Bundestrainer Löw: Zwanzigers große Hoffnung
Erfolgstrainer Löw Das System Schöngeist
Vor dem Spiel gegen Spanien wurde Joachim Löw auf seinen Pullover angesprochen. Der Pullover hatte zu diesem Zeitpunkt in Deutschland eine Popularität erreicht wie der Spickzettel des Torhüters Jens Lehmann vor vier Jahren, den "Wunderpulli" nannten die Boulevardzeitungen das blaue Kaschmir-Teil. Trug Löw den Pullover während eines WM-Spiels, schoss das deutsche Team vier Tore.
Löw wirkte an diesem Tag belustigt und ein bisschen genervt, ihn interessierte das Ganze nicht. "Hansi Flick verbietet mir sogar, ihn zu waschen", sagte er dann. Zwei Tage später trug Löw den Pulli trotzdem wieder, aber Deutschland schoss gegen Spanien kein einziges Tor und flog im Halbfinale raus. Der Pullover war plötzlich das, als was ihn Löw die ganze Zeit gesehen hatte: ein schönes Kleidungsstück, das er endlich wieder waschen konnte.
Auch in einer südafrikanischen Zeitung wurde über Löws Kleidung geschrieben, man wählte ihn zum bestgekleideten Trainer des Turniers. Neben einem Bild von Löw sah man auch eins von Marcelo Bielsa, dem Coach Chiles. Bielsa wirkte in seinem Baumwoll-Trainingsanzug neben Löw wie Otto Rehhagel neben Franz Beckenbauer. Die Eleganz des Trainers finde sich auch im Spiel seiner Mannschaft wieder, hieß es kühn unter dem Löw-Bild. Bei Bielsa schwieg man dazu.
Es ist eine tolle These, dass Deutschland plötzlich so schön spielt, weil der Trainer als Bonvivant gilt. Er wirbt ja auch für Kosmetikprodukte, das könnte für das gepflegte Spiel stehen und sein Testimonial für einen Reisekonzern für die Abenteuerlust dieses Teams. Löw aber würde darüber nur den Kopf schütteln und fragen, ob man bitte über Fußball reden könne. Dazu trinkt er dann gern einen Espresso oder auch zwei.
Entspannt, entschleunigt, souverän
Eine Überhöhung der eigenen Person ist ihm immer fremd gewesen, und so versuchte Löw auch während dieser WM, den eigenen Anteil am Erfolg wegzuschweigen. Unten in einem kühlen Raum des Hotels Velmore Grand, wo das deutsche Team während des Turniers wohnt, lobte er stattdessen ungefragt die Ersatzspieler, die für den Erfolg mitverantwortlich seien. Und immer, wenn es um die Spielphilosophie der Mannschaft geht, die Löw seit 2004 entwickelte, spricht er in der Wir-Form.
Was aber ist sein Anteil? Was zeichnet den Mann aus, der als Architekt des "Sommermärchens" gilt und die deutsche Mannschaft alleinverantwortlich zweimal in Folge mindestens ins Halbfinale eines großen Turniers geführt hat? Wer ist Joachim Löw?
Der Coach ist in diesem Jahr 50 geworden, und mittlerweile hat er fast die Hälfte seiner Trainerlaufbahn beim DFB verbracht. Er wirkt heute entspannt, entschleunigt, souverän und sein Verbandsjob so sicher wie früher ein Vertrag bei Daimler. Davor hatte er sieben Clubs in neun Jahren trainiert. Er selbst sagt, er habe eine Entwicklung durchgemacht in jener Zeit, "als ganz junger Trainer wollte ich auch den schnellen Erfolg und habe mich manchmal von meiner Linie abbringen lassen".
Irgendwann wollte er nicht mehr alles dem täglichen Erfolg unterordnen. "Als Trainer sollte man seine Vorstellungen konsequent verfolgen. Auch wenn der Erfolg mal auf sich warten lässt." Wenn man so will, hat Löw auch gelernt, zu warten.
Sechs Jahre ist es jetzt her, dass ihn Jürgen Klinsmann als Assistenten holte. Den Badener, mit dem der Schwabe in Hennef zusammen die Trainerausbildung absolviert und den er schätzen gelernt hatte. Immer noch geht das Gerücht um, dass erst Löw Klinsmann die Funktionsweise einer Viererkette richtig erklärt habe. Sicher ist, dass der Assistent schon damals die Vision hatte, dass die deutsche Mannschaft irgendwann so spielen müsse wie sie es jetzt tut.
