Englands neuer Coach "Es ist ein Desaster"
London - Das Fußball-Mutterland England bricht mit einer beinahe "heiligen" Tradition: In dem schwedischen Erfolgstrainer Sven-Göran Eriksson, dessen Verpflichtung am Dienstag bekannt gegeben worden ist, wird erstmals ein Ausländer den Fußball-Thron besteigen, der die englische Nationalmannschaft wieder zurück in die internationale Spitze führen soll. Eriksson, der zur Zeit den italienischen Doublegewinner Lazio Rom betreut, unterschrieb einen Fünfjahresvertrag. Doch der englische Fußball-Verband FA verspürt ob der nahezu perfekten Verpflichtung Erikssons zum 1. Juli 2001 heftigen Gegenwind.
"Es ist ein Desaster, ein furchtbarer Fehler. Die Franzosen haben einen Franzosen, die Deutschen einen Deutschen. Und wir haben einen, der noch nicht einmal sein eigenes Land trainiert hat", schimpfte Jack Charlton. "Ich bin sehr verärgert. Jeder im Land wird sich noch wundern, wer zum Teufel da als Cheftrainer Englands verpflichtet wurde", kommentierte der Weltmeister von 1966. "Das ist ein sehr trauriger Tag für den englischen Fußball", erklärte auch der Vorsitzende der Spielergewerkschaft, Gordon Taylor.
"Wir bilden ein Team aus jungen englischen Trainern, die mit dem Chefcoach zusammenarbeiten werden", verteidigte David Davies, FA-Exekutivdirektor, die Verhandlungen mit Eriksson. "Unser Ziel ist es, den Spielern die größte Chance im internationalen Wettbewerb zu geben. Das wollen die Fans und das will das Land." Gleichzeitig widerspricht Davies dem aus Italien bereits verkündeten Vertragsabschluss mit Eriksson: "Wir haben große Fortschritte gemacht, und die Gespräche werden bald fortgesetzt."
"Ich kann nichts sagen, weil ich eine Schweigepflicht habe", meinte Eriksson, der Lazio Rom im Sommer zur italienischen Meisterschaft und zum Pokalsieg geführt hatte. Lazio-Präsident Sergio Cragnotti bestätigte indes indirekt, dass der Noch-Coach wohl Englands Auswahl übernehmen wird: "Er wird uns im Sommer nächsten Jahres verlassen. Wir hoffen, er verabschiedet sich mit dem Meistertitel von Lazio." Zuvor hatte der Skandinavier eine lukrative Lazio-Offerte über den 30. Juni 2001 hinaus ausgeschlagen.
Zehn Millionen Mark jährlich sowie eine Prämie von 3,3 Millionen bei einer erfolgreiche Qualifikation zur WM 2002 soll der psychologisch versierte Schwede den Briten wert sein. Am 1. September 2001 wird er wohl schon im ersten Pflichtspiel gegen Deutschland in München die Verantwortung für Beckham und Co. tragen.
Seit Kevin Keegan nach der 0:1-Niederlage gegen Deutschland am 7. Oktober sein Amt als Teammanager niedergelegt hatte, steht der Verband ohne Cheftrainer da. Nachdem dessen Co-Trainer Howard Wilkinson das Team beim 0:0 vier Tage später in Finnland betreut hatte, installierte der englische Verband vorerst Steven Taylor, Manager von Leicester City, zusammen mit dem Assistenz-Manager von Manchester United, Steve McLaren.
In Italien wird unterdessen die FA für den Schritt gelobt. "Für den englischen Fußball ist Eriksson geeignet, weil seine Art kühl, aber nicht kalt ist", kommentierte Ex-Nationaltrainer Dino Zoff. "Eriksson verfügt über die Mittel, um auch in England der Sieger zu sein, der er in Italien war", sagte der ehemalige Nationalcoach Arrigo Sacchi.
Die Erfolgsgeschichte des Schweden, der 1976 in der dritten Liga seiner Heimat einstieg, ist in der Tat beeindruckend. 17 Titel kann Eriksson vorweisen, den internationalen Durchbruch schaffte er 1982, als er mit dem IFK Göteborg Meister wurde und im Endspiel des Uefa-Cups den Hamburger SV zweimal besiegte. Von dort ging es zu Benfica Lissabon und nach zwei Meisterschaften 1984 zum AS Rom, bei dem ihm jedoch der große Durchbruch misslang.
1991 wurde Eriksson mit Benfica nochmals Meister, drei Jahre später Pokalsieger mit Sampdoria Genua, ehe er 1997 zu Lazio wechselte und endgültig zum Siegeszug ansetzte. Auf Anhieb gewann der Schwede den Pokal, holte 1999 den Europapokal der Pokalsieger sowie den europäischen Supercup und schenkte Lazio im Jahr 2000 das erste Double seiner Vereinsgeschichte.
Von Nigel Ferguson, sid