EM-Vorrunde: Die gescheiterten Zwölf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

EM-Vorrunde Die gescheiterten Zwölf

Griechenlands Gekas, Stuttgarts Stürmer Gomez, Frankreichs Routinier Sagnol: Alle waren mit großen Zielen angetreten - und versagten. Sie waren nicht die einzigen. SPIEGEL ONLINE stellt elf Spieler und einen Trainer vor, die sich die EM ganz anders vorgestellt hatten - das Team der Enttäuschten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist die 87. Minute im Spiel Tschechien gegen die Türkei. Ein Spiel, das über Platz zwei in der Gruppe A und den Einzug ins Viertelfinale entscheidet. Die Tschechen führen 2:1, wähnen sich bereits in der Runde der letzten Acht, als Hamit Altintop von der rechten türkischen Angriffsseite flankt, der bis dahin bärenstarke Torhüter Petr Cech herausläuft, den Ball mit beiden Händen herunterpflückt - und wieder fallen lässt. Nihat staubt ab, 2:2-Ausgleich, die Türkei ist zurück im Spiel und erzielt sogar noch den Siegtreffer.

Cech hatte bis dahin eine großartige EM gespielt, zahlreiche Paraden gezeigt und auch gegen die Türkei einen souveränen Eindruck hinterlassen. Die Szene dieses Turniers, die im Zusammenhang mit seinem Namen haften bleibt, ist jedoch dieser Aussetzer in der 87. Minute gegen die Türkei. Anstatt im Viertelfinale steht er - wie elf andere Akteure - im Team der Enttäuschten. SPIEGEL ONLINE stellt die gescheiterten Zwölf nach der Vorrunde vor.

Tor

Petr Cech: Sicher, es gab schlechtere Torhüter bei dieser EM. Der Grieche Antonis Nikopolidis zum Beispiel. Cech hingegen strahlte Ruhe aus und hielt tadellos - bis zu eben jener 87. Minute. Kaum ein anderer Torwart agierte sicherer in der Strafraumbeherrschung. Aber kein anderer leistete sich in der Vorrunde einen derart folgenschweren Patzer.

Abwehr

Willy Sagnol: Sowohl beim FC Bayern als auch in der französischen Nationalmannschaft reklamiert Sagnol eine Führungsrolle, will Verantwortung übernehmen. Aufgrund seiner Erfahrung eigentlich berechtigt - wenn er denn nur mal so spielen würde. In der EM-Vorrunde hatte er nämlich weniger mit den Gegnern als mit seiner eigenen Leistung zu kämpfen. Behäbig in der Offensive, zumeist einen Schritt zu spät in der Defensive. Einziger Lichtblick: Er bereitet den einzigen Turniertreffer der Franzosen durch Thierry Henry vor.

Marco Materazzi: Provozieren wie einst Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 konnte der damals sehr zuverlässige Verteidiger bei der Europameisterschaft (bislang) niemanden: weil er kaum spielte. 60 Minuten irrte Materazzi bei Italiens 0:3-Schmach gegen die Niederlande über das Feld, dann wurde er von Trainer Roberto Donadoni erlöst - und nicht mehr aufgestellt.

Eric Abidal: Gepennt, gefoult, geflogen. Abidals Aussetzer gegen Italien war der Anfang vom Ende Frankreichs. Weil ihm Luca Toni in der 24. Minute entwischte, zog der Verteidiger vom FC Barcelona die Notbremse. Konsequenz: Rot und Elfmeter. Nur am 1:4-Debakel gegen die Niederlande hatte Abidal keine Schuld. Wegen seiner Leistung im ersten Spiel gegen Rumänien war er gar nicht erst dabei.

Marcell Jansen: Er wollte immer nach vorne, immer seine Flankenläufe ansetzen. Dabei vergaß Jansen offenbar die eigentliche Aufgabe eines Abwehrspielers: verteidigen. Gegen Dario Srna kam der Bayern-Spieler immer einen Schritt zu spät. Dabei gilt der Kroate als langsam. Mit der abgezockten Spielweise Srnas war Jansen völlig überfordert und wurde zur Halbzeit ausgewechselt.

