EM: Spanien vor dem Halbfinale gegen Portugal - DER SPIEGEL
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Spanien vor Halbfinale: Dominant und effizient

Foto: Robert Ghement/ dpa

Titelverteidiger Spanien Meister der Langeweile

Vom Edel-Fußball des Welt- und Europameisters war bislang wenig zu sehen, trotzdem ist Spanien Favorit auf den EM-Titel. Das Team von Trainer Vicente del Bosque hat seinen Stil auf perfide Art perfektioniert. Im Halbfinale droht mal wieder Langeweile - und Portugal die Pleite.
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Das zweite Tor war reine Zugabe. 62 Minuten lang hatte es im Viertelfinale zwischen Spanien und Frankreich 1:0 gestanden. Und bis zum Elfmeter von Doppeltorschütze Xabi Alonso in der 91. Minute schien es, als bliebe es dabei. Über weite Strecken schob sich das Team von Trainer Vicente del Bosque den Ball zu, ohne Frankreich in dessen Reichweite kommen zu lassen - aber auch ohne weitere Chancen zu erzwingen.

Typisch Spanien: Mit minimalem Aufwand wird möglichst große Wirkung erzielt. So hatte die Mannschaft ihren letzten großen Titel geholt; mit vier 1:0-Siegen in der K.o.-Runde wurde sie Weltmeister. Und das Maß aller Dinge. Das taktisches Spiel der Spanier, das den Gegner zermürbende Tiki-taka mit der 4-2-3-1-Aufstellung galt - und gilt - als die modernste und überlegenste Fußballstrategie.

Nicht umsonst steht Spanien im Halbfinale der Europameisterschaft. Mit einem Sieg über Portugal (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte die Elf von Trainer Vincente del Bosque zum dritten Mal hintereinander in ein WM- oder EM-Finale einziehen - und zum dritten Mal hintereinander den Titel holen. Spanien könnte so Fußballgeschichte schreiben.

Doch zielführend ist nicht gleich schön. Spanien hat sein Tiki-taka-Spiel, diese scheinbar endlose Kette präziser Kurz- und Langpässe, seit seinem ersten EM-Triumph 2008 derart perfektioniert, dass es an Besessenheit grenzt. Aus der spanischen Leichtigkeit, dieser spielerischen Überlegenheit, ist gnadenlose Dominanz geworden.

Spanisches Spiel ermüdet Gegner und Zuschauer

Das vermeintlich vollkommene Spiel hat nur noch wenig vom berauschenden Element seines Erfinders, FC Barcelona. Stattdessen langweilt es Gegner und Zuschauer. Mehr noch: Es macht müde. Entsprechend groß war die Begeisterung nach dem furiosen Viertelfinale zwischen England und Italien (2:4 n. E.). Doch große Turniere haben immer wieder gezeigt: Attraktiv ist gut, erfolgreich ist besser, Effizienz gewinnt Titel

Und genau darin sehen die Spanier ihre neue Stärke. Sachlich und abgeklärt haben sie sich bis ins EM-Halbfinale vorgearbeitet, an ihrem Weiterkommen bestand nie ein Zweifel - aller Kritik zum Trotz. Trainer del Bosque musste sich viele Vorwürfe gefallen lassen wegen seiner ständigen Rochaden im Angriffszentrum und seines Verzichts auf einen klassischen Mittelstürmer.

Villa, Torschützenkönig der EM 2008, fiel verletzt aus - doch statt ihn zu ersetzen, ließ der Coach lieber ohne Stürmer spielen, stellte Mittelfeldspieler Cesc Fàbregas als "falschen Neuner" in die Spitze. Nur selten endeten die spanischen Passketten deshalb im gegnerischen Strafraum, das Spiel der Spanier konzentrierte sich mehr aufs Zentrum. "Tiki-taka" am Mittelkreis.

Anstelle des Angriffs setzt del Bosque vermehrt auf Verteidigung: "Sie haben eine der besten Defensiven überhaupt und lassen wahnsinnig wenige Chancen zu", sagt Deutschlands Coach Joachim Löw. Seit der 1:3-Achtelfinalniederlage gegen Frankreich bei der WM 2006 hat Spanien in K.o.-Spielen kein einziges Gegentor mehr kassiert.

Der bisherige EM-Weg gibt der nüchternen, durch Ausfälle erzwungenen Strategie del Bosques Recht, und auch seine Schlüsselspieler vertrauen darauf: "Wir werden unter keinen Umständen unsere Philosophie verändern", sagte Spaniens Regisseur Xavi. Warum auch? Die Mannschaft hat während dieses Turniers gleichbleibend hohes Niveau gezeigt, es waren kaum Ausreißer dabei - weder nach unten noch nach oben. Halbfinalgegner Portugal hingegen startete mit einer Niederlage gegen Deutschland in die Gruppenphase. Das Team um Superstar Cristiano Ronaldo fand erst nach und nach zu sich und seiner Stärke.

Das letzte Duell gewann Spanien

Können sich die Portugiesen weiter steigern, genau so wie sich Ronaldo von Spiel zu Spiel steigerte? Und können sie die Spanier mit deren soliden, aber wenig glühenden Leistung schlagen? Fünfmal haben die Teams in der Vergangenheit gegeneinander gespielt; beide gewannen je zwei Partien, ein Duell endete unentschieden. Im letzten Pflichtspiel trafen die Nachbarländer im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2010 im Achtelfinale aufeinander, Spanien siegte dank eines Tores von Villa 1:0.

"Wir kennen die Portugiesen genau, und sie uns auch", sagt Spaniens Trainer del Bosque. Sein Torwart Iker Casillas, die Abwehrspieler Sergio Ramos und Álvaro Arbeloa sowie Mittelfeldstar Xabi Alonso spielen mit den Portugiesen Ronaldo, Pepe und Fábio Coentrão gemeinsam beim spanischen Meister Real Madrid. Del Bosque erwartet deshalb eine "interessante Partie". Wünschenswert wäre das - denn nicht nur Portugals Nationalmannschaft kennt die Spanier mittlerweile. Auch die Zuschauer im Stadion und vor den Fernsehern wissen, was sie erwartet. Sie wollen endlich wieder Feuer sehen.

Portugal - Spanien 20.45 Uhr (in Donezk)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Portugal: Patrício - Pereira, Pepe, Alves, Coentrão - Meireles, Veloso, Moutinho - Nani, Almeida, Ronaldo
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Ramos, Alba - Busquets, Xabi Alonso - Silva, Xavi, Iniesta - Negredo
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)