Erinnerungen eines Ex-Hooligans: Tournee der Torturen - DER SPIEGEL
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Erinnerungen eines Ex-Hooligans Tournee der Torturen

Der ehemalige Hooligan Toni Meyer war jahrelang geil auf Gewalt. Den Höhepunkt seiner Straßenkampfzeit erlebte er mit dem "deutschen Mob" in Rotterdam. Mittlerweile hat Meyer die Seiten gewechselt und versucht, Jugendliche vor dem Einstieg in die Hool-Szene zu bewahren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Toni Meyer war trotz zahlreicher Ausschreitungen in den Fußballstadien der Republik noch immer nicht gesättigt. "Ich habe mich wie ein Junkie hoch dosiert, ich wollte mehr, immer mehr." Wieder suchte er die unbekannten Nischen. Den Nervenkitzel. Er reiste mit seinen Münchner Kollegen ins Ausland, folgte dem FC Bayern zu den Spielen im Europapokal und der deutschen Nationalmannschaft zu brisanten Länderspielen. Gegen England oder Holland wurden die Feinde aus der Heimat plötzlich zu Verbündeten. Für wenige Stunden war der Hass vergessen, Hooligans aus München, Dortmund oder Hamburg bildeten plötzlich einen Mob. So war es bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland. Und so war es auch beim Spiel der DFB-Auswahl gegen Holland am 26. April 1989 in Rotterdam. Toni Meyer bezeichnet diesen Tag als Höhepunkt.

Schon vor Wochen war klar, dass es in Rotterdam nicht friedlich zugehen würde. Die Zeitungen sind gefüllt mit Schreckensszenarien. Und sie sollen Recht behalten. Am Spieltag herrscht Chaos in der Innenstadt. Autos mit deutschen Kennzeichen werden attackiert. Rauchbomben fliegen durch die Straßen, an jeder Ecke gibt es Schlägereien. Fensterscheiben zerspringen, Gitterstäbe werden aus ihren Verankerungen gerissen. 500 Deutsche befinden sich in Rotterdam.

Toni Meyer hastet durch die Gassen. Er wird von Holländern gejagt, er blickt sich um und spürt, wie der Schweiß seinen Rücken hinunter rinnt. Das ist es, wonach er sich gesehnt hat, "das ist der Kick". Plötzlich wird ein Deutscher neben ihm von einem Pflasterstein getroffen. Er sackt zusammen, blutet, zittert am ganzen Körper, als hätte er einen epileptischen Anfall. Wie ein Kriegsopfer ziehen sie ihn über den Asphalt in einen geschützten Hauseingang. Toni Meyer wartet einen Moment, bis sein Mitstreiter versorgt ist. Dann stürzt er zurück in die Gasse und hastet weiter. Eine Warnung war der Steinschlag für ihn nicht.

Das Katz- und Mausspiel geht weiter. Wer die Katze ist, und wer die Maus, wird an jeder Ecke aufs Neue verhandelt. Toni Meyer gerät in einen Hinterhalt, er sieht nur noch fremde Gesichter. Gegner. Ihm bleibt nur eine Möglichkeit: Er holt einen orangefarbenen Schal aus seiner Jackentasche, den er einem Holländer Minuten zuvor gestohlen hat. Für einen Moment fällt er in der aufgebrachten Masse nicht auf. Bis er etwas gefragt wird – und nicht antworten kann. Er ist ertappt, und schon zieht ein Holländer ein Messer. Toni Meyer steht starr auf der Stelle, seine Gesichtszüge gefrieren, zum ersten Mal in seinem Leben verspürt er Todesangst. Bevor Schlimmeres passiert, setzt er sich in Bewegung. Er läuft so schnell er kann und flüchtet in den Hauptbahnhof, wo viele deutsche Hooligans eine Pause einlegen. Er zittert am ganzen Körper und atmet tief durch. Kurz darauf drücken ihm Freunde ein paar Bierdosen in die Hand. War ihm das eine Lehre? Ist seine ewige Sehnsucht nach Schmerz nun gestillt?

