Fall Amerell Ende des Versteckspiels
Kläger Amerell: Einsicht in die Eidesstattlichen Versicherungen
Foto: Lukas Barth/ dpaDer Sitzungssaal 270 im zweiten Stock des Münchner Justizpalastes hat eine lange Geschichte hinter sich. Hier wurden schon im "Dritten Reich" Prozesse geführt, hier wurden die Geschwister Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst, Mitglieder der Widerstandsorganisation Weiße Rose, 1943 zum Tode verurteilt.
Die alten Stuckverzierungen sind längst entfernt worden aus dem Saal, die Holzstühle und -bänke durch gepolsterte Stühle ersetzt, anstelle der Hängeleuchten erhellen Deckenstrahler den Raum. Und natürlich liegt der Causa Amerell gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die am Donnerstag hier verhandelt wurde, nicht im Entferntesten diese Bedeutungsschwere zu Grunde. Es ging um angebliche sexuelle Übergriffe des früheren Schiedsrichters Manfred Amerell und seine Klage auf Unterlassung dieser vom DFB aufgestellten Vorwürfe.
Um ein Uhr warten rund 150 Journalisten, Kameramänner, Fotografen und ein paar neugierige Bürger im größte Sitzungssaal des Justizpalastes ungeduldig auf den Prozessbeginn. Allein: Kläger und Beklagter kommen nicht. Sie verhandeln, das wird später klar, seit 11.30 Uhr ein paar Türen weiter über einen Vergleich, damit es nicht vor Gericht zu einer öffentlichen Schlammschlacht kommt. Die Zeit verrinnt, der Medientross sitzt, redet, läuft hinaus, falscher Alarm, läuft wieder hinein. Die Gerichtssprecherin vertröstet die Schar ein Mal, dann ein zweites Mal. "Noch eine halbe Stunde, bitte."
Um 14.55 erst kommen die Protagonisten. Amerell betritt mit drei Anwälten den Raum. Neben Jürgen Langer sind es zwei Juristen der Kanzlei Paproth, Metzler & Partner. Amerell scheint das minutenlange Blitzlichtgewitter zu genießen, er steht bereitwillig noch einmal auf, als er von den Fotografen und Kameraleuten dazu gebeten wird.
Der 63-Jährige tauscht sich mit seinen Anwälten aus, lächelt. Und doch ist auch ihm, dem Kläger, die Anspannung anzusehen. Adern pulsieren an seiner Schläfe, er kaut Kaugummi. Die Anwälte des DFB, Chefjustiziar Jörg Englisch und Medienrechtler Christian Schertz, sitzen gegenüber der Klägerbank auf ihren Stühlen.
"Zivilprozess in jeder Hinsicht erfolgreich"
Richter Peter Lemmers eröffnet die nur fünfminütige Sitzung launig: Eigentlich hätten sich beide Seiten bereits am Mittwochabend einigen wollen, doch dann sei das Länderspiel dazwischengekommen. Danach kommt Lemmers schnell zur Sache. Ein Vergleich sei geschlossen worden in jenen dreieinhalb Stunden, die beide Parteien zusammengesessen waren.
Amerell dürfe die Originale der Eidesstattlichen Versicherungen lesen, in denen Schiedsrichter ihn belasten. Das war ihm vom DFB zuvor nicht erlaubt worden. Allerdings müsse er 25.000 Euro Strafe zahlen, falls er die Namen der bisher nicht in der Öffentlichkeit bekannten Schiedsrichter, die die Erklärungen verfasst haben, anderen Personen als seiner eigenen Ehefrau nennt. Auch nehme Amerell seinen Antrag auf Unterlassungsklage zurück. Dem DFB sei es somit weiterhin gestattet, die Vorwürfe zu verbreiten. Punkt.
"Die öffentliche Sitzung ist hiermit beendet."
Und geht in anderer Form an einem anderen Ort weiter. Amerells Anwalt verwies auf einen geplanten TV-Auftritt des ehemaligen Schiedsrichters am Donnerstagabend in der Sendung "Kerner" (Aufzeichnung beginnt um 22.15 Uhr, Sat.1). "Mein Mandant wird sich zum weiteren Vorgehen äußern", sagte Langer, "bitte haben Sie Verständnis, dass ich jetzt keine Details nennen kann". Schon vorab wurde bekannt, dass Amerell in der Sendung erklärt hatte, dass "alle vier demnächst vom Staatsanwalt hören werden".
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird Amerell bei seinem Auftritt im Fernsehen außerdem ausführlich über sein Verhältnis zu Kempter reden. Wie zu erfahren war, plant der 62-Jährige, "klare Aussagen" über die Art der Beziehung zu tätigen, die über einen "langen Zeitraum" bestanden habe. Tenor: Er, Amerell, habe Kempter keinesfalls zwingen müssen, gemeinsam Zeit zu verbringen.
Mit dem Ausgang des Verfahrens war Langer sehr zufrieden. "Für uns ist es bestmöglich gelaufen", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir haben unser Hauptziel erreicht und erhalten nun Einblick in die Unterlagen. So kennen wir Ross und Reiter und können zum Inhalt der Vorwürfe endlich Stellung beziehen." Auch Amerell sah sein Ziel erreicht: "Ich bin zufrieden mit dem Tag. Der Sinn der Sache war, dass wir die Namen kriegen", sagte er und war froh über das Ende des "Versteckspiels": "Ich weiß jetzt, wer das ist - und das ist gut so."
"Information, dass ich am Sonntag pfeifen soll"
Wann die Durchsicht der DFB-Unterlagen abgeschlossen sei, konnte Langer nicht sagen. Auch zu möglichen Strafanzeigen gegen die drei anderen Schiedsrichter, die wie Kempter Amerell belastet hatten, wollte sich Langer nicht äußern.
Derweil berichtet Sat.1 unter Berufung auf DFB-Kreise, dass Kempter offenbar am Wochenende noch nicht auf den Platz zurückkehren wird. Kempter sagte dazu: "Bislang habe ich die Information, dass ich am Sonntag pfeifen soll." Der für die Ansetzungen zuständige Schiedsrichterausschuss-Vorsitzende Volker Roth erklärte am Abend: "Das steht noch nicht fest." Ursprünglich war angedacht, dass der 27-Jährige am Sonntag ein Zweitliga-Spiel leiten soll. Im Gespräch war die Partie zwischen Union Berlin und dem MSV Duisburg. Kempter war zuletzt von Einsätzen freigestellt worden.