EM im Fernsehen: Straßenköter und Windpocken - DER SPIEGEL
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EM im Fernsehen Straßenköter und Windpocken

Für die Fernsehleute ist die Euro 2004 eine tolle Sache. Portugal hat Spitzenstrände, an denen sich prima Einheimische befragen lassen. Auch die Hotels sind klasse, vom Wetter ganz zu schweigen. Super Stoff für Anekdötchen. Nur etwas stört die TV-Macher, sonst wäre die EM eine perfekte Folkloreveranstaltung - die Fußballspiele.
Von Katrin Weber-Klüver
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gefühlte 48 Stunden täglich kann man im Fernsehen erfahren, was in Portugal bei der EM so los ist. Alles, was man schon immer wissen wollte. Zum Beispiel: Wie Hotelsuiten aussehen, in denen sich englische Spieler mit ihrem schwedischen Trainer zu Geheimgesprächen getroffen haben. Oder wie ein ehemaliger Profispieler, der inzwischen davon lebt, dass er durch den Spruch "Was erlauben Strunz!" in die Geschichte einging und außerdem der Mann zur Frau ist, die als Frau Strunz bald Frau Effenberg wird, wie dieser Strunzerl also darlegt, Fußballer müssten so viel Geld verdienen, weil es echt hart ist, in der Öffentlichkeit zu stehen.

Auch toll zu erfahren, wie der Chefkoch der deutschen Mannschaft auf dem Markt einkauft und später in der Hotelküche das Stapeln der Fischfilets an Gemüsenetzen überwacht. Dazu als Zuckerl: Wie sich einer jener ungefähr hundert Ex-Nationalspieler, die inzwischen wegen überragenden Insiderwissens beim TV beschäftigt sind, erinnert, dass es für Fußballspieler oft zu essen gibt, was der Trainer selbst mag. Geheiminfo: Felix Magath steht auf Milchreis. Herzlichen Glückwunsch, Bastian Schweinsteiger und Co.

Schweinsteiger, apropos, mit seinem superhippen Straßenköterhaarschnitt, könnte - wenn's schon nichts wird mit allgemeiner Aufschwunghilfe durch Erfolge des deutschen Fußballs - zumindest das Friseurgewerbe in Fahrt bringen. Irgendein Chefbarbier hat herausgefunden, dass Fußballer heutzutage Rollenmodelle sind. Interessant, oder? Und wussten Sie, dass die dreijährige Tochter eines ehemaligen Auswahlkickers und jetzigen Medienarbeiters jüngst die Windpocken durchmachte? All diese Dinge erfährt man aus dem Fernsehen.

Manchmal stören Fußballspiele die tollen Gesprächsrunden auf einer Lissaboner Dachterrasse (reiches ZDF) oder in einem Kölner Studio (arme ARD). Über diese unflexibel zweimal 45 Minuten plus x dauernden Unterbrechungen helfen zum Glück super Kommentatoren hinweg. Besonders mit lauschigen Wohlfühlsentenzen, in denen ganz viel Verständnis für unsere deutsche Mannschaft aufgebracht und noch mehr Zusammengehörigkeitsgefühl gestiftet wird. Bewundernswerte Kärrnerarbeit.

Kicken mal nicht unsere Jungs, sondern eben andere, ist es zudem schön, nicht mit besserwisserischen Analysen von Spiel und Spielern zugetextet zu werden. Ist der Ball im Aus, sagt der kluge Kommentator, dass er im Aus ist. Vergibt ein Spieler, den man eh nicht kennt, eine große Chance, sagt der Kommentator auch bei der vierten Zeitlupe, dass - ooooweeeeeh! - eine große Chance vergeben wurde. Sehr hilfreich. Und als emotionale Zugabe turnt ein ehemaliger Eiskunstläufer auf den Straßen von Lissabon zwischen englischen Fans herum und betreibt Gemütsforschung: "Did you suffer?"

Gute Frage. Nur der falsche Ansprechpartner. Denn nichts ist so geeignet, Fernsehsüchtige zu heilen, wie das Begleitprogramm dieser EM. Nun zur guten Nachricht: Es gibt eine Lösung. Man schalte stets zum Spiel ein und direkt danach wieder aus! Man verpasst - nichts. Man vermisst - auch nichts. Die derart pur gesehenen Spiele - durch Konzentration kann man auch den Kommentator aus dem Gehör ausblenden - bleiben einem als echtes Ereignis haften, ohne dass NetzerDellingBeckenbauerPoschmann es zerreden. Ohne dass LierhausMatthäusBode es zerlächeln.

Fußball ist toll. Übrigens heute toller als vor 20 Jahren. Aber Fernsehfußballberichterstattung war damals entschieden toller. Und zwar dank maximaler Reduzierung. Wer sich mit dem Selbstversuch Fernsehabstinenz jenseits der Spielübertragungen überfordert fühlt, kann sich das in den steten Wiederholungen alter "Tagesschau"-Ausgaben auf einem der Dritten ansehen: Am 15. Juni 1984 etwa teilte Dagmar Berghoff am Ende der Sendung mit, Bundestrainer Jupp Derwall erläutere nach dem 0:0 beim EM-Auftaktspiel der Deutschen gegen Portugal seinen Spielern Taktik nun mit Pappkameraden.

Im Bildhintergrund oben links war ein Foto mit Derwall, Karlheinz Förster und den Pappkameraden zu sehen. Anschließend vermeldete Berghoff noch, Hans-Peter Briegel werde von Kaiserlautern nach Verona wechseln. Oben links im Bild: ein Foto von Briegel. Dann kam die Wettervorhersage. Der Rest war reine Phantasie. Es war keine Welt voll brachialbanaler Enthüllungen, es war eine Welt voll schöner Geheimnisse.