Ex-Profi Deisler: Das zerbrechliche Wunderkind - DER SPIEGEL
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Ex-Profi Deisler Das zerbrechliche Wunderkind

Er galt bereits mit 18 als die größte Hoffnung des deutschen Fußballs - und konnte doch fast nie das zeigen, was möglich gewesen wäre. Angesichts seiner Leidensgeschichte war Sebastian Deislers Abschied wohl das Beste, was er tun konnte.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beinahe wäre Sebastian Deisler Weltmeister geworden. Im Achtelfinale erzielte er den Führungstreffer für die Nationalmannschaft, erst im Halbfinale gegen Brasilien kam das Aus. Es war die Junioren-WM im Spätsommer 1997 in Ägypten, bei der ein torgefährlicher, enorm schneller und technisch brillanter 17-jähriger Rechtsfuß aus dem Nachwuchsteam von Borussia Mönchengladbach erstmals eine breite Öffentlichkeit beeindruckte. Abgesehen von einem zweiten Platz bei der U18-Europameisterschaft 1998 sollte es Deislers größter internationaler Erfolg bleiben.

Fußballer Deisler: Eine Karriere voller Schmerzen

Fußballer Deisler: Eine Karriere voller Schmerzen

Foto: DPA

Gut neun Jahre später, am 25. November 2006, ließ Deisler, inzwischen beim FC Bayern, 36-facher Nationalspieler und mit einer langen Krankeitsgeschichte belastet, die Fans zum letzten Mal staunen. Zur Halbzeit eingewechselt, spielte der 26-Jährige beim Auswärtsspiel in Hamburg ganz groß auf, gab zwei Torvorlagen und sorgte dafür, dass die Bayern einen 0:1-Rückstand noch in einen 2:1-Sieg verwandelten. Die überragende Leistung verblüffte umso mehr, als es erst Deislers zweiter Einsatz in dieser Saison war. Ein Knorpelschaden am Knie hatte ihn zuvor monatelang außer Gefecht gesetzt.

Eine schwere Verletzung, ein Comeback, ein hoffnungsvoller Auftritt mit Zügen von Genialität - des letzte große Spiel von Sebastian Deisler fasst das immer wiederkehrende Muster seiner Karriere perfekt zusammen. Schon als der Gladbacher Neuprofi im Jahr nach der Junioren-WM in der Bundesliga brillierte, stoppte den 18-Jährigen im Oktober 1998 nach kurzer Zeit ein Kreuzbandriss. Als Deisler heute seinen Rücktritt verkündete, sendeten die Nachrichtenagenturen als eine der ersten Reaktionen eine Auflistung seiner Verletzungen.

Eine Aufzählung seiner Titel hätte Deislers Karriere auch nicht widergespiegelt, obwohl er je dreimal deutscher Meister und Pokalsieger wurde. Viel schwerer wiegt, was Deisler hätte erreichen können, wenn sein Körper und seine Psyche mitgespielt hätten. Von seinen DFB-Jugendtrainern wie Rainer Bonhof bis hin zu den konkurrierenden Mitspielern des FC Bayern lobte ihn ziemlich jeder, der ihn etwas länger auf dem Fußballplatz erlebt hatte, als einen der begnadetsten Kicker, die ihnen je untergekommen waren. Der ebenfalls nicht gerade untalentierte Mehmet Scholl gab nach den ersten gemeinsamen Trainingseinheiten bei den Bayern verblüfft zu Protokoll, dass er noch nie einen gesehen habe, "der am Ball so viel draufhat".

Nur zeigen konnte es Deisler allzu selten. Wenn er einmal weitgehend verletzungsfrei blieb wie 2000, dann hatte er das Pech, in einer grottenschlechten Nationalmannschaft spielen zu müssen, die bei der Europameisterschaft in drei jämmerlichen Spielen gerade mal ein Tor erzielte. Dass Deisler selbst in solchen Situationen das Kommando übernommen hätte, was angesichts seiner Fähigkeiten auch schon mit 20 Jahren möglich gewesen wäre, war und blieb undenkbar.

