Erstligist Mainz 05 Problemspieler gesucht
Mainz 05: Erfolgssaison ohne Abstiegssorgen
In schöner Regelmäßigkeit musste sich Christian Heidel in den vergangenen Jahren mit ein und derselben Frage beschäftigen. Immer dann, wenn aus dem Frühling allmählich Sommer wurde, war es für den Manager des FSV Mainz 05 so weit: "In welcher Liga spielen wir eigentlich in der nächsten Saison?" Mal war sein Club akut abstiegsbedroht, mal mischte er kräftig um den Aufstieg mit (siehe Tabelle links). Planen konnte der 46-Jährige, wenn überhaupt, nur grob - in diesem Frühjahr aber sieht das alles ganz anders aus.
Was vor rund sechs Monaten niemand erwartet hatte, ist wahr geworden und wird sich wohl auch nicht so schnell ändern: Der Aufsteiger aus Mainz hat in der Bundesliga mit dem Kampf gegen den Abstieg nichts zu tun. "An diesen Gedanken müssen auch wir uns erst einmal gewöhnen", sagt Heidel SPIEGEL ONLINE. Er muss es wissen, denn er hat schon so gut wie alles miterlebt, 2011 wird er seit 20 Jahren dem Clubvorstand angehören.
Nach zwei Dritteln der Saison liegen die Rheinhessen auf einem nicht für möglich gehaltenen achten Platz, vor Hoffenheim, vor Stuttgart, sogar fünf Punkte vor Meister Wolfsburg. Zu Hause am Bruchweg hat Mainz noch nicht ein Mal verloren, 24 der 30 Punkte geholt, und viele der Spitzenmannschaften waren schon da: Die Bayern, Leverkusen, der HSV. Nach 18 von bislang 21 Spieltagen lag der Club auf einem einstelligen Tabellenplatz, acht Punkte betrug der Vorsprung am Ende der Hinrunde auf den Relegationsplatz. 13 sind es jetzt, vier Spiele nach Beginn der Rückserie.
Nachts ruhig schlafen, tagsüber wach sein
Bei diesen Zahlen verwundert es nicht, dass Heidel sagt: "Alle Dinge, die wir ge- oder verändert haben, haben gegriffen." Und Trainer Thomas Tuchel findet: "Wir können jetzt nachts beruhigt schlafen." Aber Tuchel wäre nicht der vom Siegeswillen angetriebene Perfektionist, als der er sich in rasantem Tempo einen Namen gemacht hat, würde er nicht noch hinzufügen, "tagsüber müssen wir nach wie vor hellwach sein".
Zweimal hat Mainz in der Rückrunde bereits gewonnen, jeweils 1:0 zu Hause gegen Hannover und Mönchengladbach. Dass beide Male spielerisch schwache aber kämpferisch starke Auftritte zu drei Punkten führten, stört die Rheinhessen überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. "Es ist doch das größte Kompliment für uns, wenn wir gewonnen, aber nicht gut gespielt haben", sagt Heidel. "Denn das ist die Bestätigung, dass wir Qualität besitzen." Qualität, die sich der FSV freilich verdienen musste, denn wenn sich der Verein vor fünf Jahren mal traute, nach gestandenen Fußballprofis wie Andreas Ivanschitz, Jan Simak oder Malik Fathi zu fragen, wäre deren Beratern wohl der Telefonhörer aus der Hand gefallen. "Heute haben wir den Verein aber soweit, dass wir mit und über solche Leute reden können", sagt Heidel. "Mainz ist auf einem neuen Niveau ein Thema geworden."
Letztlich aber ist es egal, welcher Name auf der Rückseite eines 05-Trikots zu lesen ist, an die vom ehemaligen Trainer Jürgen Klopp vor vielen Jahren eingeführte und von Tuchel fortgesetzte aggressive Spielweise müssen sich sowieso alle gewöhnen. "Die Mannschaften spielen nicht gerne gegen uns", sagt Heidel. "Denn wir treten unangenehm auf und tun den anderen weh. Nicht durch Foulspiel, aber durch aggressive Spielweise. Und es hat eben niemand gerne, wenn einem ständig jemand auf den Füßen steht."
Hinrunde spielerisch, Rückrunde kämpferisch
Dass die fußballerische Klasse, die Mainz im Herbst 2009 zu zeigen im Stande war, nicht über die ganze Saison anhalten würde, war abzusehen. Denn damals gelang dem Österreicher Ivanschitz, dem flotten Nachwuchsspieler André Schürrle oder auch Kapitän Tim Hoogland beinahe alles, was sie probierten. In der Rückrunde hingegen war bislang jede noch so unschöne Abwehraktion vonnöten, um die Punkte zu Hause zu behalten. Denn "nur der Abstand nach unten ist maßgebend", betont Heidel. "Hier muss sich niemand entschuldigen, wenn ein Spiel kein Glanzlicht war. Unterm Strich zählt nur der Erfolg."
Und den soll auch weiterhin ein Kader gewährleisten, dessen Zugänge auf zwei Säulen basieren: Zum einen auf der Integration eigener Jugendspieler (die Mainzer U19 wurde vergangenes Jahr Deutscher Meister). Und zum anderen auf Verpflichtungen, die Heidel wiederum in zwei Kategorien unterteilt. Erstens: Junge, entwicklungsfähige Spieler, zum Beispiel aus der Zweiten oder Dritten Liga. Zweitens: Etablierte Profis, die jedoch irgendein Problem mit sich bringen. Simak kam beispielsweise in Stuttgart nicht mehr zum Einsatz, Fathi sah in Moskau kaum noch Perspektiven. "Irgendwelche Makel müssen vorhanden sein, sonst haben wir keine Chance, gestandene Spieler zu bekommen", erklärt Heidel. "Ein Sprintkönig, der immer spielt und jede Torchance nutzt, würde nie nach Mainz kommen."
Auch künftig bedarf es viel Geschick, um Erstligaqualität erbringen zu können. Die sportliche Lage mag aktuell - passend zu den Fastnachtstagen - zwar kaum besser sein, dennoch wird der Club eine dauerhafte Bundesligazugehörigkeit nie garantieren können. Auch nicht mit dem neuen Stadion, das Anfang 2011 fertig sein soll. "Wir stehen dann wirtschaftlich zwar immer noch am Ende der Liga, aber dann haben wir Anschluss", sagt Heidel, der seine große Herausforderung darin sieht, den Verein unter den besten 24 in Deutschland zu etablieren. Mainz zähle zu den Mannschaften, die immer mit einem Abstieg rechnen müssten, stellt er klar. "Unser Ziel ist es aber, immer die Chance zu haben, wieder aufsteigen zu können." Im Februar 2010, als Tabellenachter, klingt das ziemlich bescheiden.