EM in Frankreich: Die Chaos-Arena von Nizza - DER SPIEGEL
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EM-Spielstätte Nizza: Prestigeobjekt an der Côte-d'Azur

Foto: VALERY HACHE/ AFP

EM-Spielstätte Die Chaos-Arena von Nizza

Mit einem Fußballstadion wollte sich der Bürgermeister von Nizza ein Denkmal setzen. Die Arena ist jedoch zu klein, zu teuer und schlecht erreichbar - und der Bau erfolgte unter umstrittenen Bedingungen.
Von Annika Joeres
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer am Sonntag um 18 Uhr das EM-Spiel zwischen Polen und Nordirland im Stadion sehen will, der muss nach dem Frühstückscroissant aufbrechen.

Die Spielstätte in Nizza liegt in einer Industriezone. Bei ihrem Bau vor wenigen Jahren hat die Stadt am Mittelmeer weder an Parkplätze noch an eine Zug- oder Straßenbahnanbindung gedacht. Deshalb rät sie den etwa 36.000 Fans mit einem Ticket nun, sich möglichst schon "morgens auf den Weg zu machen". Denn die Pendelbusse werden mit Fan-Autos im Stau stehen, aufgeheizt von der südfranzösischen Sonne.

Immerhin ist es im Stadion schattig: Über die Ränge wölbt sich eine Überdachung mit Solarpaneelen. Aber das Ökodach ist inzwischen fast das Einzige, was an der Arena noch sinnvoll erscheint. Es war wohl der chaotischste Stadionbau Frankreichs: zu groß für die Stadt, zu klein für die EM, zu teuer - und eben schlecht angebunden.

Der nationale französische Rechnungshof hat der Arena vor wenigen Monaten ein desaströses Zeugnis ausgestellt: Der Bau mit privaten und öffentlichen Geldern sei ein miserabler Deal für die Stadt gewesen. Mit hohen Mieten über 30 Jahre und den Kosten für die Infrastruktur müsse sie bis zu 372 Millionen Euro beisteuern, heißt es in dem Bericht. Ursprünglich waren einmal 50 Millionen angesetzt.

"Südfrankreich ist traditionell besonders korrupt"

Außerdem gibt es einige verdächtige Manöver rund um den Bau. Der französische Baukonzern Vinci  , dem auch die benachbarte Autobahn gehört, sei mit allerlei unerklärlichen Vorteilen bedacht worden: So strich die Stadt die Strafzahlung von mehr als drei Millionen Euro für die verspätete Fertigstellung. Zudem erhöhte der Mitstreiter Bouygues auf den letzten Metern sein Angebot grundlos um viele Millionen - der Rechnungshof vermutet Absprachen unter den Anbietern. Die Stadt verteidigte sich mit dem Argument, Bouygues habe sich "im Preis geirrt".

"Südfrankreich ist traditionell besonders korrupt", sagt der Präsident der französischen nichtstaatlichen Organisation Anticor, Jean-Christophe Picard, SPIEGEL ONLINE. "Hier fließt besonders viel Geld, denn hier machen besonders viele Reiche Urlaub." Und wo viel Geld im Spiel sei, werde auch viel bestochen. Wer von dem unsauberen Stadion-Deal profitiert, ist unklar - das werden die Pariser Ermittlungen wohl erst in einigen Monaten zeigen. Klar sei aber: "Jemand könnte hier geschmiert worden sein."

Gemessen an seinen vergleichsweise wenigen Plätzen hat Nizza das teuerste Stadion Frankreichs gebaut. 372 Millionen Euro sind sehr viel Geld für eine Stadt, die mit knapp 400.000 Einwohnern gerade mal so groß wie Bochum ist. Bürgermeister Christian Estrosi hat es aber geschafft, die inzwischen von den Prüfern als falsch benannte Summe von 240 Millionen Euro in Umlauf zu halten.

Die Tribünen bleiben in Frankreich häufig leer

An der Côte d'Azur wird gerne geklotzt, und auch Estrosi lässt sich die Türen seiner Limousine manchmal von einem Chauffeur mit weißen Handschuhen aufhalten. Früher haben die Niçoiser den Bürgermeistern sogar ihre Babys entgegen gehalten, damit sie sie berühren. So weit geht die Verehrung heute nicht mehr, aber als Ex-Motorrad-Rennfahrer und strammer Nationalist hat Estrosi seine Fans. Während der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien verbot er "ausländische Fahnen" in der Innenstadt - bis das Verwaltungsgericht den Erlass schließlich als "nicht verfassungskonform" kassierte.

Mit dem Stadion wollte sich der Konservative ein Denkmal setzen, aber in Frankreich bleiben die großen Tribünen häufig leer. Dabei sind die Spiele im Nizza-Klub schon für 10 Euro zu besuchen. "Deutsche gehen auch aus Tradition oder Nostalgie ins Stadion - Franzosen nur, wenn ihr Klub erfolgreich ist", sagt der französische Sportsoziologe Ludovic Lestrelin.

Nun hat der Niçoiser Klub OGC Nice in dieser Saison immerhin den vierten Platz in der französischen Liga belegt. Voll war das Stadion deswegen nicht. Nach einer Niederlage war sogar häufig nur jeder dritte Platz besetzt. Die kommenden EM-Spiele zwischen Spanien und der Türkei, Schweden und Belgien sind natürlich ausverkauft. An der Unerreichbarkeit des Stadions wird sich aber erst einmal nichts ändern: Die Straßenbahn, die eigentlich zur Einweihung 2013 fahren sollte, wird voraussichtlich frühestens 2025 fahren. Rund zehn Jahre zu spät für die ausländischen Fans.