England trauert: It's all over - DER SPIEGEL
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England trauert It's all over

Nach dem kläglichen Ausscheiden der englischen Mannschaft beim World Cup löste sich der Hype der Boulevard-Blätter in Depression auf. Die Niederlage von Beckham und Co. bedeutet stille Staatstrauer für die fußballverrückte Nation.
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London - Die Straßen waren leer gefegt, die Pubs überfüllt, als im fernen Japan die von der Boulevardpresse bereits als unsterbliche Helden gefeierten Kicker von der Insel gegen den vierfachen Weltmeister Brasilien antraten. British Telecom hatte Extraschichten heuern müssen, um die Weckrufe zu bewältigen. In Kindergärten, Schulen, Büros und Fabriken waren Fernseher installiert. Mehr als zehntausend England-Fans hatten sich vor einem großen Monitor auf dem Trafalgar Square versammelt

Tagelang hatten die Zeitungen auf Dutzenden von Seiten das Match zum vorgezogenen Finale hochgeschrieben. Noch heute Morgen berichtete der "Express", dass die Queen einen Empfang für die "England-Helden" plane - und dann das. Schlecht gespielt, verloren, ausgeschieden.

Düstere Wolken der sprachlosen Verzweiflung legten sich über das Mutterland des modernen Fußballs. Die Nation trauert. Fassungsloses Schweigen in der U-Bahn und den Bussen. Der Tod der vielseits verehrten Queen Mother hatte nicht annähernd eine derart paralysierende Wirkung auf die Engländer wie das Ende ihres Teams im World Cup.

Auch Posträuber Biggs drückte die Daumen

Dabei hatte alles so gut angefangen. Als Michael Owen in der 22. Minute den krassen Verteidigungsfehler des bei Bayer Leverkusen spielenden Verteidigers Lucio ausnutzte und England in Führung brachte, löste sich die nervöse Spannung in ekstatischem Jubel. Verzückte Fans stürzten aus den Pubs und tanzten auf den Straßen. "It's one nill to the Engerland", sangen sie. Jetzt werden die Brasilianer mit ihrer wackligen Verteidigung nervös, war die allgemeine Erwartung - die kurz vor der Pause durch Brasiliens Ausgleich enttäuscht wurde.

Gleich nach der Pause kam es noch dicker. Ihr Oldie, der 38-jährige Arsenal-Goalkeeper David Seaman, den die "Sun" zum "Super Seaman" hochgejubelt hatte, schätzte den Freistoß von Ronaldinho falsch ein. Den England-Fans war das Singen vergangen, das Bangen, Zittern und Hoffen begann. Noch einmal Auftrieb gab der Platzverweis des Torschützen - den die fairen BBC-Kommentatoren ungerecht und übertrieben fanden - und das auch klar sagten.

Aber es half nichts, das schlappe englische Team, das nach Ansicht der britischen Boulevardpresse ein Ensemble von Weltstars ist, hatte gegen die wahren Weltstars aus Brasilien nicht viel zu bieten. Je länger sich die einfallslosen Engländer vergeblich mühten, gegen die zahlenmäßig unterlegenen Brasilianer wenigstens eine klare Chance herauszuspielen, umso mehr verließ den Anhang der Mut.

Der Traum vom Finale ist zerplatzt. England ist aus dem WM-Wahn erwacht. "Wir sind natürlich alle am Boden zerstört", ließ Premierminister Tony Blair nach dem Spiel vom EU-Gipfel in Sevilla verlauten. Sogar Ronnie Biggs, der legendäre Posträuber, der über 30 Jahre in Brasilien lebte und jetzt in einem Londoner Hochsicherheitsgefängnis einsitzt, hatte für England die Daumen gedrückt. Doch die Engländer sind eben - und das spricht stets für sie - Realisten und verstehen viel von Fußball. Die Brasilianer, so das Eingeständnis der meisten Fans - waren einfach besser.

Germans im Finale? "Oh god!"

Warum sind die Brasilianer so gut, fragten zerknirschte Experten im Fernsehen. "Die haben all diese Strände, wo Tausende fußballverrückte Jungs den lieben langen Tag spielen", meinte der Ex-Nationalspieler und Trainer Bob Robson. Und nach dem weiteren Verlauf des Turniers gefragt, befand der Ex-Nationaltrainer Terry Venables: "Jetzt gibt es ein Finale Brasilien - Deutschland." Da entfuhr den versammelten Experten ein kollektiver Stoßseufzer: "Oh god!" Wenn die verhassten Germans ins Endspiel kämen, das wäre für jeden englischen Fan ein weiterer guter Grund, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken.

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