EM-Kolumne Der Euro-Soap verfallen
Und? Sind Sie begeistert vom Spiel der Dänen, so ohne Tamtam und mit Sinn fürs Einfache? Oder eher pikiert über das schwerblütige Herumgestochere der Italiener, Niederländer und überhaupt aller angeblichen Favoriten? Bangen Sie um Portugal? Oder sind Sie schon Mentalgrieche und haben das auch im seit 15 Jahren übersehenen Restaurant an der Ecke schon ouzomäßig ausgelebt? Hoffen Sie, der russische Torwart Ovchinnikov möge neben seinem schlammfarbenen Etwas doch bitte, bitte noch ein richtiges Trikot dabei haben (und eine Haarschneidemaschine)?
Wissen Sie jetzt, worauf Sie vor Turnierbeginn todsicher höhere Summen hätten setzen sollen? Streiten Sie sich seit Tagen mit nichtsnutzigen Frankreich-Anhängern über die Ungerechtigkeit des Spiels in der Nachspielzeit oder umgekehrt mit ebenso nichtsnutzigen England-Sympathisanten über die individuelle Extraklasse englischer Nationalspieler als beste Nervenbündel der Welt?
Realer Input im fußballsüchtigen Kopf
Wenn so viele große Fragen in Ihnen wüten, dann ist alles gut. Denn dann rattert es seit dem 12. Juni, 18 Uhr, seit es einen ganz realen Input an ganz realen Spielen gibt, in ihrem fußballsüchtigen Kopf. Dann sind auch Sie der 31-teiligen Soap "Euro 2004" verfallen. Und wo nun alle 16 Teilnehmer unserer kleinen Fußballunterhaltungssendung eingeführt sind, betrachten wir einmal ihre Rollen:
Bulgarien: weder Star- noch Exotenappeal, zudem zwar unverdient, aber irreparabel gedemütigt, bereitet sich bereits auf den Serienausstieg vor.
Dänemark: Sich zu etablieren, indem man bei Turnieren immer wieder überraschend gut ist, ist wirklich keine schlechte Strategie. Aktuelles Hauptaccessoire: ein Torwart mit Reflexen.
Deutschland: Wenn alle deutschen Funktionäre, Spieler und Kommentatoren weiter so tun, als wäre Deutschland eine Art Lettland und jedes Remis gegen die Niederlande, die selbst so tun, als seien sie nicht mehr als Österreich, zu einer, wie es einst Bruno Labbadia beschrieb, Sensation hochsterilisieren, dann kommt dieser klitzekleine Newcomer Deutschland bei diesem Turnier wirklich noch ganz groß raus.
England: Großes Melo-Kino rund um David Beckham, ein bisschen zu vorhersehbar in den Momenten des Scheiterns (Spiel entscheidenden Elfmeter verschießen, wie originell!), aber sei's drum, da dürfte noch einiges draus werden.
Frankreich: Ist der Superstar unter den Stars erst einmal ausgemacht, kann er machen, was er will. Ist dann immer gut, Pardon göttlich. Auch wenn bekanntlich schon vor Zidane Menschen Freistöße und - außer Beckham - auch Elfmeter verwandelt haben. Was wäre aus dieser Grand-Bleu-Veranstaltung geworden, wenn ein Spiel 90 Minuten dauern würde?
Griechenland: ist zwar ein Aufsteiger, aber nicht Kaiserslautern; außerdem sind wir nicht in der Bundesliga, da hilft auch kein in Glückszuckungen die Hände zum Volk ausstreckender Rehhagel. Spätestens im Viertelfinale sollte Schluss mit lustig sein.
Italien: Beim Turnier vor vier Jahren hat notorische Spielverweigerung gereicht, um bis ins Rotterdamer Finale zu gelangen, aber wenigstens trugen damals attraktive Jungs eng anliegende Azzurro-Hemdchen.
Kroatien: Da hätte man auch gleich Hertha BSC Berlin mitspielen lassen können.
Lettland: süß, wirklich süß und auch so tapfer, der perfekte Außenseiter zum Liebhaben. In einer Woche, wenn's richtig ernst wird in unserer kleinen Show, aber schon wieder von allen vergessen.
Portugal: Spielverderber.
Russland: alles ziemlich freudlos, nicht nur wegen Ovchinnikov.
Schweden: alles ziemlich unterhaltend, besonders dank der in jeder Hinsicht attraktiven LIL-Verbindung Ljungberg-Ibrahimovic-Larsson.
Schweiz: Hopp Schwiiz, hopp und ab nach Hause im Galopp.
Spanien: Unter den südeuropäischen Titelanwärtern das Team, das wenigstens zeitweise am meisten Talent und Witz aufblitzen ließ. Bekanntlich aber ist es mit Spanien vorbei, sobald es nicht mehr nur geheim, sondern öffentlich zum Favoriten wird. Das ist Portugals größte Chance.
Tschechien: Sieht nach überstürztem Imagewechsel aus, wenn eine so begabte Mannschaft versucht, als Deutschlandimitator schlecht zu spielen, um dann gegen süße, tapfere Außenseiter im Schlussspurt zu gewinnen.
Wer von diesen Banausen Europameister wird? England natürlich. Das ist doch klar zu erkennen. Der Start zum Heulen war doch nur ein Trick. Oder etwa nicht?
Wir bleiben besser am Ball.