EM-Kolumne Das Ende deutscher Omnipotenz
Die Fußballnationalmannschaft ist der Bereich, in dem man als Bürger endlich mal alles über Deutschland weiß, was es zu wissen gibt. Über den Torhüter: war schon mal besser. Die Außenverteidigung: Lahm. Die Innenverteidigung: Um (leicht abgewandelt) mit dem neuen Bundespräsidenten zu sprechen - Gott schütze unser Land. Das Mittelfeld: stärkster Mannschaftsteil, sind ja auch die meisten. Die, Entschuldigung, der Stürmer: hm.
Wenn man das mit anderen vergleicht, wundert es, wie ein kritischer Verbraucher glauben kann, man könnte damit bei dieser EM etwas reißen. Okay, das Schönste am Fußball ist die Zeit vor dem Holland-Spiel. Da steht es 0:0 und alles scheint möglich. Eigentlich. Ein neues Spiel, ein neues Leben, alles kann doch noch gut werden.
Vorsicht bei dem Gerede von früher
Jedenfalls war das früher so. Heute kann in Deutschland nicht mehr geträumt werden. Das gilt nicht nur für den Fußball, aber besonders für ihn. Beteiligte und Experten sagen: "WENN wir die Vorrunde überstehen, ist alles möglich." Das ist in etwa so, als sagte der Arzt: Wenn der Patient nicht stirbt, ist die Krankheit nicht tödlich. Oder der Politiker: Wenn die Arbeitslosigkeit geringer wird, werden mehr Menschen Arbeit haben. Aber er hat keine Ahnung, was er dazu beitragen könnte.
Man sollte vorsichtig sein mit dem Gerede von früher. Trotzdem: Früher hatte man vor Turnieren ziemlich klare und scharfe Bilder im Kopf. Siebziger: Man träumte von Beckenbauer und Gerd Müller. Der eine würde den anderen anweisen, die Dinger rein zu machen. (Und wie er sie rein machte.) Achtziger: ein Alptraum mit dem Trainer Franz Beckenbauer. Er würde so viele Vorstopper aufstellen, dass der Gegner das Tor nicht mehr sah. (Aber so kam es.) Neunziger: In einem Traumfragment blitzte unser Kapitän Jürgen Klinsmann durchs Bild. Das war der, wo sich den Arsch auf- und die anderen Weltklassespieler mitreißen würde (er tat es so überzeugend, dass man 1996 trotz eines exorbitanten Trainerproblems Europameister wurde). Es waren Träume, aber sie benannten doch präzise den Weg zum Erfolg, denn enthalten war jenes herausragende Moment, das die Deutschen jeweils vom Rest abhob.
Bodenloser Führungsanspruch
Der letzte Traum des deutschen Fußballs war der Torhüter Oliver Kahn. Anfang dieses Jahrhunderts. Da lag der deutsche Fußballfreund in schlafloser Nacht und grübelte, wie es doch noch klappen könnte - und am Ende fiel ihm nichts ein, außer dass Kahn keinen reinlassen könnte.
Obwohl oder vielleicht weil der Fußball auf dem Rasen längst anders rollte, mit flachen Hierarchien und Kollektivismus als entscheidenden Faktoren, war diese letzte Personalisierung des deutschen Fußballs auf eine Führungs- und Erlösungsfigur eine besonders intensive. Volk, Medien und Führungsspieler jazzten sich mangels Alternativen damit ein paar Jahre so hoch, dass der Torhüter darüber völlig überschnappte und aus seinem Tor-Bunker heraus Siegfantasien herausbrüllte: Eines Tages glaubte er wirklich, er werde Spiele wie jenes der Bayern bei Real Madrid "alleine gewinnen". Tore schießen inklusive, also. Dabei kann er kaum einen Abschlag an den Mitspieler spielen. Jedenfalls war es gesamtgesellschaftlich gesehen ein typisches Beispiel für etwas, was der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit den "total bodenlosen Führungsanspruch" eines deutschen Entscheiders nennt. Bezogen auf den Fußball war die Kahn-Saison de facto das Ende des letzten deutschen omnipotenten Fußball-Helden.
Abschied von den deutschen Tugenden
Das gibt den Blick frei auf das, was ist: Realität. Moderner und hierarchieflacher Kurzpass-Fußball, der zwischen gleichberechtigten Partnern verhandelt wird. Letztlich agiert Dietmar Hamann schon auf einer leicht herausgehobenen Position und entscheidet mehr als andere, wie wann was gespielt wird. Letztlich muss Michael Ballack die große Entscheidung treffen beziehungsweise ins Tor.
Hamann und Ballack sind internationale Spitzenfußballer im Zeitalter nach dem "Führungsspieler", wie auch Zidane, Vieira, Henry, Beckham , Owen, van Nistelrooy, Makaay. Die beiden Deutschen sind aber nicht (und Kahn ist nicht mehr) so außergewöhnlich gut, als dass man damit eine singuläre Qualität hätte, die sonst keiner hat. Und taktisch kann man - anders als 2000 - mithalten, einen Vorteil hat man aber nicht.
Und die Tugenden, der Charakter? Die Tradition der Turniermannschaft? Ach, Gott. Nein, die einzigartigen "deutschen" Tugenden zeichnen inzwischen die Franzosen aus, wie man gestern sehen konnte. Diese Tugenden funktionieren übrigens nicht einfach so, sondern nur auf der Grundlage der Klasse eines Teams. Niemals aufgeben ist das eine, ein Spiel wirklich herumreißen zu können, etwas anderes. Nach seinen beiden Toren gegen England sieht es vordergründig so aus, als sei Zinedine Zidane doch der omnipotente Fußballer, der alles allein möglich machen kann. Kann er nicht. Aber er hat in ein starkes Team noch etwas Zusätzliches einzubringen (wie eigentlich auch David Beckham). Wenn die Franzosen das Bild für ihren EM-Traum noch nicht gehabt haben sollten: Nach der Nacht von Lissabon haben sie es.
Dingsbumms kommt nach der Halbzeit rein
Deutschland? Es kann sein, dass unser Ballack auch mal ein Tor macht. Es kann gut sein, dass die intrigenfreie Atmosphäre hilfreich ist. Aber wer kann sich Folgendes vorstellen? Dingsbums kommt nach der Halbzeit rein und erweist sich als Weltklasse-Rakete, die eine Kiste nach der anderen im Tor der Niederländer versenkt (Wie Dieter Müller 1976 im EM-Halbfinale). Oder wer träumt davon? Christian Wörns und Jens Nowotny stellen sich plötzlich als Weltklasse-Innenverteidiger heraus, wenn es darauf ankommt.
Jeder weiß, auch das wird nicht passieren. Es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren. Man kann ja damit leben. Man sollte sich nur darauf einstellen.