Lehrjahre in der Fußballprovinz
Sechs Jahre hat es gedauert, sechs Jahre sind eine lange Zeit. Aber sie müssen wie eine Ewigkeit wirken für Löw, der als Vereinstrainer nie länger als zwei Jahre bei einem Club arbeiten durfte. In Stuttgart wurde er erst Co-Trainer von Rolf Fringer und dann Chef, bis er nach einem Pokalsieg und einem Europapokalfinale gehen musste. Bei Fenerbahce Istanbul ging er ebenso vorzeitig wie in Karlsruhe und bei Adanaspor. Mit dem FC Tirol wurde Löw österreichischer Meister, dann war der Club pleite. Bei Austria Wien wurde er entlassen. Austria-Boss Frank Stronach schasste Löw, obwohl der Club Tabellenführer war.
Die Jahre wirken im Rückblick wie der zerfaserte Lebenslauf eines späteren Top-Managers. Aber es waren wichtige Lehrjahre in der Fußballprovinz, Löw wollte schon in Wien seine Mannschaft so spielen lassen, "dass sich der Fan damit identifizieren kann". Schön, direkt, flüssig. Und wenn man ihn nicht machen ließ, dann nahm er auch das Ende des Engagements in Kauf. In Adana wollte die Vereinsführung bestimmen, welche Spieler der Trainer Löw hinauswerfen müsse. "Doch Löw weigerte sich, da haben sie eben ihn hinausgeworfen", erzählte Thomas Berthold, der Löw von Stuttgart aus in die Türkei gefolgt war.
Diese Konsequenz, die Sturheit, hat sich bis heute gehalten. Sie lässt Löw manchmal verbissen wirken oder nachtragend oder knallhart. Er hat Torsten Frings aussortiert und Kevin Kuranyi nicht für die WM nominiert - und jeweils sportliche Gründe dafür genannt. Aber Frings hatte Löw auch öffentlich kritisiert und Kuranyi war aus Frust von einem Länderspiel getürmt. Es blieb ein Nachgeschmack bei diesen Entscheidungen. Am Ende aber, auch so kann man es sehen, hat der Erfolg Löw Recht gegeben.
"Qualität geht vor Erfahrung"
Einen Beigeschmack hatten auch die Aussagen von Philipp Lahm, die sich vor dem Spanien-Spiel in der "Bild"-Zeitung fanden. Man konnte sie als Warnung an Michael Ballack deuten, was Lahm später bestritten hat. Der neue Kapitän sagte, dass er sein Amt auch nach der Rückkehr des verletzten alten Kapitäns behalten wolle - das Wissen des Bundestrainers um diese Worte kann man voraussetzen. Es würde ins Bild eines Mannes passen, der sich nicht gern in den Vordergrund stellt, aber hinter den Kulissen immer die Kontrolle hat.
Wer aber Löw unterstellt, er wolle Ballacks Autorität unterminieren, der irrt. Ballack ist dem Bundestrainer wichtig. Aber wohlgemerkt der Ballack, der sich durch Leistung über den Rest erhebt und nicht durch seine Verdienste. "Qualität geht eindeutig vor Erfahrung", betonte Löw im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Die Lahm-Worte sind deshalb auch im Sinne des Bundestrainers - er wird keinen Automatismus zulassen, nach dem bei einer Ballack-Rückkehr wieder alles beim Alten bleibt. Erbhöfe gibt es beim DFB schon lange nicht mehr. Aber: Ballack hat es selbst in der Hand. Er muss nur in Leverkusen überzeugen.
Vielleicht ist es auch dieses Leistungsprinzip, das die Spieler in Südafrika so schwärmen lässt von Löw. Die Truppe scheint dem Trainer im positiven Sinne verfallen, es klingt Respekt mit, wenn die erfahrenen Akteure über den Bundestrainer sprechen und Bewunderung bei den ganz jungen. Man wird auch kein Interview finden, in dem Löw einen Spieler bloßstellt. "Sein Anstand und sein Respekt vor Mitmenschen ist beeindruckend", sagt einer, der ihn schon seit Jahren kennt.
Zwei Wegbegleiter würden unter einem anderen Bundestrainer gar nicht mehr für den DFB arbeiten.