Erich Ribbeck "Der Härtefall war Neuville"
Welche Kriterien spielten bei der Nominierung Ihres 22-köpfigen Kaders für die EM 2000 eine Rolle?
Erich Ribbeck:
Bei der Nominierung hat den Ausschlag gegeben, die Positionen so zusammenzustellen, dass man im Verletzungsfall Alternativen hat und Spieler gleichwertig ersetzen kann. Der Härtefall war Oliver Neuville, der seit meinem Amtsantritt eigentlich immer dabei war. Das war für mich die schwierigste Entscheidung. Dennoch glaube ich, dass wir in der Lage sind, eine gute Mannschaft zusammenzubekommen, die nicht nur wettbewerbsfähig ist.
Nach den monatelangen Spekulationen und Andeutungen war die Nominierung von Thomas Häßler beinahe keine Überraschung mehr. Wann haben Sie sich entschieden, Häßler mit zur EM zu nehmen?
Ribbeck: Er wurde nicht erst gestern informiert, sondern hat es schon vor einiger Zeit nach dem Spiel 1860 München gegen Hertha BSC Berlin erfahren. Er gehört auf Grund seiner Leistung im Verein folgerichtig nicht nur zur Nummer 18 bis 22. Er wird sicherlich in den Testspielen die Möglichkeit haben zu zeigen, dass er in die Anfangsformation kommt. Es war ja kein Risiko, ihn zu nominieren. Er bringt mit 97 Länderspielen riesige Erfahrung mit. Ich hoffe, dass sein Wissen und seine Erfahrung dazu beitragen können, dass wir als Team erfolgreich sind.
Hat bei der Nicht-Berücksichtigung der Leverkusener Neuville und Stefan Beinlich die Entscheidung um die Meisterschaft eine Rolle gespielt?
Ribbeck: Nein. Als Trainer darf man die Beurteilung eines Spielers nicht von zehn Minuten abhängig machen. Sieg oder Niederlage haben nicht den Ausschlag gegeben.
Benötigen die berücksichtigten Leverkusener nach der verspielten Meisterschaft besondere Aufbauarbeit?
Ribbeck: Wenn es nötig ist, werde ich in der Lage sein zu helfen. Ich habe die nötige Erfahrung, Ulf Kirsten oder Michael Ballack menschlich zur Seite zu stehen. Ich kenne diese Situation. Ich war als Trainer selbst 33 Spieltage vorn und bin dann noch abgefangen worden. (Anmerkung: 1993 war Ribbeck Trainer von Bayern München und verlor im Schlussspurt den Titel an Werder Bremen.)
Mit wie viel Kredit fährt die Nationalmannschaft zur EM? Wie beurteilen Sie die Chancen?
Ribbeck: Der Kredit ist nicht allzu hoch. Wir sind ja out, wie ich zuletzt gelesen habe. Wenn ich wüsste, dass die Chancen durch meine Aussage steigen würden, würde ich sagen: Wir wollen Europameister werden. Wenn ich aber jetzt schon daran denke, wie wir auf der Ehrentribüne stehen, dann trifft das nie ein. Ich habe da eine andere Einstellung. Unser wichtigstes Spiel ist das gegen Rumänien. Mir wäre recht, alle würden von uns als Außenseiter reden. Dann hätte ich zusätzliche Motivationshilfen für die Spieler.
Die Titelverteidigung spielt für Sie also gar keine Rolle?
Ribbeck: Ich finde es nicht angebracht, von Titelverteidigung zu sprechen, wenn ein Ereignis vier Jahre zurückliegt. Es gibt neue Spieler, neue Trainer. Da wäre es fast idiotisch zu sagen, wir müssen den Titel verteidigen. Das 96er-Ereignis spielt meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle mehr.
Wie sehr belastet Sie die anhaltende Diskussion um Ihre Nachfolge?
Ribbeck: Die Nachfolgediskussion hat ja schon begonnen, bevor ich im Amt war. Ich kann damit gut umgehen. Mich würde es auch nicht stören, wenn es Gespräche mit Kandidaten gegeben hätte.
Aufgezeichnet von Mark Mittasch