Fußballclubs als Kapitalgesellschaften

Das klingt fortschrittlich. Und in der Tat zählt die Eintracht zu jenem exquisiten Zirkel von vier Bundesligateams, die in Kapitalgesellschaften umgewandelt worden sind. Den Schritt an die Börse hat bislang freilich nur Borussia Dortmund gewagt und damit einen Reinerlös von 260 Millionen Mark erzielt. Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg änderten zwar die Gesellschaftsform, mit Bayer und Volkswagen sind indes jene Unternehmen Anteilseigner geworden, die schon zuvor den Verein wirtschaftlich trugen. Die Frankfurter Eintracht hingegen hat sich, in Stunden höchster Not, einem fremden Geldgeber an den Hals geschmissen.

Die strategische Partnerschaft sah dann auch so aus, dass Octagon als Erstes rund 20 Millionen Mark in den damals konkursreifen Fußballverein gesteckt hat. Irgendwann, so der Masterplan, wird das US-Unternehmen 50 Millionen Mark in das Joint Venture gepumpt haben. Und dann möchte Jedlicki seine Vision vom modernen Kicker-Konzern verwirklicht sehen, der um Europas Fußballpokale mitspielt. "Die Marke Eintracht Frankfurt zur führenden Marke machen", sagt Jedlicki, sei seine Aufgabe. Er denkt dabei an Borussia Dortmund oder Bayern München, Ajax Amsterdam oder den AC Mailand. An Clubs jedenfalls, die Jedlicki für Großkonzerne hält und nicht für solche Bier-, Schweiß- und Tränenvereine, zu denen auch die Eintracht noch bis vor kurzem gehört habe.

Octagon ist schließlich wer im weltweiten Sportbusiness; hat Tennisstars wie Martina Hingis, Anna Kurnikowa und Gustavo Kuerten unter Vertrag, betreut etliche Golfprofis der Sonderklasse, organisiert das Rasentennisturnier im Londoner Queens Club und gestaltet unter anderem das Fußballsponsoring von Opel, mit dessen Logo die Trikots von Bayern München bedruckt sind. "Global Passion" steht oben auf der knallroten Internet-Seite des Unternehmens: "Octagon Worldwide". "Wir sind Weltmarktführer", erklärt Jedlicki.

Die Eintracht - kein ganz Großer im Fußballgeschäft

Die Frankfurter Eintracht gehört hingegen nicht gerade zu den ganz Großen im Fußballgeschäft: Sie ist einmal Deutscher Meister geworden ­ das war 1959, also noch vor Einführung der Bundesliga ­, viermal DFB-Pokalsieger und einmal Uefa-Cup-Sieger. Ihre Helden heißen Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski und Fred Schaub, der 1980 im Europapokalfinale das entscheidende 1:0 gegen Borussia Mönchengladbach schoss. Lange her.

Von sich reden machte der Verein seitdem meist wegen verpasster Chancen und innerer Zerwürfnisse. Von Journalisten wird er deshalb gern hämisch "Zwietracht" genannt. Um das zu ändern, hat Jedlicki für die Pressearbeit den Fernsehmann Günter-Peter Ploog geholt, der jahrelang fürs ZDF gearbeitet hat. "Mein Ziel ist es, aus der Diva vom Main eine Lady zu machen", sagt Ploog, der sich jetzt Mediendirektor nennt.

Anfang Februar hatte Jedlicki die Chance, umzusetzen, was er unter professioneller Vereinsführung versteht. Da saß er morgens mit seinem Geschäftspartner Manfred Birkholz zusammen, und beim Kaffee kam den beiden die Idee mit Lothar Matthäus.

Der deutsche Rekordnationalspieler sollte dem ungeliebten Felix Magath als Trainer folgen. Magath war nicht nach dem Geschmack von Steven Jedlicki. Er trainiert meistens Abstiegskandidaten und steht in dem Ruf, seine Profis bis zum Kreislaufkollaps über den Sportplatz zu scheuchen. Magath sagt Weisheiten wie: "Wer besser sein will als andere, muss mehr tun." Mit Magath wird Schweiß und Fleiß assoziiert, Trainingsanzüge und Turnschuhe.

"Erfolge auf höchstem Niveau"

Matthäus hingegen ist in Jedlickis Wertewelt eine Marke ­ ein "Brand", wie sie jetzt in Frankfurt sagen. Hat mit Inter Mailand und Bayern München Trophäen gewonnen. War schon Weltmeister und hat in New York gelebt. "Erfolge auf höchstem Niveau", fand Jedlicki, als er glaubte, das sei ein Mann für seinen Club.

Also traf sich Jedlicki mit Matthäus in München, und anfangs sah es auch so aus, als hätte der frühere Weltfußballer Interesse an Eintracht Frankfurt. Obwohl er noch nie einen Verein trainiert hat und keine Lizenz, um selbiges zu tun.

"Ins Showgeschäft gehen"

Doch dann ging wieder alles schief. Irgendjemand, voller Freude über den Coup, posaunte die Neuigkeit aus. Prompt opponierten die Fans gegen die Verpflichtung von "Frankenbarbie". Im Internet verlangten entrüstete Hessen, Jedlicki möge "ins Showgeschäft gehen" und riefen dazu auf, dem Octagon-Mann die Mailbox "vollzubomben": Es seien "zu viele Deppen in der Vorstandsetage". Zum nächsten Heimspiel war das Waldstadion voll mit Anti-Matthäus-Transparenten.

Lothar Matthäus beriet sich derweil mit Freunden in München und sagte Jedlicki ab. Die sportliche Situation der Eintracht sei ihm zu brisant. Jedlicki war tief enttäuscht. Dennoch ist er der Überzeugung, mit seinem Konzept Eindruck gemacht zu haben: "Matthäus hat gefallen, wie professionell wir an die Dinge herangehen."

