EM-DVD: Vom Maler, der mauern ließ - DER SPIEGEL
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EM-DVD Vom Maler, der mauern ließ

Die Euro 2004 in Portugal war das Fußball-Ereignis des Jahres. Eine DVD zeigt noch einmal alle Highlights. Oder waren es eher Tiefpunkte? Kick-Ästheten jedenfalls gruselt es noch heute, wenn sie an die destruktive, aber überaus erfolgreiche Spielweise des griechischen Europameister-Teams zurückdenken.
Von Clemens Gerlach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Nur sieben Tore erzielte das Überraschungsteam aus Griechenland im Verlaufe der sechs Turnierpartien. Doch der Minimalisten-Fußball reichte, um sich den Titel zu holen. Wie effektiv die vom gelernten Weißbinder Otto Rehhagel eingestellte Elf zu Werke ging, verdeutlicht noch einmal die DVD "Euro 2004 - Die Highlights".

Ob Titelverteidiger Frankreich im Viertelfinale, die tschechische Auswahl als Halbfinalgegner oder Gastgeber Portugal im Endspiel - die Griechen igelten sich ein, ließen die Kontrahenten müde werden und schlugen dann genau einmal zu. Durchschnittlich 3,5 Mal pro Spiel - der niedrigste Wert aller 16 Teilnehmer - schossen sie aufs gegnerische Tor. Dass das Rehhagel-Team beinahe schon in der Vorrunde ausgeschieden wäre, ging in dem Trubel um den Sensationssieg fast unter.

Hätte Zisis Vryzas gegen Russland (1:2) im Gruppenspiel nicht den Anschlusstreffer gesetzt, für die Griechen wäre die EM bereits frühzeitig vorbei gewesen. So sorgten sie mit dafür, dass erstmals bei einer EM die Teams aus dem Eröffnungsspiel auch im Finale aufeinander trafen.

Die über drei Stunden lange und 15,99 Euro teure DVD (offiziell von der Uefa lizensiert) zeigt aber nicht nur den Triumph der hellenischen Maurermeister, sondern auch wirklich schönen Fußball. Zum Beispiel Zlatan Ibrahimovics artistischen Treffer mit der Fußaußenseite zum 1:1 im Vorrundenspiel der Schweden gegen Italien. Fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit hatte der Stürmer seinen großen Auftritt. Ibrahimovic beeindruckte anscheinend so sehr, dass die Azzurri ihn später in die Serie A holten. Inzwischen spielt der bald 23-Jährige für den italienischen Rekordmeister Juventus Turin. Rund 19 Millionen Euro kassierte Ajax Amsterdam für Ibrahimovic.

Wunderbar anzusehen auch die frechen Auftritte des Wayne Rooney. Der 18-Jährige sorgte durch seine vier Treffer mit dafür, dass die Engländer immerhin bis ins Viertelfinale vorstießen. Rooney nutzte die Endrunde auch zur Werbung in eigener Sache. Für 37 Millionen Euro wechselte der noch immer verletzte EM-Star mittlerweile vom FC Everton zu Manchester United.

Traumhaft ebenfalls die Darbietungen des Zinedine Zidane gegen England. Mit zwei Toren in der Nachspielzeit - einem Freistoß und einem Elfmeter - drehte der Franzose noch die Partie und bescherte seinem Team einen 2:1-Sieg. Es war die letzte Gala des 32-Jährigen in der Equipe Tricolore, Zidane wird nie mehr für sein Land spielen.

Ein Wiedersehen auf der DVD gibt es auch mit einem Mann, der in punkto deutsche Fußball-Nationalmannschaft schon ganz weit weg zu sein scheint - Rudi Völler. Obwohl der weißhaarige Teamchef an der Außenlinie steht und dirigiert, kann er nicht verhindern, dass Kahn und Co. aus dem Takt gerieten. Ohnehin sorgte die DFB-Auswahl in Portugal fast nur für Dissonanzen. Lediglich die Torschützen Torsten Frings und Michael Ballack brachten etwas Glanz. Kein Wunder also, dass den Deutschen auf dieser DVD nur wenig Platz eingeräumt wird und dafür deren Gruppengegner Tschechien strahlt.

Die beiden Spiele der Brückner-Elf gegen die Niederlande (3:2 nach 0:2-Rückstand) und Dänemark (3:0) waren wohl die besten Leistungen bei der Euro 2004. Am Ende reichte es für die spielstärkste Mannschaft dennoch nicht, die mit dem fünfmal erfolgreichen Milan Baros zudem den Torschützenkönig stellte.

Kurioses hat die DVD auch zu bieten, wenngleich es mehr amüsante Szenen bei der EM gegeben hat als die Rettungstat des Schweizers Jörg Stiel. Der schon aus seiner Gladbacher Zeit bekannte Pannenkeeper konnte nach einem weiteren Patzer den Ball gerade noch vor dem Überschreiten der Torlinie hindern - auf dem Boden liegend wehrte Stiel mit dem Kopf ab.

Weitere Beiträge dieser Art hätten der DVD, die in vier Sprachen (englisch, deutsch, portugiesisch und griechisch) erscheint, gut getan. Es ist schade, dass es als Extra nur die "Top Ten Moments" der EM gibt (etwa der fast schon arrogante Elfmeter-Lupfer des Portugiesen Helder Postiga im Viertelfinale gegen England), und Interviews oder Ausführliches zu den Fans fehlen. Der Fall des nachträglich wegen seiner Spuckattacke gesperrten Italieners Francesco Totti wird ebenfalls nicht erwähnt.

Die DVD beschränkt sich vielmehr darauf, sämtliche EM-Begegnungen in chronologischer Reihenfolge darzubieten (unvergesslich die Partien im in den Fels gehauenen Stadion von Braga). Die Vorrundengruppen werden brav abgearbeitet, die K.o.-Spiele routiniert zusammengefasst. Diese Herangehensweise garantiert einen guten Überblick, lässt die DVD aber zuweilen etwas leblos wirken. Also eher Nachschlagewerk als Rausch der bewegten Bilder.