Jede Sekunde ohne Freiheit ist schlimm

Meyer überlegt nicht mal eine Sekunde. Minuten später steht er wieder draußen auf der Straße und prügelt sich mit holländischen Fans. Satt ist er noch lange nicht. Manche würden es als krank bezeichnen, als pervers, aber in diesem Moment glaubte er tatsächlich daran Geschichte zu schreiben. Der amerikanische Journalist Bill Buford kann das nachvollziehen. Er hatte englische Hooligans Jahre lang begleitet und bei Krawallen irgendwann selbst Aggressionen entwickelt, in seinem Buch "Geil auf Gewalt" schildert er seine persönlichen Erfahrungen: "Ich spüre die Lust, ihn von hinten beim Hals zu packen und zuzudrücken, bis sein Atem aussetzt. Ich bin überzeugt, es ist ein echtes Bedürfnis und nicht nur eine gewalttätige Phantasie." Die Brutalität hatten ihn vollkommen eingenommen. Er bezeichnete sie als "Die Erfahrung absoluten Erfülltseins."

Fast zwanzig Jahre nach den Krawallen in Rotterdam bekommt Tony Meyer noch immer eine Gänsehaut. Es war die heftigste Zeit des Hooliganismus und die heftigste Zeit in seinem Leben. Er hatte es geliebt, am Morgen danach in die Zeitungen zu schauen. Die beängstigenden Bilder und Schlagzeilen waren Zeugnisse seiner Aggression. Seine Eltern hingegen waren tief enttäuscht, wenn wieder eine Anzeige im Postkasten landete. Er muss lange überlegen, um die Gesamtsumme der Strafgelder zu errechnen.

Vielleicht waren es umgerechnet 10.000 Euro, die er an Gerichte und Geschädigte zahlen musste, vielleicht waren es mehr. Die klassischen Vergehen waren Landsfriedensbruch und Körperverletzung. Zweimal erhielt er eine Bewährungszeit, drei Jahre und zwei Jahre. In dieser Zeit hielt er sich bedeckt. So gut es eben ging. Manchmal stand er auf dem Fernsehturm in München und beobachtete, wie seine Kollegen ihre Gegner vor sich her trieben. Ein Mal war er drei Wochen im Jugendgefängnis. "Jede Sekunde ohne Freiheit ist schlimm."

Wie Meyers Tournee der Torturen ein Ende fand, welchen Einfluss sein Sohn auf den Schläger hatte und wie er versucht, Jugendliche vor dem Einstieg in die Hooligan-Szene zu bewahren.

Geändert hatte sich Toni Meyer danach nicht, trotz der vielen Platzwunden und Knochenbrüche, die seine Sucht dokumentierten. Die Tournee der Torturen ging weiter. Er reiste zur WM 1990 nach Italien und zur EM 1992 nach Schweden. Er trat 1994 in Paris mit sechzig Verbündeten gegen 400 Hooligans von St. Germain an. Zwei Jahre später rächten sie sich an derselben Stelle für den ungleichen Kampf. Toni Meyer hatte noch immer nicht genug. Er suchte sich neben dem Fußball andere Nischen, in denen er sich austoben konnte. Mit Freunden fuhr er zu den Mai-Demonstrationen nach Berlin und prügelte sich mit Polizisten. Dahinter verbarg sich keine politische Haltung, betont Toni Meyer. "Ich wollte nur Spaß". Für die Polizisten war es dagegen bitterer Ernst.

Ein Jahrzehnt dauerte sein Leben als Hooligan nun schon. Als er dreißig wurde, begann er zaghaft über seine Zukunft nachzudenken. Sollte der Bundesliga-Spielplan auf ewig seinen Alltag bestimmen? Sollte er sich noch mit vierzig vor einem Richter verantworten müssen? Toni Meyer diskutierte viel mit seinen Freunden, er merkte, dass seine Sucht nach Schmerz nachgelassen hatte. Plötzlich vermisste er eine feste Beziehung, obwohl er niemals eine hatte.

Mit 27 war er Vater eines Sohnes geworden, doch mit der Mutter blieb er nicht lange zusammen. Er wollte sich nun mehr um das Kind kümmern. Er spürte seine Verantwortung, seiner Familie und sich selbst gegenüber. Zum ersten Mal ließ er sich nicht von Endorphinen steuern, zum ersten Mal dachte er an seine Gesundheit: "Das war ein Reifeprozess. Jetzt sind alle Entzugserscheinungen überwunden."

