Euro 2000 Eine Fußball-Demonstration in Orange
Rotterdam - Mit einem historischen "Viererpack" hat ein Patrick Kluivert in Weltklasseform die Niederlande bei der Euro 2000 endgültig zum Titelanwärter Nummer eins gemacht und Jugoslawiens "böse Buben" praktisch im Alleingang gedemütigt nach Hause geschickt. Der 23 Jahre alte Superstar vom FC Barcelona verzauberte Fußball-Holland bei der 6:1 (2:0)-Galavorstellung im Viertelfinale mit vier Toren (24., 38., 51. und 54.) und erhielt bei seiner Auswechslung in der 58. Minute stehenden Ovationen der völlig begeisterten Fans.
"Ganz Oranje" träumt nach dem Erfolg, den Marc Overmars (78. und 90.) vor Savo Milosevics Ehrentreffer in der Nachspielzeit vollendete, nun zu Recht vom zweiten Europameister-Titel nach 1988. Denn nach dieser Vorstellung führt der Weg zum Titel nur über die Mannschaft von "Bondscoach" Frank Rijkaard, die am Donnerstag (18. 00 Uhr) in der Amsterdam ArenA im Halbfinale auf den dreimaligen Weltmeister Italien trifft. Die wie im Rausch spielenden Holländer führten die Jugoslawen vor 51.000 Zuschauern im Stadion De Kuip von Rotterdam vor und demontierten das Balkan-Team zeitweise sogar.
Nach taktischem Geplänkel in den ersten 15 Minuten übernahmen die Niederländer das Kommando und waren von da an dominant wie noch in keinem ihrer bisherigen EM-Spiele im eigenen Land. Eine Angriffslawine nach der anderen rollte auf das Tor der Jugoslawen, und nach der Führung demonstrierte das Rijkaard-Team Fußball modernster Prägung mit wunderbaren Kabinettstückchen, Kombinationsfluss und Dynamik.
"Ich bin stolz und hoch zufrieden", sagte Rijkaard, der seiner Mannschaft bescheinigte, "modernen Fußball» gespielt zu haben. "Es gibt im Fußball keinen Erfolg ohne leidenschaftlichen Einsatz, das haben wir heute perfekt umgesetzt." Auch Rekord-Torschütze Kluivert war glücklich: "Wir waren Chef auf dem Platz und haben bewiesen, dass wir uns gesteigert haben". Jugoslawiens Trainer Vujadin Boskov zollte dem Gegner Respekt ("Holland kann den Titel holen") und bekannte: "Nach diesem Torfestival ist meine Mannschaft zu Recht ausgeschieden."
Angetrieben vom kleinen Spielmacher Edgar Davids erspielte sich der Gastgeber Chance um Chance und ließ die mit zehn "Legionären" angetretenen Jugoslawen wie Statisten aussehen. Wenn in Ivica Kralj vom niederländischen Meister PSV Eindhoven nicht der beste Jugoslawe im Tor gestanden hätte, die Begegnung wäre für das Team von Jugoslawiens Vujadin Boskov zu einer Katastrophe geworden.
Patrick Kluivert setzte dem Klassespiel mit höchstem Unterhaltungswert seinen Stempel auf. In seinem 44. Länderspiel schraubte er sein Torkonto auf insgesamt 27 Treffer und übernahm mit nunmehr sechs Treffern bei der Euro 2000 die Führung in der Torjägerliste. Der "Barca-Star" dürfte zu dem EM-Star der elften Endrunde aufsteigen. Edgar Davids war neben ihm der Mann, der die meisten Ballkontakte hatte, das Spiel von "Oranje" lenkte und ankurbelte und Dynamik ins Spiel brachte. Auch der wieselflinke Boudewijn Zenden auf der linken Außenbahn und Dennis Bergkamp bei seiner letzten EM waren feste Größen in Hollands Team, das keinerlei Schwachpunkte aufwies. Torhüter Edwin van der Sar nach seiner auskurierten Oberschenkelzerrung wieder im Tor der Co-Ausrichter verhinderte in der 15. Minute bei einer Großchance von Predrag Mijatovic in seinem 50. Länderspiel einen möglichen Rückstand. Die Jugoslawen, die in diesem Turnier drei Platzverweise hinnehmen mussten, waren gegen die wie entfesselt auftrumpfenden Niederländer nur ein Spielball. Die Mannschaft war viel zu ängstlich und brav, tat nichts für das Spiel und war mit dem Ergebnis noch gut bedient. So dürfen Stars ein EM-Viertelfinale nicht bestreiten, man darf einfach mehr Kampf, Einsatzwillen erwarten, auch wenn der Gegner hoch überlegen ist. Nur Ivica Kralj verdient Erwähnung. Dagegen gingen international bekannte Spieler wie Predag Mijatovic, der zuvor schon viermal bei der EM erfolgreiche Savo Milosevic oder Sinisa Mihajlovic und Dragan Stojkovic im Sturmwirbel des Europameisters von 1988 unter. So hatten die Jugoslawien nicht den Hauch einer Chance, um sich für den K.o. im Achtelfinale bei der WM 1998 in Frankreich (1:2) zu revanchieren.