EM 2016: Das DFB-Team auf der Suche nach dem Selbstverständnis - DER SPIEGEL
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DFB-Team vor EM-Start Wir sind Weltmeister - und jetzt?

Am Abend startet Deutschland in die EM - als Weltmeister. Trotzdem ist die Stimmung gedämpft, zu glanzlos waren die Auftritte zuletzt. Und wie weit das Team eigentlich ist, scheint es selbst nicht zu wissen.
Joachim Löw (M.)
Joachim Löw (M.)

Joachim Löw (M.)

Foto: Arne Dedert/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie ein Weltmeister beim folgenden Turnier auftreten muss, das können die deutschen Nationalspieler noch nicht wissen. Eher selbstsicher oder lieber vorsichtig, um nicht nach außen hin hochmütig zu wirken? Vielleicht sogar demütig?

Die deutsche Mannschaft zeigt in diesen Tagen vor dem EM-Auftakt gegen die Ukraine in Lille (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, im TV in der ARD) alle drei Gesichter. Und demonstriert damit auch, dass man selbst nicht ganz sicher ist, wo diese Mannschaft vor dem ersten Turnierspiel eigentlich steht.

Lukas Podolski muss man so etwas nicht fragen. Wenn er über die Ziele dieses Teams bei der EM Auskunft geben soll, ist für ihn die Sache kurz und klar: "Wir wollen Europameister werden." Und damit das als Botschaft auch richtig ankommt, sagt er es nicht einmal, sondern gleich fünfmal in der Fragestunde vor der Presse.

Für Podolski ist es das siebte Turnier, er müsste ein gutes Gefühl haben für die Stimmung in der Mannschaft, dafür, was im Team in der Luft liegt. Dennoch ist er bisher der Einzige, der sich so deutlich aus der Deckung wagt. Toni Kroos zum Beispiel, ansonsten wirklich keiner, der unter mangelndem Selbstvertrauen leidet, sagte am Samstag den diplomatisch verhaltenen Satz: "Spielerisch gehören wir zu den Besten hier. Jetzt müssen wir auch auf demselben kämpferischen Niveau arbeiten."

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Der Bundestrainer hat in der Vorbereitung immer wieder das Wort "nachjustieren" gebraucht, wenn er über die Form seines Teams geredet hat. Es fehlt bei Joachim Löw noch die Sicherheit, die er in den Tagen der WM hatte, als er vor Spielen am Ende der Pressekonferenzen schlicht sagte: "Wir werden dieses Spiel auch gewinnen" - und damit recht behielt.

Seit Rio hat die Nationalmannschaft 19 Länderspiele absolviert. Aber wenn man ehrlich ist, waren gerade zwei davon überzeugend: der Heimsieg über Polen in der Qualifikation im Vorjahr und der Erfolg im Testspiel gegen Italien im März. Dazwischen viel Durchschnitt, sehr viel Graubrot, auch überraschend viele Niederlagen. Nie war Löws Bilanz zwischen zwei Turnieren so schlecht wie nach dem WM-Triumph.

Das muss alles nicht viel heißen, ein Leistungsabfall nach einem so großen Erfolg ist nachvollziehbar, in vielen Spielen ging es um wenig - dennoch haben diese zwei Jahre nicht dazu beigetragen, das Bild der Nationalmannschaft zu schärfen. Die Spieler wissen selbst nicht so genau, wo sie derzeit dran sind. Kroos sagt über den Beginn gegen die Ukraine: "Das Auftaktspiel ist immer schwierig einzuschätzen: Wie weit ist man selbst, den Gegner kennt man auch nicht hundertprozentig gut."

DFB-Team ist oft von Turnierbeginn an voll da

Die Gemengelage war schon oft ähnlich vor Turnieren, 2006 zitterte die Nation vorm Auftaktgegner Costa Rica, 2010 ging das Team mit dem Ausfall des Kapitäns Michael Ballack gegen Australien an den Start, 2014 wartete Cristiano Ronaldo als frischer Champions-League-Gewinner mit Portugal aufs deutsche Team. In allen drei Partien schoss die DFB-Elf vier Tore, war damit schnell im Turnier und hat sich davon tragen lassen. So gesehen war Deutschland zuletzt eben keine klassische Turniermannschaft, die sich erst im Lauf der Spiele findet, sondern von Beginn an voll da.

Dass Löw ein solches Ergebnis gegen die Ukrainer nicht erwartet, hat er schon durchblicken lassen. Die Vorrunde werde zum "Abnützungskampf", hat er bereits im Vorfeld ausgerufen. Bisher waren alle Spiele der EM eng, mit knappem Ausgang, auch die Favoriten Frankreich und England haben sich gegen kampfstarke osteuropäische Mannschaften schwer getan. Offenbar sieht der Bundestrainer auch auf die DFB-Mannschaft Ähnliches zukommen.

Ein Weltmeister, der zur Europameisterschaft fährt, kann nur das Ziel haben, den Titel zu holen. Alles andere wäre alberne Koketterie. Aber Löw tut gut daran, das nicht an jeder Ecke zu betonen. Überheblichkeit, das weiß der Bundestrainer, ist fehl am Platze. Dazu weiß er wahrscheinlich selbst nicht exakt genug, wie gut seine Mannschaft derzeit wirklich ist. Am Abend gibt es die erste Antwort.