So wie Toni Meyer sich veränderte, so veränderte sich auch die Szene der Hooligans. Die Stadien wurden sicherer, durch Blocktrennung und Kamerasysteme, die Strafen wurden drastischer. Sozialpädagogen aus Fanprojekten kümmerten sich zunehmend um jugendliche Fans. Der klassische Hooligansimus aus England, so wie ihn Toni Meyer hautnah erlebte, trat in einen Auflösungsprozess. "Heute bestimmt nicht mehr der Spielplan den Gegner, heute bestimmen die Kontakte den Gegner."

Manchmal trifft er Schläger der neuen Generation, das lässt sich nicht vermeiden. Dann werden ihm die Geschichten brühwarm aufgetragen. Meyer hat noch immer einen gewissen Status in der Szene, auch wenn er das gar nicht will. Die Münchner Hooligans verabreden ihre Schlägereien per Handy. Sie treffen sich wie die meisten anderen in Deutschland in der Abgeschiedenheit. In Waldstücken, auf Wiesen oder in Industrieanlagen. Ihr Ziel: Die Polizei darf nichts mitbekommen. Gleichstarke Gruppen stürmen aufeinander los. Eine, maximal zwei Minuten dauert ein Kampf. Manchmal stellen sie sich ein zweites Mal auf. Studenten, Ärzte, Arbeiter oder Polizisten. Der Fußball ist weit weg.

"Warum sollte ich das bereuen?"

Meyer hat die Seiten gewechselt, er ist nur noch Theoretiker. Er arbeitet jetzt in einer sozialen Einrichtung, die sich um Jugendliche kümmert. Er, der die Gewalt so sehr liebte, sorgt nun dafür, dass andere ihr nicht verfallen. Er hat schon viele Jugendliche vom falschen Weg abgebracht. Er wirkt auf sie ein, spricht mit ihnen und versucht Lösungen zu finden. Wenn jemand in Schwierigkeiten ist, will er den Schaden zu begrenzen. Er begleitet junge Straftäter zu den Gerichtsverhandlungen, andere besucht er zu Hause oder im Gefängnis. Immer wieder hört er die gleichen Geschichten. Von Gewalt-, Drogen und Eigentumsdelikten. Meyer will seine Problemfälle nicht aufgeben. "Man darf ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie keine Perspektive haben", sagt er. Sätze wie diese hören die Jugendlichen oft. Doch aus seinem Mund, sagen sie, klingen sie ein bisschen glaubwürdiger.

Mit großer Freude spricht Meyer über sein zweites Leben. Bereut er sein erstes? Meyer schiebt seinen Teller in die Mitte des Tisches. Er überlegt einen Moment. "Warum sollte ich das bereuen?", fragt er zurück. "So habe ich damals empfunden." Er geht offensiv mit seinen Erinnerungen um, er möchte sie in einem Buch veröffentlichen. Das Manuskript hat er fertig gestellt, auch die Bilder früherer Krawalle hat er bei den Fotoagenturen bezahlt. Nur die Suche nach einem Verlag gestaltet sich schwierig. Viele wollen ihm kein Forum bieten. Nicht ohne kritische Einordnung. Toni Meyer wird weiter suchen.

Bleibt eine letzte Frage. Vermisst er die Adrenalinstöße? "Nein", sagt er. Manchmal machen sich die alten Reflexe bemerkbar. Wenn seine Freundin von jemandem angesprochen oder schief angeschaut wird, ertappt sich Toni Meyer manchmal dabei, wie die Lust der Gewalt wieder in ihm aufsteigt. Doch er kann sich beherrschen. Er holt sich den Kick nun woanders. In seiner Freizeit geht er surfen, fährt Motorrad, Kajak und Snowboard. Oder er geht ins Sportstudio und boxt. Ganz legal. Zum FC Bayern geht er nicht mehr regelmäßig, in der Hierarchie der Fankurve beansprucht er keinen Platz mehr.

Das Handy von Toni Meyer klingelt. Sein Sohn teilt ihm mit, dass er krank geworden ist und nicht zum Nachhilfe-Unterricht gehen kann. Meyer wird ihn bei der Lehrerin . Er redet gern über seinen Sohn, er ist sehr stolz auf ihn. "Er befindet sich gerade in einem schwierigen Alter." Ob sich der Junge schon geschlagen hat? "Nein!" Die Antwort kommt ohne Zögern. "Und darüber bin ich sehr froh." Toni Meyer kennt die Geschichten von Gewalt, Schmerz und seltsamen Süchten. Er muss sie nicht noch einmal hören. Erst recht nicht von seinem eigenen Sohn.

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