Erich Ribbeck "Ich bin gescheitert"
Rotterdam - Wie ist das also, wenn man derart vernichtend geschlagen zum letzten Mal in einem Turnier den Weg von der Umkleidekabine zum Mannschaftsbus zurücklegen muss? 19 Spieler taten es am späten Dienstagabend in Rotterdam wortlos. Sie eilten schweigend am Kordon der Journalisten vorbei, die, wie es die Ordnung in diesem Turnier vorschreibt, hinter Absperrgittern für ein paar Minuten die Chance haben, den zwangsweise vorbeischreitenden Spielern ihre Kameras, Mikrophone und Diktiergeräte vors Gesicht zu halten.
Drei Spieler gaben dem Drängen nach. Vielleicht, weil es auch nicht schlimmer war, in strenge und empörte Reportergesichter zu blicken als in den Bus zu steigen und dort in leere, hilflose Mienen zu gucken. Also sprachen Thomas Linke, Mehmet Scholl und Oliver Kahn und variierten dabei Schuldgefühle und Zerknirschtheit, während ein paar Schritte weiter der designierte DFB-Chef Gerhard Meyer-Vorfelder von einem "Offenbarungseid" sprach und sich fast mit nostalgischer Verklärung erinnerte, vor eineinhalb Jahren auf ihrer legendären Florida-Reise, die eine Vorführung durch die Fußballzwerge der USA einschloss, habe die Mannschaft wenigstens Einsatz gezeigt. Hatte Thomas Linke das in Rotterdam nicht getan? Jedenfalls hatte er wieder nicht besonders gut ausgesehen in der gebührenden Distanz, die er zum dreifachen Conceição gehalten hatte. Linke erzählte also vielleicht zur Bewältigung der eigenen Gram einer Kamera nach der nächsten den Spielverlauf und welch tiefe Ursachen seine mäßige Beteiligung gehabt habe: Es war das Tor im ersten Spiel gegen Rumänien in der 4. Minute, das einen "Knackpunkt" für den Manndecker markiert hatte. Von seinem vorausgegangenen Fehler hat Linke sich nach eigener Einschätzung nicht mehr erholt.
Hingegen ist es Mehmet Scholl vermutlich ein Rätsel, wieso er von Spiel zu Spiel schlechter geworden ist. Sein Stand der Verarbeitung: Er sei "normalerweise nicht sprachlos", aber nun doch. Was ihm da nur noch mitzuteilen blieb: "Ich schäme mich."
Und Oliver Kahn hatte zu Protokoll zu geben schon "viel erlebt" zu haben und auch "keine Ausreden" für das, "was hier abgelaufen ist", finden zu wollen. Also sagte er: "Es ist eine Schande, was wir Deutschland angetan haben." Und dann wusste er noch zu beschreiben, dass er und die anderen gerade die deutsche Nationalmannschaft in irgendeinen "Graben" bugsiert hätten.
Erich Ribbeck, der Anführer dieses Unfallkommandos hatte da in der brütenden Hitze der Stadionkatakomben schon förmlich verkündet: "Ich möchte allgemein erklären, ich bin verantwortlich für die Mannschaft, auch, wie sie dieses Turnier gespielt hat." Und, weil er das Erreichen des Viertelfinales als gesetztes Ziel anerkannte, blieb für den Teamchef nur zu schlussfolgern: "Das ist nicht gelungen, also bin ich gescheitert." Seinen Rücktritt aber gab er in dieser Nacht überraschender Weise nicht bekannt.
Dann war der Spuk in Rotterdam vorbei. Um 23.33 rollte der Mannschaftsbus aus dem Stadion. Er schaffte es heil bis ins Quartier nach Vaals. Das ist das Erfreulichste, was man von diesem Ausflug sagen kann. Außer, dass er nun vorbei ist.