Zum Leitwolf taugte der sensible Profi nie, was sich auf dem Spielfeld auch darin zeigte, dass er selbst bei einer allenfalls durchschnittlichen Mannschaft wie Hertha BSC zumeist auf die rechte Außenbahn abgedrängt wurde. Noch viel weniger gelang es ihm jedoch, seine Position außerhalb des Platzes zu finden. Die Erwartungen an ihn schienen ihn ebenso zu erdrücken wie jene Reporterrudel, die sich bei jedem Pressetermin in Berlin, München oder bei der Nationalmannschaft unweigerlich um seinen Tisch bildeten. Nur kurz, fast scheu blickte Deisler jedem Fragesteller entgegen, der sich an seinen Tisch setzte. Von kaum einem anderen Spieler wollten die Journalisten so gern mehr erfahren, doch kein Spieler wollte so wenig von sich preisgeben wie er.

Dieses Missverhältnis hatte fatale Folgen: In seiner Zeit bei Hertha BSC galt Deisler ungewollt als arrogant und wurde von den eigenen Fans ausgepfiffen. Der Unmut steigerte sich noch, als sein Wechsel zum FC Bayern und die Zahlung eines umstrittenen Handgeldes tagelang in den Zeitungen diskutiert wurden. In einem Interview mit dem Magazin "11 Freunde" bedauerte Deisler, dass er nicht direkt von Mönchengladbach nach München gegangen war: "Dort verteilt sich der Hype auf mehrere Schultern. Ein junger Spieler kann sich dort in Ruhe entwickeln. In Berlin hat sich alles auf mich gestützt. Wobei ich das auf dem Platz ja auch wollte. Aber eben nicht so sehr außerhalb. Mein Problem war, dass ich nach der WM 1998 allein auf weiter Flur war. Die Sehnsucht nach großen deutschen Talenten war so groß, dass sich in dem Moment alles auf mich fokussiert hat."

In München, wo sich drei Boulevardblätter und diverse TV- und Radio-Privatsender auf jede Neuigkeit rund um den FC Bayern stürzen, musste sich Deisler dann aber wegen Depressionen Ende 2003 gar in stationäre Behandlung begeben. Dass die Clubführung, allen voran der allgewaltige Manager Uli Hoeneß, ihn nie in Frage stellte, schien Deisler immerhin zu helfen.

In der Saison 2004/2005 bestritt er trotz eines Rückfalls mit psychischen Problemen 23 Saisonspiele - mehr als 25 schaffte er nie - und überzeugte anschließend beim Konföderationen-Cup, bei dem er in allen fünf Spielen zum Einsatz kam. Für die WM 2006 war er auf der rechten Seite der Nationalmannschaft fest eingeplant, bis die Knorpelabsprengung im rechten Knie im März 2006 alle Träume zunichte machte. Schon 2002 hatte ihn eine ähnliche Verletzung im letzten Vorbereitungsspiel gegen Österreich die Teilnahme an der WM in Japan und Südkorea gekostet. Angesichts seiner Leidensgeschichte ist es geradezu verwunderlich, dass es Deisler überhaupt auf 36 Länderspiele brachte.

Dass der 27-Jährige nun seine Karriere beendete, obwohl er sich vor wenigen Tagen noch zuversichtlich gezeigt hatte, in der Rückrunde durchspielen zu können, zeigt zum einen, wie wenig von seinem Innenleben der Star wider Willen bis heute der Öffentlichkeit preisgeben wollte. Andererseits ist Deislers Schritt ein Hoffnungsschimmer. Statt immer die Angst vor der nächsten Verletzung oder der nächste psychischen Krise zu verspüren, hat sich der oft labil wirkende Fußballer entschlossen, rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen. Vielleicht gelingt ihm der Sprung in ein neues Leben besser als das alte, in dem er womöglich immer nur das Versprechen auf eine bessere Zukunft geblieben wäre.

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