EM-Titelverteidiger Der Ottomotor stottert noch
Zifis Koukoulakis ist erst 14 Jahre alt. Von Griechenlands Nationaltrainer hat sich der junge Kreter jedoch schon eine feste Meinung gebildet. "Was ich von Otto Rehhagel halte? Ein guter Trainer. Aber er ist fast 70", sagt er lapidar. An den triumphalen EM-Titelgewinn 2004 von Rehhagel und Co. kann er sich gut erinnern. Wenn Zifis 16 ist, wird der Griechen-Coach wahrscheinlich immer noch Otto Rehhagel heißen.
Der 69-Jährige hat erst kürzlich seinen Kontrakt mit dem Griechischen Fußballbund (Epo) bis 2010 verlängert dann will er mit seinen Schützlingen bei der WM in Südafrika dabei sein. Doch jetzt zählt für ihn nur das Projekt Titelverteidigung bei der EM-Endrunde 2008. Wer glaubt, Rehhagel würde die unter anderem von den landesweit 16 Sporttageszeitungen geschürten Erwartungen dämpfen, der irrt gewaltig.
"Unser erstes Ziel ist das Erreichen des Viertelfinales. Dann werden wir sehen. Ich persönlich sehe nicht, warum der Blitz nicht ein zweites Mal einschlagen soll. Es gibt kein Gesetz, wonach der Titelverteidiger nicht ein zweites Mal die Trophäe holen kann", so Rehhagel in der Zeitschrift "World of Soccer".
Fans glauben an zweite EM-Sensation
"Die Leute werden die Euro 2008 bewusster erleben als vor vier Jahren. Man ist auf ein frühzeitiges Ausscheiden gefasst. Es gibt aber nicht wenige Griechen, die eine Wiederholung des Triumphs für durchaus möglich halten", konstatiert der renommierte Nationalmannschaftsreporter Thanos Blunas vom staatlichen Sportradiosender "ERA Sport". Laut Blunas sei das Team spielerisch stärker und taktisch variabler als 2004. Zur Erinnerung: Damals brachte der krasse Außenseiter die Gegner mit einer Beton-Abwehr und präzisen Kontern zur Verzweiflung.
Gleichwohl machte sich im Vorfeld der EM Ernüchterung breit. Nach der 2:3-Pleite im Freundschaftskick gegen Ungarn überzog die Athener Sporttageszeitung "Fos" die Rehhagel-Mannschaft angesichts des lustlosen Auftritts und eklatanter Abwehrfehler mit Häme und Spott. Die Konsequenz des Trainers: Ab sofort trainieren die Griechen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie das staatliche griechische Fernsehen berichtet.
Der Euro-Kader steht unterdessen fest. Von einer Erneuerung im Vergleich zur EM 2004 kann nur bedingt gesprochen werden. Die Griechen reisen nach einer Vorbereitung in Frankfurt am Main und der EM-Generalprobe am 1. Juni in Offenbach gegen Armenien zwar mit nur zehn Europameistern zu den Gruppenspielen gegen Schweden (10. Juni), Russland (14. Juni) sowie Spanien (18. Juni), aber immerhin acht davon sind Rehhagels erste Wahl für die Anfangself.
Die drei Bundesliga-Profis Sotirios Kyrgiakos, Ioannis Amanatidis (beide Eintracht Frankfurt) und Angreifer Theofanis Gekas (Leverkusen) haben daneben beste Chancen auf einen Stammplatz. Die Stürmer Gekas und Amanatidis sollen im Vergleich zur EM 2004 die Durchschlagskraft in der Offensive erhöhen. Die große Stärke von Rehhagel und Co. wird aber wieder der Teamgeist sein. Ein Star fehlt wie schon vor vier Jahren.
Für Dissonanzen hat derweil Europameister Vassilis Tsiartas gesorgt. Der Spielgestalter, der in der Spielzeit 2004/2005 beim 1. FC Köln kickte, griff seinen ehemaligen Trainer Rehhagel zum wiederholten Male in scharfer Form an. "Er soll die Spiele in allen Kategorien in Griechenland besuchen und im ganzen Land unterwegs sein. Und noch etwas: Soll ich Rehhagel dafür bezahlen, dass er nur fünf Tage im Monat in Griechenland auftaucht?", fragte der 35-Jährige jüngst. Tsiartas beendete Anfang Februar 2007 seine aktive Laufbahn, Rehhagel hatte ihn 2005 aus dem Nationalteam ausgemustert. Pikanterweise hat Tsiartas angekündigt, im Oktober 2008 bei den Verbandswahlen für das Präsidenten-Amt zu kandidieren. Amtsinhaber Vassilis Gagatsis (52) plagen derweil reichlich Sorgen, der überwältigende Erfolg der Nationalmannschaft wirkte bis dato wie Balsam.
Ärger um ein Dopingbuch
Gegen den seit Juli 2001 amtierenden Juristen, der in einer seiner ersten Amtshandlungen den damals arbeitslosen Rehhagel nach Griechenland holte, hat die Athener Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren eingeleitet, unter anderem wegen Untreue. Die Athener Regierung hat die Epo von den zuvor reichlich fließenden Subventionszahlungen ausgeschlossen, für sie ist Gagatsis ein rotes Tuch. Nun steht der Europameister-Verband trotz üppiger EM-Titelprämie und lukrativer Sponsorenverträge tief in der Kreide. Gerade deshalb wäre ein weites Vordringen des Rehhagel-Teams bei der Euro 2008 aufgrund des finanziellen Segens so wichtig.
Aufregung gibt es auch innerhalb der Mannschaft: Abwehrspieler Vassilis Torosidis erhob kürzlich beim Landgericht Athen gegen seine Tante, die Journalistin Rena Maniou, eine Klage zur Zahlung von einer Million Euro wegen Verleumdung. Konkret wendet sich der Piräus-Profi gegen das von Maniou geschriebene Buch "Lauf Vassilis!" und darin enthaltene Ausführungen. Maniou habe laut Torosidis unter anderem angedeutet, dass er ein Doper sei.
Die Vorbereitung könnte ruhiger ablaufen. Auf der Rechnung hat Griechenland wie auch vor vier Jahren niemand so wirklich trotz des Titels. Vielleicht ist das wieder die große Chance.