Mittelfeld

David Jarolim: Als "Dauerläufer" wird Jarolim gern von Hamburger Medien bezeichnet. Doch laufen allein reicht bei einem Turnier wie der EM eben nicht. Der Mittelfeldspieler des HSV fiel mit Ideen- und Konzeptlosigkeit auf, verzettelte sich in Zweikämpfen und versuchte in erster Linie, Fouls rund um den Strafraum herausholen.

Andreas Ivanschitz: Was wurde nicht alles über ihn geschrieben: Superstar der Österreicher, Spielmacher der Extraklasse, ein Ausnahmekicker. Die Realität sieht anders aus. Andreas Ivanschitz ist sicherlich kein schlechter Fußballer. Aber eine EM ist halt nicht die griechische Liga, wo er bei Panathinaikos Athen spielt. Am Ende verabschiedete er sich ebenso glanzlos aus dem Turnier wie sein Team.

Florent Malouda: Als lauf- und dribbelstark gilt der Mann vom FC Chelsea - und blieb jeden Nachweis dieser Fähigkeiten schuldig. Malouda spielte in den beiden ersten Partien Frankreichs links offensiv anstelle von Franck Ribéry, den Trainer Raymond Domenech anderweitig aufbot. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Mit dem Bayern-Star konnte Malouda in Sachen Spielverständnis und Torgefährlichkeit in keinerlei Hinsicht mithalten. Nach Spiel zwei war für ihn denn auch Schluss.

Angriff

Adrian Mutu: Der Petr Cech der Feldspieler. Mutu war einer der Besten und Aktivsten bei den Rumänen, der unumstrittene Superstar des Teams. Beim 1:1 gegen Italien traf er - und vergab zudem die Riesenchance zum Sieg. In der 82. Minute trat Mutu zum Elfmeter an und scheiterte an Gianluigi Buffon. Andernfalls hätte Rumänien vier Punkte aus zwei Spielen gehabt und wäre fast sicher im Viertelfinale gewesen. Wäre...

Mario Gomez: Sein Name fiel immer, wenn von möglichen Superstars dieser EM die Rede war. Dazu die Spekulationen über einen Wechsel zu Bayern München und das Interesse des FC Barcelona - offensichtlich zu viel für einen jungen Spieler wie Gomez. Der deutsche Stürmer, in der Bundesliga zuletzt in sehr guter Form, war nie auf der Höhe des Geschehens, vergab allerbeste Chancen und kam immer einen Schritt zu spät.

Theofanis Gekas: Als hätte die griechische Nationalmannschaft bei dieser EM nicht an sich schon über weite Strecken kollektiv versagt, setzte Gekas in Sachen Destruktivität noch einen drauf. Der Stürmer von Bayer Leverkusen stand rum, maulte, zeigte kaum Einsatz. Die Quittung: Gegen Schweden war für ihn nach nur 45 Minuten Schicht, der Platz in der Startformation futsch.

Trainer

Raymond Domenech: Er war angetreten, um mit Frankreich den EM-Titel zu holen - und scheiterte gnadenlos. Kein Sieg, nur ein Tor, das Aus in der Vorrunde. Domenech fiel dabei vor allem durch seine Planlosigkeit auf. So spielte zum Beispiel Franck Ribéry mal rechts, mal zentral, dann wieder links. Domenech wechselte munter durch, immer auf der Suche nach der Idealbesetzung. Er fand sie bis zum Schluss nicht.

Angesichts dieser trostlosen EM-Bilanz ist es nahezu ausgeschlossen, dass Domenech die französische Nationalmannschaft auch bei der WM 2010 in Südafrika betreuen wird. Der 56-Jährige selbst will weitermachen, die Verbandsspitze hat jedoch kein öffentliches Bekenntnis zu Domenech abgegeben. Anfang Juli werde es eine Entscheidung geben, heißt es. Als mögliche Nachfolger gelten die früheren Welt- und Europameister Didier Deschamps und Laurent Blanc, die eine Doppelspitze bilden sollen.

Mehr lesen über