Enttäuschende Reservisten: Spanisches Stimmungstief - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Enttäuschende Reservisten Spanisches Stimmungstief

Spaniens Nationalteam blieb gegen Saudi-Arabien zum 25. Mal in Folge ohne Niederlage. Der überhebliche Auftritt der iberischen B-Elf wirft jedoch einen ersten Schatten auf die zuvor überragenden Leistungen. Dennoch sollte keiner die Mannschaft von Luis Aragones unterschätzen.
Von Jens Todt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaiserslautern – Schwer zu sagen, was passieren muss, um Aragones ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Die Leistung der spanischen Nationalmannschaft gegen Saudi-Arabien war jedenfalls kein gelungener Beitrag zu diesem ehrgeizigen Projekt. Die Miene des 68-jährigen spanischen Nationaltrainers erinnerte in ihrer griesgrämigen Verschrobenheit ein wenig an die ukrainische Trainerlegende Walerij Lobanowski, der von Kameramännern in einer Mischung aus Verzweiflung und Respekt "das Standbild" genannt wurde, weil er auf den Fernsehbildern immer gleich aussah, egal welche Einstellung die Regie wählte.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Auftritten der Spanier, bei denen sie die Ukraine (4:0) und Tunesien (3:1) mit schnellem Kombinationsspiel und überraschenden Aktionen zum Teil an die Wand gespielt hatten, gab es für Aragones gegen die zweitklassigen Saudis auch nicht viel zu lachen. Zwar kam die "Seleccion" gegen die "grünen Falken" nur selten unter Druck und spielte sich deutlich mehr Torchancen heraus, dennoch blieben die Spanier in Kaiserslautern deutlich unter ihren Möglichkeiten.

Der Auftritt wirkte lustlos und uninspiriert, dabei hatte Aragones seinen Ersatzspielern eine Chance gegeben, sich zu bewähren. Zu möglichen Wechseln befragt, hatte Spaniens Trainer vor dem Spiel angekündigt, er werde eine Mannschaft auf den Platz schicken, die ausreichende Qualität besitzt, um Saudi-Arabien zu schlagen.

Trotz der mäßigen Leistung der spanischen Ersatzmannschaft stand am Ende dank eines Kopfballtreffers von Juanito aus der 36. Minute ein 1:0 auf der Anzeigetafel. Die spielerische Reife und technische Brillanz der Mannschaft, die sie in den Spielen davor gezeigt hatte erwarten, lässt hoffen, dass sie bei der WM um die vorderen Plätze mitspielen kann. Lediglich die argentinische Elf konnte bisher in Spielanlage und individueller Qualität ähnlich überzeugen.

Vielleicht können die Spanier ja trotz des Dämpfers gegen Saudi-Arabien bis ins Finale vorstoßen – es wäre das erste Mal in der WM-Geschichte des Landes. "Das war der erste Schritt nach Berlin", sagte Mittelfeldspieler Joaquin nach dem Spiel, "denn dorthin wollen wir. Das ist unser großes Ziel, deshalb sind wir hier."

Ob Aragones in diesem Fall zum ersten Mal lächeln würde, darf keinesfalls als gesichert gelten. Nach dem Spiel gegen Saudi-Arabien sollte die Laune des kauzigen Trainers weiter gesunken sein.

Die traditionell extrem anspruchsvollen spanischen Fans auf den Rängen des Lauterer Fritz-Walter-Stadions boten den Beweis dafür, wie schnell die Stimmung um die "Seleccion" kippen kann. Hatten sie ihr Team vor dem Spiel noch für die bisherigen Turnierleistungen begeistert mit "Olé"-Rufen gefeiert, verabschiedeten sie die Mannschaft nach dem Schlusspfiff mit einem gellenden Pfeifkonzert.

Der unversöhnliche Abschied lag vor allem daran, dass die Spanier in der zweiten Halbzeit völlig ihre Linie verloren. Die individuell hoffnungslos unterlegenen Saudis brachten die Spanier gar einige Male in Bedrängnis, ohne jedoch klaren Zug zum Tor zu beweisen. Mit Ausnahme der letzten Minuten. Saad al-Harthi hatte die große Chance, durch den Ausgleichstreffer in seinem Heimatland zum Volksheld zu werden, setzte eine schöne Hereingabe jedoch völlig frei stehend über das spanische Tor.

Saudi-Arabien verabschiedete sich mit einer couragierten Leistung aus dem Turnier, das die Mannschaft um den brasilianischen Trainer Marcos Paquetá mit nur einem Punkt auf dem Konto beendet. Spanien trifft als Gruppensieger auf den Zweitplatzierten der Gruppe G und kann bereits am kommenden Dienstag dafür sorgen, dass Aragones sein Lächeln findet.   

Mehr lesen über