FA-Cup-Finale England im Pokalfieber
London - Pat Rice, 52, ist der Mann, der in den Tagen vor dem englischen Cup-Finale im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses auf der Insel steht. Und das Interesse hat sich wieder mal zu einem veritablen Pokalfieber ausgewachsen, schließlich wird seit 129 Jahren um den pompösen Pott gespielt, der damit der dienstälteste Pokal der Welt ist. Der Nordire Rice ist das Rampenlicht nicht mehr unbedingt gewohnt, denn als Co-Trainer des FC Arsenal steht er gewöhnlich im Schatten seines Chefs Arsène Wenger oder von Weltstars wie Patrick Vieira oder Thiery Henry.
Erinnerungen an 1971
Älteren Fans der "Gunners" aus Nord-London jedoch ist Rice als Spieler und Kapitän in bleibender und bester Erinnerung. Nicht weniger als sechsmal stand der Verteidiger mit Arsenal im Cup-Finale, das dramatischste Endspiel war dabei das des Jahres 1971, als der Gegner - wie am Samstag - FC Liverpool hieß.
Rice war damals 22 Jahre alt, und Arsenal hatte fünf Tage zuvor bereits die Meisterschaft geholt, als die Mannschaft im Wembley-Stadion auflief. Es war ein - für die Insel untypischer - brütend heißer Tag, und nach Ablauf der regulären Spielzeit war noch kein Tor gefallen. In der Verlängerung ging Liverpool in Führung, doch Arsenal konnte ausgleichen und Charlie George hämmerte schließlich in der 111. Minute einen denkwürdigen Siegtreffer in das Liverpooler Tor.
Dieser Schuss und der bösartige Kater am Tag nach der exzessiven Siegesfeier sind Rice bis heute in bleibender Erinnerung. Für den Schriftsteller und Arsenal-Fan Nick Hornby ("Fever Pitch") markierte das Jahr des "Double" ein annus mirabilis für die Gunners.
Babbel contra Henry und Wiltord
"Ich hoffe, dass wir diesmal das erste Tor schießen", sagt Pat Rice hinsichtlich des Duells in Cardiff, wohin das Finale wegen des derzeitigen Umbaus des Wembley-Stadions verlegt wurde. Und er hat durchaus Anlass optimistisch zu sein. Dennis Bergkamp ist nach Problemen mit der Achillessehne wieder fit und kann den Arsenal-Sturm mit Thiery Henry und Sylvain Wiltord komplettieren.
Liverpools Angreifer sind allerdings auch nicht zu unterschätzen, denn Michael Owen und Emile Hesky präsentieren sich zur Zeit in formidabler Form, ebenso der Merseyside-Oldie Gary McAllister, 36. Und wie stark der FC Liverpool in der Defensive ist, in der der ehemalige deutsche Nationalspieler Markus Babbel zu einer nicht mehr wegzudenkenden Stütze herangewachsen ist, zeigte er im Uefa-Cup-Halbfinale gegen den FC Barcelona. Barca gelang - Rivaldo hin, Kluivert her - in über 180 Minuten kein Tor gegen die "Reds".
Hamanns Erinnerungen
"Das FA-Cup-Finale ist einfach traumhaft. Das ist ganz anders anzusiedeln als der DFB-Pokal. Das zählt in England unglaublich viel", freut sich Babbel und bedauert: "Schade, dass es nicht in Wembley stattfindet, das wäre natürlich der Klassiker". Was der FA-Cup den Fußballfans in England bedeutet, hat Babbel am eigenen Leib gespürt: "In Deutschland ist das Endspiel wichtig, aber die Spiele davor nicht. Hier in England kann man jedoch in einer der ersten Runden gegen einen Dritt- oder Viertligisten spielen, und es kommen trotzdem über 30.000 Zuschauer ins Stadion."
Sein Landsmann im Mittelfeld von Liverpool, Didi Hamann, kann dem nur zustimmen. Mit Newcastle United stand er vor zwei Jahren in Wembley schon einmal im FA-Cup-Finale, wenngleich die Erinnerungen an das Spiel keine allzu schönen sind. "Es war eine Enttäuschung. Ich war ausgelaugt, leer", erinnert sich der Nationalspieler an die 0:2-Niederlage gegen Manchester United. Nach fünf Minuten hatte er einen Schlag auf den Oberschenkel erhalten und kurz vor der Pause den Platz verlassen müssen.
"Ein brutales Programm"
In diesem Jahr soll alles anders werden. Liverpool ist allerdings in Gefahr, ein Opfer des eigenen Erfolges zu werden. Das Team hat in dieser Saison bereits 61 Spiele absolviert: ein "brutales Programm" (Babbel), das unvermeidlich an den Kräften zehrt. Den Liga-Cup hat Liverpool schon geholt, nach dem Finale von Cardiff reist die Mannschaft nach Deutschland, wo sie am Mittwoch nächster Woche in Dortmund das Uefa-Cup-Finale gegen den spanischen Kaiserslautern-Killer Alaves bestreitet.
Brauchen könnten die beiden Traditionsclubs den FA-Cup gleichermaßen. Hinter Manchester United, den Bayern Englands, steht Arsenal derzeit in der Premier League an Nummer zwei, Liverpool an Nummer drei. Arsenal lieferte, wie schon im Jahr zuvor, eine - am Potenzial gemessen - suboptimale Saison ab. Liverpool hingegen hat sich imposant in der Spitze des englischen Fußballs zurückgemeldet, was nicht zuletzt ihrem französischen Trainer Gérard Houllier zu verdanken ist.
Vorteil für Arsenal
Während Arsenal das Ticket für die Champions League schon wie gut wie sicher hat - das aus schnöden finanziellen Gründen wichtiger ist als der Cup - muss Liverpool unbedingt auch noch sein letztes Ligaspiel gewinnen. Obwohl das Houllier-Team in der Meisterschaft Arsenal im heimischen Anfield mit 4:0 demütigte, sprechen die Statistik und die Historie eher für die Gunners.
Fünfmal hat Liverpool den Cup geholt, Arsenal siebenmal. Liverpool stand zuletzt 1996 im Endspiel und verlor, Arsenal gewann zwei Jahre später. Außerdem ging der Club aus Nord-London in einem Finale gegen Liverpool noch nie geschlagen vom Platz. Und eigentlich müssen sich die Jungs von Arsène Wenger nur ein Beispiel an ihren Club-Kolleginnen nehmen. Am Montag gewann die Damenmannschaft Arsenals den FA-Cup der Frauen.