Ewiger WM-Favorit Spanien Der nächste Versuch
Das ging ja gut los. Als die spanische Nationalmannschaft vor knapp einer Woche auf dem Dortmunder Flughafen ankam, sorgte Luis Aragones gleich für Irritationen. Den zur Begrüßung dargebotenen Blumenstrauß kommentierte der spanische Trainer mit den Worten: "Was soll das, mir einen Strauß zu geben? Der passt doch nicht in meinen Arsch." Aragones, 67, ist nicht wirklich für Höflichkeiten bekannt. Den französischen Stürmerstar Thierry Henry hat er vor laufender Kamera schon einen "Scheißneger" genannt, angeblich um seine eigenen Spieler zu motivieren. Diesmal der Hintergrund des cholerischen Ausfalls: Im Dortmunder Blumenstrauß waren gelbe Blumen dabei. Und gelb ist in Spanien die Farbe des Unglücks.
Wenig Glück ist das passende Stichwort für die Spanier. Alle vier Jahre wieder ist das Land ein hoch gewetteter Geheimfavorit, um dann doch mehr oder weniger sang- und klanglos auszuscheiden. Elf Mal war Spanien bei einer WM dabei, einmal sprang Platz vier heraus im Jahr 1950. Ansonsten war in der Vorrunde oder spätestens im Viertelfinale Schluss. Jetzt trauen viele den Spaniern wieder einmal zu, weit zu kommen. Aber ist das diesmal realistisch?
Die Voraussetzung ist die gleiche wie bei vielen Turnieren zuvor: Spanien hat eine Fülle ausgezeichneter Spieler dabei. Was die individuelle Qualität des Teams angeht, setzt diese WM im Vergleich zur vergangenen sogar noch einen drauf. Der gesamte Kader spielt bei spanischen oder englischen Topclubs. Allein neun Spieler haben mindestens ein Mal die Champions League gewonnen zuletzt Carles Puyol, Andres Iniesta und Xavi mit dem FC Barcelona. Die hohe Qualität beweist auch der Umstand, dass sich Aragones den Luxus leisten kann, keinen Spieler vom Uefa-Cup-Sieger FC Sevilla nominiert zu haben.
Aber ist diese Versammlung von Einzelkönnern eine Mannschaft? Viele Erklärungen gab es schon, das schwache Abschneiden der Spanier zu erklären. Das gespannte Binnenverhältnis von Nationalspielern aus dem Baskenland, Katalonien und Kastilien zum Beispiel. Oder die dominante Stellung des Clubfußballs: In Spanien ist man seit jeher nicht unbedingt glühender Anhänger der Nationalmannschaft, sondern Fan von Real Madrid oder Barça. Und der jahrelange Misserfolg war auch nicht dazu angetan, hohe Sympathiewerte zu erlangen.
Der aktuelle Kader ist jung und weniger von regionalen Patriotismen geprägt als vorherige Spielergenerationen das spricht für das spanische Team. Ob Aragones allerdings der richtige Trainer ist, ist eine andere Frage. Die Stars der Primera División sind es ebenso wie die Kollegen aus der Premier League gewohnt, offensiv zu spielen. Aragones, der in den siebziger und achtziger Jahren bereits Real Madrid, deren Stadtrivalen Atlético sowie den FC Barcelona trainiert hat, präferiert eine defensive Grundordnung. In der ersten Begegnung gegen die Ukraine (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gilt es, die Balance zwischen dem Sicherheitsbedürfnis des Trainers und dem offensiven Drang von Spitzenkönnern zu finden.
Einer der Stars musste diesem Defensivgedanken schon weichen: Kapitän Raùl wird im Auftaktspiel auf der Bank Platz nehmen. Und auch wenn sich der Stürmer von Real Madrid handzahm gibt ("Ich akzeptiere die Entscheidung"), Aragones wird Schwierigkeiten haben, sich den Respekt des Star-Teams zu erarbeiten.
Doch die spanische Gruppe ist mutmaßlich leicht. Selbst bei einer Niederlage gegen die ebenfalls stark eingeschätzten Ukrainer kann Spanien durch Siege gegen Tunesien und Saudi-Arabien noch weiterkommen. Wie weit es nach dem Achtelfinale weitergeht, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen. Klar ist nur eins: Glück können die Spanier brauchen, denn bei der WM 2002 schied eine überzeugend spielende Mannschaft im Viertelfinale gegen Südkorea erst nach Elfmeterschießen aus.