Englische Fans: "Eat that, Gestapo-Face" - DER SPIEGEL
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Englische Fans "Eat that, Gestapo-Face"

Für deutsche Fans war der Sieg der Nationalelf in Wembley ein Feiertag - es sei denn, sie hatten einen Platz im englischen Fanblock. SPIEGEL-ONLINE-Autor Philip Oltermann hat den Selbstversuch gemacht. Er bekam Magenschmerzen und geschmacklose SMS beim Lampard-Tor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit ich in England lebe, haben Deutschland und England dreimal gegeneinander gespielt. Ein 0:1 bei der Europameisterschaft 2000, ein 1:0 im letzten Spiel im alten Wembley-Stadion und das legendäre 1:5 in München. Bei jedem dieser drei Spiele befand ich mich gerade im Urlaub, weit entfernt vom nächsten Fernseher oder Radio. Reiner Zufall.

Gestern Abend war ich beim Anpfiff endlich im Wembley-Stadion im englischen Block und verkrampfte innerlich. Das Problem, wurde mir klar, war Folgendes: Im Grunde wünschte ich weder England noch Deutschland einen Sieg. Der Engländer ist nur im Verlieren ein wahrer Gentleman, in Momenten des Triumphs fehlt ihm oft der Takt. Wie viele SMS mir mein englischer Freund Andrew in jener Nacht von München, ja noch Wochen danach schickte! Und diesmal in der 10. Minute wieder, nur eine Minute nach dem Tor der Engländer: "Eat that, Gestapo-face!"

Eigentlich ein lieber Mensch, der Andrew.

Auch die Deutschen zeigen sich in Englandspielen selten von ihrer besten Seite. Wäre es damals in München beim 1:0 geblieben, hätte man auf so eine Mannschaft stolz sein können? Mit den teutonischen Quadratschädeln Carsten Jancker, Jens Nowotny und Marko Rehmer?

Während mir gestern diese Gedanken durch den Kopf gingen, begrüßten die englischen Fans die deutsche Nationalhymne mit einem gellenden Pfeifkonzert. Mein Sitznachbar schubste mich an: "Auf welches Endergebnis tippst Du?" - "Unentschieden." - "2:2?" - "0:0." Vielleicht hoffte ich es.

Die Tore fielen, und so schön sie auch waren, meine innere Anspannung wollte nicht weichen. Das 1:0 durch Frank Lampard (der übrigens bei der Ernennung der Startelf ebenso ausgepfiffen wurde wie Jens Lehmann; Chelsea ist nicht eben der beliebteste Club auf der Insel), schon fürchtete ich mich vor dem nächsten Pub-Besuch mit Andrew. Der Ausgleich durch Kevin Kuranyi in der 25. Minute – kurzes Aufatmen. Eine Viertelstunde später die deutsche Führung durch Pander. Erneute Magenschmerzen.

"Football's coming home" sang der deutsche Block kurz vor der Halbzeitpause. Das englische Publikum wurde verdächtig leise. "Cheeky bastards", murmelte ein Herr hinter mir und knackte mit seinen Fingergelenken.

So komisch es auch klingen mag: Die zweite Halbzeit dieses Spiels war die erste Phase einer deutsch-englischen Begegnung, die ich wirklich genießen konnte – und das lag sogar an den Deutschen. Natürlich: Löws Mannschaft spielte nicht hervorragend. Kuranyi verhungerte im Sturm, England hatte die größeren Torchancen, ein Unentschieden wäre gerecht gewesen.

Nein, das Großartige an diesem deutschen Spiel war nicht das Ergebnis, sondern die Art, wie der Ball auf ganz und gar undeutsche Weise durchs Mittelfeld gespielt, ja gestupst wurde. Direktes Kurzpassspiel aus der Abwehr, viel Bewegung, gute Ballkontrolle: Es war wie der SC Freiburg zu seinen besten Zeiten. Und das bei solchen Spielern!

Wer von den um mich herum sitzenden Engländer kannte schon Piotr Trochowski! Oder Simon Rolfes! Als in der 53. Minute Roberto Hilbert eingewechselt wurde – ein Mann, der vom Namen allein auf eine Ebene mit Thomas Manns Tonio Kröger zu stellen wäre –, frohlockte mein Herz.

Wenn auch das Ballgezirkel der Deutschen in der zweiten Halbzeit kaum zu direkten Torchancen führte, so schien es doch den Verlauf der ersten Hälfte zu rechtfertigen: Wer eine solch intuitive Beziehung zum Ball pflegt, ist in den entscheidenden Situationen einfach einen Schritt schneller. Beide deutschen Tore waren aus Überraschungsmomenten entstanden; als Michael Owen in der 45. Minute der Ball in einer ähnlichen Situation der Ball vor die Füße fiel, verstolperte das einstige "child prodigy", das Wunderkind a.D., kläglich.

In seinem exzellenten Buch über die Geschichte der deutsch-englischen Fußballrivalität, "The Best of Enemies", stellt der englische Autor David Downing die kontroverse These auf, dass der englische WM-Gewinn von 1966 keinen echten Triumph darstellt, sondern eher einen Fluch, der seit 40 Jahren auf den Schultern der "Three Lions" lastet. Der Glaube an robustes Tackling und den sturen weiten Ball nach vorne, der damals die Basis von Alf Ramseys Philosophie ausmachte, beherrscht noch immer die englische Fußballpsyche und blockiert die nötigen Reformen. Mittlerweile ist wohl eine Revolution notwendig.

Nach gestern Abend möchte ich Downing zustimmen. In der 78. Minute wurde Micah Richards – eigentlich bis dahin Mann des Spiels – von Simon Rolfes in der eigenen Hälfte zu einem Rückpass gezwungen. Es folgte ein gellendes Pfeifkonzert der englischen Fans. Die Deutschen hatten diesen Pass in der zweiten Hälfte mindestens zehnmal gespielt.

Auf dem Heimweg von Wembley rief ich bei meinem Kumpel Andrew an. Er nahm nicht ab.

Reiner Zufall, wahrscheinlich.