EM-Statistiken: Das Finale der Torhungrigen - DER SPIEGEL
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EM-Statistiken Das Finale der Torhungrigen

Passen, Laufen, Schießen: Sensoren erfassen alle Bewegungen auf dem Spielfeld und liefern jede Menge Daten. Deren Interpretation ist nicht immer überzeugend. Doch irgendwo in diesen Statistiken steckt die Antwort auf die Frage, wie Deutschland gegen Spanien gewinnen kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im siegreichen Halbfinale gegen die Türkei passten sich die deutschen Spieler den Ball 447-mal zu. Bei der schlimmen 1:2-Niederlage gegen Kroatien hingegen spielten sie sich 577-mal den Ball zu. Ist es also besser, weniger als mehr zu passen? Und ist es gar besser, wenn nicht zu viele Bälle beim Mitspieler ankommen? Schließlich waren gegen Kroatien 80 Prozent der Pässe erfolgreich, gegen die Türkei kamen nur 72 Prozent an.

Amerikanische Sportfans sind schon lange daran gewöhnt, in ihren Zeitungen mehr als nur die reinen Spielergebnisse zu finden. Besonders Baseball ist seit jeher in eine Fülle von individuellen Statistiken einzelner Spieler und Mannschaftsstatistiken aufgeschlüsselt. Das liegt vor allem daran, dass Baseball aus vielen Einzelsituationen besteht, die statistisch gut erfassbar sind. Doch spätestens seit dieser Europameisterschaft erleben wir ein ähnliches Phänomen auch beim Fußball.

Zur Baseballisierung des Fußballs trägt einer der Sponsoren des Turniers bei. Castrol stellt den Medien und damit auch der Öffentlichkeit umfangreiche Daten zur Verfügung, für die Clubs während einer Saison sonst viel Geld ausgeben. Alle Bewegungen auf dem Platz werden von Sensoren erfasst. So wissen wir, dass die deutsche Mannschaft im Schnitt des Turniers pro Spielminute 1199 Meter unterwegs war und in diesem Wert nur von Russland mit 1224 Metern übertroffen wurde. Außerdem ist Michael Ballack der Langstreckenläufer der EURO: In den bisherigen fünf Spielen lief er insgesamt 57,52 Kilometer.

Doch was sagen die Zahlen wirklich? Die Portugiesen spulten zum Turnierauftakt gegen die Türkei insgesamt nur 98 Kilometer ab, gegen Deutschland waren es 110, trotzdem schieden sie im Viertelfinale aus. Der Blick in die Statistik beweist, dass der Eindruck nicht täuschte, dass die Geschehnisse im deutschen Halbfinalspiel gegen die Türkei komplett an "Capitano" Ballack vorbeiliefen. 26 Pässe spielte er, auf geringere Werte kamen nur der ausgewechselte Simon Rolfes und Miroslav Klose, der zwölf Pässe spielte. Man könnte aber auch fragen, ob Ballack am besten wohl dosiert an den Ball kommt. Denn gegen Kroatien versuchte er 88 Pässe zu spielen und wirkte doch hilflos.

Die Kunden der Düsseldorfer Spielanalysten Mastercoach bekommen nach jedem Heimspiel ihrer Mannschaft eine 90-seitige Auswertung, und wir beginnen langsam zu ahnen, was das bedeutet. Denn diese Zahlen müssen erst einmal interpretiert werden. Was sagt es wirklich, dass Arne Friedrich dem vor ihm positionierten Bastian Schweinsteiger den Ball gegen die Türken 14-mal zuspielte, Lukas Podolski auf der anderen Seite von Philipp Lahm aber nur neunmal eingesetzt wurde. Hatte das mit Lahm zu tun, mit Podolski, mit einem starken Gegenspieler oder mit schwachen Nebenleuten im Mittelfeld, denen die beiden häufig helfen mussten?

Der Sponsor, der die Daten zusammengestellt hat, traut sich diese Bewertung zu. Er liefert einen sogenannten Performance Index, der sich aus den gesammelten Daten der Spiele ableitet. Dazu wurde vorher festgelegt, welche Aktion auf dem Platz in welchem Maße als positiv oder negativ zu bewerten ist. Es ist natürlich eine Interpretationsfrage, ob und wann ein langer Pass nach vorne gut ist oder nicht. Was ist eine gute Torwartparade und wie bewertet man einen Torschuss?

Nicht in jedem Fall waren die Ergebnisse überzeugend. Im Moment wird Philipp Lahm in der Top 11 des Turniers geführt, aber als Innenverteidiger. Und Petr Cech etwa war bis zu dem Moment bester Torwart des Turniers, als ihm gegen Tschechien eine Flanke durch die Hände rutschte und er das Ausscheiden seines Teams einleitete. Allerdings hatten die Computer vor Beginn des Turniers Spanien und Deutschland als Favoriten für das Erreichen des Finales berechnet, was keine absehbare Voraussage war.

In diesem Endspiel treffen die beiden Teams aufeinander, die bislang am häufigsten getroffen haben. Spanien kommt auf elf, Deutschland auf zehn Tore. Dazu gibt es den Mut machenden Hinweis, dass Spanien zwar 83 Mal auf oder neben das gegnerische Tor schoss und damit 29 Mal öfter als die Deutschen. Die waren allerdings deutlich effizienter: Mit einer Chancenverwertung von 18,52 Prozent nutzte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ihre Möglichkeiten bei diesem Turnier am besten.

Und letztlich entscheidet nur ein Datensatz: der von Toren zu Gegentoren.

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