Eine Einschätzung, die Jedlicki nahezu exklusiv hat. Peter Fischer zum Beispiel fühlt sich übergangen. Der Inhaber einer großen Werbeagentur ist Präsident des Eintracht Frankfurt e. V., der mit 50,1 Prozent die Mehrheit an der Eintracht AG hält. Fischer hätte im Aufsichtsrat über die Matthäus-Verpflichtung mit abstimmen müssen. Doch Fischer hielt nichts von Matthäus als Trainer in Frankfurt, und das hatte er auch gesagt, was ihm große Sympathien bei den Anhängern eingebracht hat, aber zu Verstimmung bei den Octagon-Leuten führte.

Dabei hätte Fischer gern rechtzeitig gewarnt. Er hätte angemerkt, dass Matthäus als ehemaliger Bayern-Star am Main nicht besonders wohlwollend aufgenommen worden wäre und hartgesottene Fans ihm immer noch übel nehmen, dass er vor gut 20 Jahren Frankfurts damals 35-jähriges Idol Jürgen Grabowski in den frühzeitigen Ruhestand getreten hatte. Doch all das konnte er nicht sagen. Fischer erfuhr von den Matthäus-Ambitionen erst aus der Zeitung.

Viele Namen geistern durchs Rhein-Main-Gebiet

Durch die Medien hat Fischer auch erfahren, dass Troubleshooter Jedlicki eine fünfköpfige "Trainerfindungskommission", kurz TFK, gründete. Seitdem geistern viele Namen durchs Rhein-Main-Gebiet, darunter Bernd Schuster, Christoph Daum, Otto Rehhagel, Klaus Toppmöller und eben Hans-Peter Briegel. Alles Brands, doch keiner wollte sich den Krisenclub antun.

Das mag auch am lausigen Ruf liegen, den die Eintracht hier zu Lande besitzt. In einer Umfrage des Fachmagazins "Kicker" urteilten die Leser jüngst über das Image und die Management-Qualitäten der 18 Bundesligavereine ­ die Eintracht wurde jeweils letzter. Die Basis sieht das kaum anders. Irgendwann auf dem Weg zum Auswärtsspiel, in einem Sonderzug schon weit hinter Hanau, fasst der Eintracht-Fan-Club Maintal Mut zu klaren Positionen. "Jedlicki reißt hier die Macht an sich", schimpft einer: "Jedlicki hat kein Herz. Dem geht's nur um die Kohle." Die Treuesten der Treuen haben das Gefühl, von den neuen Herren in der Chefetage werde die Seele des Vereins verkauft.

"Die AG ist die Zukunft"

Auch der Präsident des Kernvereins weiß nicht so recht, was er von der neuen Zeit halten soll. "Die AG ist die Zukunft", sagt Peter Fischer etwas gequält, "wir sind Partner: Gewinne werden geteilt, wenn sie erwirtschaftet werden." Das gäbe dann eine "Win-win-Situation". Ach ja: "Die AG ist ein Start-up-Unternehmen. Octagon bringt Know-how ein."

Als Werbeprofi mit Beteiligungen im internationalen Filmgeschäft tut er sich nicht allzu schwer mit dem modischen Jargon, den die neue Zeit fordert. Aber eine Trainerfindungskommission hält er dann doch für Schabernack. "Dann brauchen wir demnächst eine Verteidiger-, eine Stürmer- und eine Managerfindungskommission", lästert er.

Das alte Clubheim rottet langsam dahin

Jetzt steht er am Riederwald, der alten Heimstätte der Eintracht. Das alte Clubheim rottet langsam dahin. Einen Großteil des Gebäudes hat die Behörde wegen Baufälligkeit gesperrt. Hinten kicken die Amateure des Vereins gegen Croatia Frankfurt. Sie stolpern über den hart gefrorenen Platz.

Ganz außen auf der alten Traverse steht Bernd Hölzenbein, der Weltmeister von 1974. Einst riefen sie "Deutschlands Stolz, der Grabi und der Holz": 420 Bundesligaspiele hat er für seine Eintracht gemacht und dabei 160 Tore geschossen. Später, als Vereinsfunktionär, baute er eine großartige Elf auf: mit Uwe Bein, Andreas Möller und Anthony Yeboah. "Fußball 2000" nannten sie das nicht nur in Frankfurt. Was hatten sie geschwärmt vom Fußball der Zukunft ­ und wurden doch nur Dritte.

Alles vergessen in dieser schnelllebigen Zeit. Vor knapp sechs Wochen verurteilte das Landgericht Frankfurt Bernd Hölzenbein zu einer Bewährungsstrafe. Er soll als Eintracht-Funktionär Steuern hinterzogen haben. Jetzt weiß er nicht, wie er 300.000 Mark Prozesskosten bezahlen soll. Persönlich bereichert hat sich Hölzenbein nicht. Er glaubte, seinem Verein zu helfen. Bernd Hölzenbein kommt von Eintracht Frankfurt nicht los. Mit einem Stöpsel im Ohr verfolgt er die Radio-Konferenzschaltung aus den Bundesligastadien und gibt Zwischenstände durch.

Plötzlich erspäht Präsident Fischer den einstigen Dribbler. "Wir machen ein Benefizspiel für dich", verkündet er und haut dem eher zierlich gewachsenen Flügelstürmer fröhlich auf die Schulter. "Der Steven Jedlicki hat sofort zugesagt." Hölzenbein ist das peinlich. Er will keine Almosen. Er braucht einen Job. Doch ausgerechnet den haben sie gerade nicht für den Vorbestraften ­ bei einem Wirtschaftsunternehmen, das jetzt wie ein Großkonzern geführt werden soll.

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