Euro 2000 Das deutsche Debakel
Rotterdam/Charleroi - Mit der höchsten EM-Niederlage und der schlechtesten Bilanz aller Zeiten hat sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von der Europameisterschaft verabschiedet. Der Titelverteidiger verlor am Dienstagabend in Rotterdam auch sein letztes Spiel in der Vorrundengruppe A gegen Portugals "Reserve" sang- und klanglos mit 0:3 (0:1) und kehrt erstmals in seiner 100-jährigen Verbandsgeschichte sieglos von einem bedeutenden Turnier nach Hause zurück. Vier Jahre nach dem EM-Triumph von Wembley ist das deutsche Team am absoluten Tiefpunkt angekommen.
Vor 50.000 Zuschauern im Stadion De Kuip kam die beschämende Vorstellung des Teams von Erich Ribbeck, für den es aller Voraussicht nach das Abschiedsspiel war, spielerisch und kämpferisch einem Offenbarungseid gleich. Alle drei Tore für die bereits vorher als Gruppensieger feststehenden Portugiesen erzielte Sergio Conceição (38./54./71.). Ein Sieg mit zwei Toren Differenz hätte die deutsche Mannschaft tatsächlich ins Viertelfinale bringen können, da Rumänien in Charleroi mit seinem Erfolg über England die zuvor erhoffte Schützenhilfe leistete. Ab Mitte der zweiten Halbzeit wurde das DFB-Team von ihren eigenen Fans verhöhnt und verspottet. Holländische Besucher des Spiels hielten in Anspielung auf die schwachen Vorstellungen von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus schadenfroh Transparente mit der Aufschrift "Lothar - bedankt!" ("Danke, Lothar!") hoch.
"Die Portugiesen haben uns vorgeführt, das war im höchsten Grade peinlich. Nachdem wir in Rückstand geraten sind, hat nichts mehr gepasst", sagte Ribbeck nach der schwächsten Vorstellung seiner Elf im Turnier, für die er die Verantwortung "ohne Wenn und Aber" übernahm. "Im Vorfeld des Turniers habe ich sehr deutlich gesagt, dass ein Ausscheiden in der Vorrunde auch für mich sehr wahrscheinlich mit Konsequenzen verbunden ist. Aber zu meiner Zukunft möchte ich heute nichts sagen." Er wolle am Mittwoch erst noch ein Gespräch mit DFB-Präsident Egidius Braun führen, kündigte der 63-Jährige an.
"Ich habe schon viel erlebt in meiner Karriere, aber das war das Bitterste. Ich schäme mich", gestand Torhüter Oliver Kahn. Jens Nowotny räumte ein, dass sich "eine deutsche Mannschaft so nicht präsentieren" dürfe. "Egal ob in der Qualifikation, im Endspiel oder in einem Freundschaftsspiel. Schlechter und mit weniger Engagement kann man fast nicht mehr spielen." Ein vernichtendes Urteil fällten auch andere Fußball-Experten. Jupp Heynckes, Trainer von Benfica Lissabon und lange Zeit Kandidat für die Ribbeck-Nachfolge, sprach vom "absoluten Tiefpunkt". Bayern-Vizepräsident Karlheinz Rummenigge sagte: "Wir haben uns katastrophal verkauft."
In einer Ansprache vor Spielbeginn hatte der zurzeit verletzte Kapitän Oliver Bierhoff die deutschen Fans um Unterstützung gebeten: "Feuert uns an, dann können wir es vielleicht noch schaffen." Rund 20.000 in die Niederlande gereiste Anhänger gaben sich alle Mühe, den Titelverteidiger wach zu rütteln, doch die Mannschaft präsentierte sich auch bei ihrem letzten Turnier-Auftritt nicht als Einheit und wirkte über weite Strecken so, als hätte sie sich bereits vorher aufgegeben gehabt.
Selbst als um 21.06 Uhr die Kunde von der rumänischen 1:0-Führung gegen England ins Stadion De Kuip drang, gab es auf der deutschen Bank keinerlei Reaktion. Immerhin schien die Mannschaft etwas mitbekommen zu haben und verzeichnete ihre fünf stärksten Minuten im gesamten Spiel, die in einem Pfostenschuss von Marco Bode (31.) nach Vorlage von Mehmet Scholl gipfelten. Danach verfiel die Elf allerdings wieder in den altbekannten Trott.
Die Mannschaft offenbarte auch im Duell gegen die mit neun Reservisten angetretenen Portugiesen all jene Mängel, die ihr bereits in den beiden ersten Begegnungen zum Verhängnis geworden waren. Das Team wirkte erneut verkrampft und hausbacken, zeigte kaum Spielverständnis und variierte das Tempo nicht. Die Probleme begannen in der Abwehr, wo Thomas Linke wie schon zum Auftakt gegen Rumänien bei den wenigen portugiesischen Vorstößen ein Unsicherheitsfaktor war, und setzten sich in Mittelfeld und Angriff fort. Bei seinem 150. und letzten DFB-Auftritt war Matthäus immerhin bemüht anzutreiben und Löcher zu stopfen. Seine Aktionen hatten im Gegensatz zu denen seiner Nebenleute meistens Hand und Fuß.
Die Führung für die Portugiesen, die der sträflich unbewachte Sergio Conceicao per Kopfball nach Flanke von Pauleta erzielte, war völlig verdient. Auch nach Wiederbeginn warteten die deutschen Anhänger vergeblich auf ein Lebenszeichen ihrer Mannschaft. Einige Akteure wie etwa Dietmar Hamann bauten jetzt noch stärker ab. Vor dem zweiten Treffer wurde Hamann durch Conceicao einfach ausgespielt. Beim zweiten Turnier-Tor des 25-Jährigen von Lazio Rom machte auch Kahn eine denkbar schlechte Figur. Der Bayern-Keeper ließ den Ball an den fangbereiten Händen vorbei ins Netz rutschen. Auch beim dritten Treffer von Conceicao sah die deutsche Elf in Gestalt des Münchners Linke nicht gut aus.
Mitte der zweiten Halbzeit kam der für Jancker eingewechselte Ulf Kirsten zu seinem 100. Länderspiel-Einsatz. Für den Leverkusener dürfte es ebenso der letzte Auftritt im DFB-Trikot gewesen sein wie für für den ebenfalls 34 Jahre alten Thomas Häßler, der zum 101. Mal in der Nationalmannschaft spielte. Beide Akteure dürften bei dem jetzt anstehenden Neuaufbau keine Rolle mehr spielen. Ob auch andere in die Jahre gekommene Spieler nach der EM abtreten, bleibt abzuwarten.