Equipe Tricolore Der Star ist die Mannschaft
Hamburg - "Unsere Parole ist, dass wir bereit sein müssen, zusammen zu sterben!" Wenn es um das große Ziel geht, dann schreckt auch Zinedine Zidane nicht vor martialischen Sprüchen zurück. So filigran, wie der perfekte Techniker nacheinander die Spanier, Brasilianer und Portugiesen aus dem Weg zauberte, so kraftmeierisch gibt sich der französische Kapitän jetzt, um seine Mannschaft auf das Endspiel am Sonntag gegen Italien (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) einzuschwören.
Dabei wirkt es bei einem Blick in französische und italienische Zeitungen manchmal so, als ginge es beim Finale weniger um den WM-Titel, sindern vor allem darum, dem großen, unvergleichlichen Zinedine Zidane ein würdiges Abschiedsfest zu gestalten.
In beiden Ländern ist Zidane, der Überraschungs-Superstar der WM, beliebt wie kaum ein anderer Spieler. In Frankreich gilt er als Symbol der großen Mannschaft von 1998 und 2000, in Italien erspielte er sich in seiner Zeit bei Juventus Turin größten Respekt.
Ist also alles "Zizou" am Sonntag? Es bedarf schon des französischen Trainers Domenech, um die Größenordnungen wieder herzustellen. Der wollte nach dem Halbfinalsieg gegen Portugal nichts von einer Sonderrolle für Zidane wissen: "Er hat uns zehn Jahre lang verzaubert und ist die große Konstante der Mannschaft. Aber es geht am Sonntag nicht um das Abschiedsspiel für Zidane, sondern um das Finale einer Weltmeisterschaft."
Tatsächlich tut Domenech gut daran, niemandem eine Sonderrolle in der von Spiel zu Spiel besser funktionierenden "Equipe Tricolore" zuzugestehen. Denn mit Grauen erinnert sich etwa der altgediente Verteidiger Lilian Thuram daran, wie "übergroße Egos" dafür sorgten, dass sich Frankreich bei der WM 2002 blamierte und ohne ein einziges Tor in der Vorrunde rausflog.
2006 dagegen sieht es ganz anders aus: Zu den Garanten des Erfolgs gehört neben den technischen Kabinettstückchen von Zidane eine geschlossene Mannschaft mit sehr solider Abwehrleistung. In sechs WM-Spielen wurden nur zwei Gegentore zugelassen. Außer Zidane, Thierry Henry und Franck Ribéry haben alle im Team defensive Aufgaben. Sieben Spieler bilden einen dicht gestaffelten Abwehrring um den nicht immer sicher wirkenden Torhüter Fabien Barthez. Daran bissen sich die Portugiesen die Zähne aus.
Die Italiener dagegen wissen sehr gut, wie man auch durch vier Abwehrspieler hindurch einen tödlichen Pass spielen kann - und werden deshalb von Henry gefürchtet: "Italien ist ein bisschen wie ein Skorpion" - der den tödlichen Stich auch noch in der 119. Minute setzen kann.
Wenn Italiens Edeljoker Alessandro Del Piero nun trotzdem die Franzosen zu Favoriten im Finale erklärt, ist das kein reines Psychospielchen. Zu deutlich konnten auch die Italiener beobachten, wie sich Frankreich nach einer wackeligen Vorrunde enorm steigerte und rechtzeitig zum Achtelfinale gegen Spanien die passende - und seitdem unveränderte - Startaufstellung fand.
Vor diesem Spiel war es im feudalen französischen WM-Quartier Schlosshotel Münchhausen laut "Sportbild" zu einer heftigen Aussprache im Team gekommen - bei der sich Coach Domenech gegen Kapitän Zidane durchsetzte. Denn der hatte bis dahin eine zweite Spitze neben Henry gefordert. Davon ist schon lange keine Rede mehr.
Dafür darf der lange umstrittene Domenech nun immer wieder betonen, dass der sensationelle Finaleinzug der schon totgesagten "Blauen" ein "Gemeinschaftswerk aller 23 Spieler" ist. Und natürlich sein eigenes - weil er sich nicht zuletzt gegen seinen Kapitän und die anderen eigenwilligen Stars in der Mannschaft durchgesetzt hat. Dass die Medien dennoch vor allem Zidane feiern, weil sie so gerne Stars auf den Titelseiten haben, darauf kann Domenech längst pfeifen - was er auch tut.
Ehe er nach dem Halbfinalsieg gegen Portugal bei der Pressekonferenz das Wort ergriff, pfiff er, kaum hörbar, den Refrain der italienischen Nationalhymne. Der oft griesgrämig wirkende Domenech, soviel ist sicher, freut sich wie ein kleines Kind auf das Endspiel. Im Gegensatz zu seiner halben Mannschaft ist es für den 54-Jährigen schließlich auch das erste Mal, dass er um den WM-Titel mitspielen darf.
all/dpa/reuters/ap